Zum Tod von Susanne Lothar: Schwarze Spiele in der Nacht

Von Matthias Matussek

Sie war eine Schauspielerin, die auf der Bühne, vor der Kamera die Extreme suchte. Eine Frau, die leidenschaftlich war, loyal, brechend komisch, immer intensiv: Susanne Lothar ist im Alter von 51 Jahren gestorben. Ein persönlicher Abschied.

Trauer um Susanne Lothar: Brillant und facettenreich Fotos
DPA

Meine Freundin Suse Lothar tot.

Die Nachricht erreicht mich im Urlaub, unter lauter sonnenbraunen, lebenssatten Nörglern und "Bild"-Lesern.

Wie soll man das wegstecken? Mit der ewiggültigen Phrase, dass es einmal mehr beweist, wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist und dass man jeden Tag Grund zur Dankbarkeit hat?

Und nun die Erinnerungen, die rückwärtsgewandte Prophetie: Ist es geschmacklos, sich nun einzubilden, dass sie in ihrer Coolness und unbestreitbaren Erdnähe schon immer umflort schien von Molltönen, von Tragik?

Dass man den frühen Tod ihres Vaters Hanns Lothar nie vergaß, und dass ihre lustige Kernigkeit immer diese Durchsichtigkeit hatte? Ja, sie war bisweilen so dünn, dass sie sich aufzulösen schien. Aber dann stand sie auf der Bühne, etwa in Sarah Kanes "Gesäubert", nackt und frierend und verletzlich, und sie schrie ihre Liebe und ihre Angst und ihren Weltekel mit derartig kräftiger Todesverachtung aus sich heraus, dass es, ja: unbequem wurde.

Mit ihr stand, damals, 1998, Uli Mühe auf der Bühne, auch er ein Freund (und verflucht ausdauernder Tennispartner). Nun starb Suse ihm nach. Vielleicht wollten ihre Kräfte nicht weiter ohne ihn, denn sie waren miteinander verwoben, auf der Bühne, im Leben.

Wie habe ich sie bewundert. Damals, als ich eine Probe zu "Lulu" mit angesehen hatte, 1988, da war sie witzig und zerbrechlich und von komplett entwaffnender, unschuldiger Nacktheit. Sie war nicht schön, ihre Brüste hingen, Zadek sah es, ich sah es, alle würden es sehen im Schauspielhaus, dieser großen, allzu großen Kunstzermalmungsmaschine mit 1500 Zuschauern. Sie war noch nie nackt auf der Bühne und maßlos eingeschüchtert. Sie hat gekotzt vor Nervosität. Sie war das Gegenteil von abgebrüht.

Doch mit Suses "Lulu", diesem trotzigen Fünf-Stunden-Triumph, knöpfte das Schauspielhaus 1988 noch einmal an die heroischen Tage an, an die poetischen "Ihr könnt mich mal"- Tage von Mattes und Wildgruber und Zadeks wüstem Shakespeare-Zirkus - und das mit Wedekind. Suse also war nackt, bis auf die Seele nackt, und ich sagte ihr, wie großartig sie war. Wie wundervoll. Wir gingen viel spazieren. Nach ihrem umjubelten Premierenerfolg bedankte sie sich - bei mir! Weil ich ihr Mut gemacht hätte, was wertvoll für sie war, weil ich von außen kam. So war sie, leidenschaftlich, loyal, brechend komisch, und immer intensiv und auf der Kippe.

Funny Games: Schwärzer kann man das Leben nicht kommentieren

Als sie neben Uwe Bohm in "Andi" auf der Bühne stand, konnte man erleben, wie rührend und tränentrivial sie sein konnte, mit welcher Inbrunst sie diesen Maffay-Song sang an Andis Grab: "Wenn du gehst, dann geht auch ein Stück von mir..." Heines Harfenmädchen war das, "es sang falsch und mit echtem Gefühle." Zadek mochte sie schutzlos, in ihrer kräftigen Art. Auch in Sarah Kanes Schocker "Gesäubert" stellte er sie nackt hin. Und wieder hielt sie dagegen mit einer rührenden Liebessehnsucht, amputiert und verstümmelt und den Phantasien eines Sadisten ausgeliefert drang sie durch diese Bühnenhölle, tapfer und unvergesslich. Ich fand sie toll, fand aber, sie solle mehr essen. Sie bestellte Wein und steckte sich die 18. Zigarette an.

Sie war auf diese Grenzgänger-Rollen abonniert, die bisweilen schwer erträglich waren. Sie hatte mir nach Rio ihren Haneke-Thriller "Funny Games" geschickt, den ich, nichtsahnend, meinen brasilianischen Freunden vorführte.

Suse und Uli spielen ein Paar, das von zwei Psychopathen in ihrer Villa überfallen wird, die Sadisten quälen die beiden zum eigenen Amüsement stundenlang - bis zum Tod.

Unsere Freunde fanden sich nach 20 Minuten alle verschreckt oder kopfschüttelnd in unserer Küche zusammen. Und ich konnte mich nicht lösen von der Virtuosität, mit der die beiden Opfer des elementar Bösen wurden, die hofften, die schrien, die flohen und aufatmeten und wieder eingefangen wurden und völlig sinnlos starben. Schwärzer kann man das Schicksal, das Leben nicht kommentieren. Funny Games.

Ihr Rollenfach schien das der Erniedrigten zu sein

Arie Zinger, der mit ihr unter anderem "Liebestoll" inszeniert hatte, war gerade aus Tel Aviv in Berlin gelandet, als ich ihm von Suses Tod erzählte. Natürlich war er schockiert. Mann, Suse. Erst Uli, dann sie. "Was ich an ihr so toll fand, war, dass sie auch in den tragischsten Rollen noch die Komik entdeckte, das stand gar nicht im Text, das hat erst sie entdeckt." Wir unterhielten uns noch lange, und er erzählte, wie Suse in "Fool for love" (damals zusammen mit Uli Tukur) aus einem mittelmäßigen Stück eine Sensation gemacht habe. Funny Games, in der schwärzesten Nacht.

In Hanekes "Das weiße Band", wieder so eine Kippfigur, die missbrauchte Hebamme, diese Inzestgeschichte im Protestantenmilieu, diese schwarzweiße Passion. Dann dieser völlig missglückte Geißendörfer-Film, in dem nur ihr Mut in Erinnerung bleibt. Ihr Rollenfach schien mittlerweile das der Erniedrigten zu sein.

Als sie aus Peter Zadeks vorletzter Produktion ausstieg, Shakespeares "Was ihr wollt", hatte ich ihr Vorwürfe gemacht und ihr Undankbarkeit vorgeworfen. Ich Rindvieh wusste nicht, dass Uli im Sterben lag. Ich hatte mich entschuldigt, und tue es jetzt gerne noch mal. Und ich möchte annehmen: Suse, du hast es jetzt besser.

Da ich mich gerade mit dem Schutzpatron aller Zerrissenen, dem Verrückten und Gottsucher Hermann Hesse beschäftige, hier die letzte Strophe aus seinem schönen Gedicht "Stufen":

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden... Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Suse, ich vermisse dich.

Der Tageskrempel ist plötzlich so klein.

Meine Gedanken sind bei deiner Mutter Ingrid Andree, und natürlich bei deinen Kindern.

Das Theater und der Film werden künftig nicht mehr wissen, wem es die Zerrissenen, die Mutigen, die unendlich Verletzlichen, die Grenzgängerinnen anvertrauen soll. Die all das sind, und die darin leuchten.

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