"T2 Trainspotting" Alte Helden

Ganz anders, aber trotzdem rundum gut: "T2 Trainspotting" ist eine würdige Fortsetzung des Klassikers von 1996 - gerade weil er vom Älterwerden erzählt.

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Immer wieder will ein Film das "Trainspotting" seiner Zeit sein. Also ein akutes Zeugnis der Gegenwart ablegen. Mit neuen Geschichten und neuen Schauspielern, neuer Energie und neuem Stilwillen. Und mit einer Musik, die einen schon innerhalb der ersten Takten an einen ganz bestimmten Ort versetzt: auf die Haupteinkaufsstraße von Edinburgh, ins schlimmste Klo Schottlands, mit einer Überdosis in den Venen vor ein Krankenhaus.

Ausgerechnet "T2 Trainspotting" will nicht das "Trainspotting" von 2017 sein - und das macht den Film so gut. Alle Schauspieler von damals, Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle und Kelly Macdonald, sind wieder dabei, genauso wie Drehbuchautor John Hodge und Regisseur Danny Boyle auch. Gemeinsam haben sie etwas geschaffen, das einerseits an ihren immer noch größten Erfolg anknüpft, ihm andererseits einen bitteren Beigeschmack verpasst. "T2" zeigt Menschen in ihren Vierzigern, die von der Panik erfasst werden, dass hinter ihnen eine großartige, brutale Zeit liegt - vor ihnen jedoch nichts mehr.

Aus dem Originalfilm von links Ewen Brenner, Robert Carlyle, Ewan McGregor, Jonny Lee Miller
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Aus dem Originalfilm von links Ewen Brenner, Robert Carlyle, Ewan McGregor, Jonny Lee Miller

Schon lange gab es Spekulationen über eine Fortsetzung des Erfolgsfilms von 1996. Mit "Porno" hatte Irvine Welsh, von dem die Buchvorlage zu "Trainspotting: Neue Helden" stammt, bereits 2002 die Geschichte von Renton, Sick Boy, Begbie und Spud weitergeschrieben. Doch erst verkrachten sich Ewan McGregor und Danny Boyle, weil Boyle nach drei gemeinsamen Filmen auf einmal Leonardo DiCaprio als Hauptdarsteller für seinen nächsten Film "The Beach" auswälte. Dann stimmten die Drehbuchentwürfe, die John Hodge auf der Grundlage von "Porno" verfasst hatte, nicht.

Der Schmerz musste rein

Was passieren musste, dass es dennoch zu "T2" kommen konnte, erzählen Boyle und Jonny Lee Miller beim Interview auf der Berlinale, wo sie am Freitagabend den Film präsentieren. Nächste Woche kommt er regulär in die Kinos. "Den entscheidenden Impuls hat etwas sehr Persönliches in John Hodges Leben gegeben", sagt Boyle. "Über die Details sollte nur er selbst sprechen, aber er hat einen medizinischen Notfall erlitten - nicht ganz so wie Renton im Film (Ewan McGregors Figur fällt gleich zu Beginn mit einem leichten Herzinfarkt im Fitness-Studio um), aber er hat eine ähnliche Krise danach durchlebt: Er wäre fast gestorben, nun lag plötzlich ein Leben vor ihm, von dem er nicht wusste, was er damit machen soll."

Frühere Entwürfe wären nicht einmal an die Schauspieler geschickt worden: "Die gingen in Richtung Gaunerfilm und waren viel näher an 'Porno' dran, in dem ein Pornofilm gedreht wird. Spud (Ewen Bremners Figur) hatte einen großen Schwanz, und dauernd wurden Witze gerissen. Das war in sich schon in Ordnung, womöglich sogar ziemlich gut. Aber es war einfach nicht das, was Leute von einer Fortsetzung erwarten konnten. Erst als der Schmerz hinzukam, als die Geschichte echtes Gewicht hatte, weil man enttäuscht davon sein konnte, was die Figuren in der Zwischenzeit mit ihrem Leben angestellt haben, fügten sich die Dinge zusammen."

Im Video: Der Trailer zu "T2 Trainspotting"

"Jeder der vier hat auf seine Art Enttäuschungen und Verletzungen verdrängt", sagt Miller. "Besonders für meine Figur, Sick Boy, ist dieses Verdrängen charakteristisch: Er hat nichts aus der damaligen Zeit aufgearbeitet. Renton dagegen kommt zurück nach Edinburgh, weil er sich seinen Dämonen stellen will."

Wir erinnern uns (an Ersteres sicherlich ungern): Sick Boy hat im Rausch einst sein Baby ersticken lassen, am Ende von "Trainspotting" werden er und die anderen von seinem besten Freund Renton beklaut. Renton verschwindet mit dem gemeinsamen Geld aus einem Drogendeal ins Ausland - nach Holland, wie wir in "T2" erfahren.

Welcome to Edinburgh!

Der Tod seiner Mutter bringt Renton zwanzig Jahre später nach Edinburgh und damit in ein Schottland zurück, das vor seinen Flughäfen junge Frauen in Karoröckchen aufstellt. Weil das gerollte R in ihrem "Welcome to Edinburgh!" komisch klingt, fragt Renton eine der Frauen, woher sie kommt. "Slowenien!", ist die Antwort. Wie an den vier Schauspielern mit ihren Fältchen, Pläten und grauen Haaren ist die Zeit also auch an Schottland nicht spurlos vorbeigegangen.

Doch so prägend für das Image des Landes wie der erste Film, der Schottland und seinen knurrigen Akzent aus dem Stand cool machte, wird "T2" kaum sein. Bewusst hält sich die Fortsetzung von zu viel Zeitgeist fern, direkte Bezüge auf Brexit und das gescheiterte Unabhängigkeitsreferendum fehlen. Allein dass die Young Fathers, eine junge mixed race Hip-Hop-Band aus Edinburgh, prominent auf dem Soundtrack vertreten sind, kann man als Referenz an den popkulturellen Wandel Schottlands verstehen.

Danny Boyle am Set von "T2 Trainspotting"
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Danny Boyle am Set von "T2 Trainspotting"

"Das ist das Tolle an Johns Drehbüchern: Er schreibt keine präskriptiven Szenen, in denen es um etwas ganz Bestimmtes geht, damit die Leute im Anschluss drüber reden können", sagt Boyle. "Aktuelle Politik ist im Film drin, aber nicht explizit." Miller ergänzt: "Wie hätten wir auch auf das Brexit-Votum eingehen können? Das passierte, während wir den Film gedreht haben! Was sollten wir danach tun - das Drehbuch umschreiben und einen neuen Film machen?"

Dass sich "T2" nicht mehr so ortsspezifisch ausnimmt, liegt womöglich auch daran, dass es Boyle und seine Schauspieler nach dem großen Erfolg des Originals in alle Himmelsrichtungen verschlagen hat. McGregor wurde zu einem Hollywoodstar und spielte als Obi-Wan Kenobi in den "Star Wars"-Filmen I bis III. Boyle gewann mit seinem Feelgood-Movie "Slumdog Millionaire" acht Oscars. Ewen Bremner war hingegen vor allem in Nebenrollen im britischen TV zu sehen, Miller spielt seit bald fünf Jahren Sherlock Holmes in der US-Serie "Elementary".

Immer noch Junkie, immer noch Psychopath

Zu der Dynamik, die die vier Schauspieler untereinander hatten und die den ersten Film auch jenseits seiner Actionkamera und den schnellen Schnitten mit Adrenalin aufgepumpt hat, habe man trotzdem sofort zurückgefunden. "Die Schauspieler sind wie mit einer Nabelschnur an ihre Figuren und deren Geschichte gebunden", so Boyle. "Sie haben die 20 Jahre, die in ihrem eigenen Leben vergangen sind, zu den 20 Jahren gemacht, die im Leben ihrer Figuren vergangen sind. Das bringt eine pure und direkte Energie in den Film."

Tatsächlich erreicht "T2" eine Unmittelbarkeit zwischen den Männern, die sehr berührt. Keiner von ihnen hat ein Leben vorzuweisen, das man als erfolgreich bezeichnen könnte. Spud ist noch immer ein Junkie, Begbie noch immer ein brutaler Psychopath. Das Neueste, was Sick Boy mit seinem Leben anstellen will, ist, von Erpressung zu Zuhälterei zu wechseln. Und Renton? Dem bleibt auch wenig mehr als die Freundschaft, die ihn einst mit den anderen verband und die er selbst zerstört hat.

Von links: Ewen Bremner, Ewan McGregor, Jonny Lee Miller und Robert Carlyle in "T2"
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Von links: Ewen Bremner, Ewan McGregor, Jonny Lee Miller und Robert Carlyle in "T2"

Für Frauen fallen in diesem Gefüge wie gewohnt nur kleinere, aber doch tragende Rollen ab. Die prominenteste hat diesmal die junge Bulgarin Anjela Nedyalkova, die die Freundin und Prostituierte von Sick Boy spielt, aber sich zunehmend auch für Renton interessiert. Sie ist es, die belustigt beobachtet, wie Renton und Sick Boy über George Best schwärmen und sich in alten Trikots Kickerduelle liefern. Für jüngere Zuschauer, die nicht mit dem Original aufgewachsen sind, mag sie den emotionalen Zugang zum Film legen.

Doch die Stärke von "T2" liegt gerade darin, dass er keine Energie daran verschenkt, seine Figuren und ihre Dämonen für ein völlig unwissendes Publikum aufzubereiten. "T2" hat ein eigenes Filmgedächtnis, und er setzt darauf, dass es das gleiche seines Publikums ist. Immer wieder tauchen direkt Bilder aus dem ersten Film auf oder werden Szenen nachgestellt - etwa der berühmte Ausflug in die Natur, der so herrlich enttäuschend endet. So kollidieren die Bilder aus den zwei Filmen und werfen ein ums andere Mal die Frage auf: Was ist, wenn die beste Zeit schon hinter uns liegt? Wenn die mittleren Jahre nur der Remix unserer Jugend sind?

Die Antwort, die "T2" gibt, ist so verzweifelt wie versöhnlich: Weitertanzen, was sonst?


"T2 Trainspotting" kommt am 16. Februar in die Kinos

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