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Tageskarte Kino: Als Mutti im Müll verreckte

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Der Dokumentarfilm "Sieben Mulden und eine Leiche" erzählt von zwei Brüdern, die nach dem einsamen Tod ihrer Mutter deren Wohnung von unfassbaren Müllbergen befreien müssen - und zeigt, dass man sich einer Tragödie vielleicht am besten mit Humor nähert.

Ein Mann kratzt mit einem großen Messer eine zähe dunkle Masse vom Fußboden. Es sind die Überreste einer Frau. Alles, was der Bestatter nicht mitnehmen konnte, weil es sich wegen der Bodenheizung in die Fliesen gebrannt hat. Daneben steht noch ein Mann und filmt. Was da weggeschabt wird, war mal seine Mutter.

Szenenfoto "7 Mulden und eine Leiche": Niederschmetterndes Dokument menschlichen Scheiterns
Neue Visionen

Szenenfoto "7 Mulden und eine Leiche": Niederschmetterndes Dokument menschlichen Scheiterns

Sie war ein Messie, in der Wohnung türmt sich der Müll. Die beiden Söhne hatten geahnt, dass es unordentlich sein könnte – stets war die Mutter darauf bedacht, keine Besucher zu empfangen –, doch mit so einer Katastrophe hatten sie nicht gerechnet. Es ist verdreckt, es stinkt, es ist ein niederschmetterndes Dokument menschlichen Scheiterns.

Wie geht man damit um, das Ende eines Elternteils ausgerechnet so zu erleben? Der Schweizer Journalist Thomas Haemmerli entschied sich für die Flucht nach vorn und hielt einfach die Kamera drauf. Entstanden ist dabei der bemerkenswerte Dokumentarfilm "Sieben Mulden und eine Leiche", der heute in die deutschen Kinos kommt. Ein Film, der den Zuschauern viel zumutet, gerade weil diese grausame Geschichte eben eine sehr persönliche Geschichte ist.

Aber Haemmerli erzählt keine rührselige Mitleidsstory, sein Ton ist lakonisch und distanziert, er sucht den Humor in einem absurden Alptraum, und er findet ihn. Man kann diesen Umgang mit der verstorbenen Mutter geschmacklos finden, ausbeuterisch und zynisch. Doch die verstörende Leichtigkeit und die kühle Perspektive sind gleichzeitig die große Stärke des Films. "Sieben Mulden und eine Leiche" hat den Mut, unterhalten zu wollen, statt sich in der Trauer zu suhlen.

Vier Wochen lang schaffen Haemmerli und sein Bruder den Schutt aus der Wohnung, nebenbei erzählen sie vom Leben einer erfolgreichen, schönen Frau, die irgendwann aus der Spur geraten ist und nie wieder zurückgefunden hat. Die zwei unterhalten sich, erzählen sich lustige Anekdoten, reißen Witze. Sie vermeiden die Frage, ob sie selbst etwas hätten verhindern können.

Richtig rein bekommen die beiden am Ende weder die Wohnung noch ihr Gewissen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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1. Wo bleibt die Pietät?
schlaubert, 17.04.2008
Tja, man kann sich seine Kinder halt nicht aussuchen. Es bleibt die Hoffnung, das der Erlös des Films einer Institution zugute kommt, die sich mit der Problematik beschäftigt und versucht solchen Menschen zu helfen. Andernfalls hielte ich das für einen ziemlich abartigen Film.
2. Abartiger Film.
Kristian Viesmann, 17.04.2008
Mir grausts vor solchen Szenen, buargh
3.
emma, 17.04.2008
Zitat von schlaubertTja, man kann sich seine Kinder halt nicht aussuchen. Es bleibt die Hoffnung, das der Erlös des Films einer Institution zugute kommt, die sich mit der Problematik beschäftigt und versucht solchen Menschen zu helfen. Andernfalls hielte ich das für einen ziemlich abartigen Film.
Abartig ist nicht der Film, sondern eine Gesellschaft, die unfähig ist, die Konfrontation mit den Tatsachen zu ertragen, die sie selbst geschaffen hat. Ich bin neugierig auf den Film. Ob er gut oder schlecht ist, ob er sich auf eine irgendwie angemessene Art dem Thema nähert - das kann man erst beurteilen, wenn man ihn gesehen hat. emma
4.
katinka70 17.04.2008
Zitat von sysopDer Dokumentarfilm "Sieben Mulden und eine Leiche" erzählt von zwei Brüdern, die nach dem einsamen Tod ihrer Mutter deren Wohnung von unfassbaren Müllbergen befreien müssen - und zeigt, dass man sich einer Tragödie vielleicht am besten mit Humor nähert. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,547778,00.html
ja, und wo waren die Jungs, als die Mutter im Begriff war , in ihrem Müll zu verrecken? statt danach zu kommen, hätte sie sich villeicht doch irgendwie gefreut, die beiden noch mal zu sehen, das hätte ihr villeicht sogar helfen können...
5. Daumen hoch!
spasti2008 17.04.2008
ich habe den film auf der berliner premiere gesehen und es ist eindeutig der witzigste dokumentarfilm, den ich kenne! der umgang mit tod und trauer ist befreiend. es gibt auch andere formen der trauerarbeit als die durch konvention und hollywood-sentimentalismus vorgeschriebene.
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