Tageskarte Kino Apokalypse Now!

Selten wurde ein Film von den Kritikern so vernichtet wie Richard Kellys Weltuntergangs-Spektakel "Southland Tales". In Deutschland kam er nie in die Kinos, ab heute gibt es ihn endlich auf DVD. Zeit für eine zweite Meinung.

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Wie passend, dass "Southland Tales" heute seine deutsche DVD-Premiere feiert, während in Cannes das jährliche Filmfestival gerade auf Touren kommt. Denn vor fast genau zwei Jahren erlebte Richard Kellys apokalyptisches Epos eben dort seine mit Spannung erwartete Weltpremiere – und zeitgleich seine Apokalypse. Ein wütender Chor aus Buhrufen schallte nach der ersten Pressevorführung durch den Saal, und kurz darauf war auch überall nachzulesen, was die Presse von dem damals noch 160-minütigen Opus hielt. "Desaströs" nannte die amerikanische Kritikerlegende Roger Ebert das Erlebnis; ein "Fiasko", meinte Todd McCarthy, Chef-Filmrezensent der Branchen-Bibel "Variety". Nach nur einer Vorstellung war der Film damit offiziell am Ende.

DVD "Southland Tales": Missverstandenes Meisterwerk?

DVD "Southland Tales": Missverstandenes Meisterwerk?

Ein Kinostart war für Deutschland damit nicht mehr drin (in den USA hat man es Ende vergangenen Jahres halbherzig versucht, mit deprimierendem Ergebnis), aber ab heute gibt es das Werk hierzulande immerhin auf DVD, und jeder kann sich selbst ein Bild machen: Ist "Southland Tales" tatsächlich so ein schockierendes Debakel oder vielleicht doch ein missverstandenes Meisterwerk? Schließlich hat auch Kellys erster Film, die verquere aber mitreißende Teenager-Zeitreise-Saga "Donnie Darko", seine zahllosen Fans erst auf dem kleinen Bildschirm gefunden.

Ein direkter Vergleich zu der in Cannes gezeigten Version ist indes nicht mehr möglich, denn Kelly hat vorsorglich 20 Minuten herausgeschnitten. Eigentlich ist es zwecklos, den Inhalt wiedergeben zu wollen, aber übriggeblieben ist in etwa das: Nachdem in Texas eine Atombombe explodiert ist, regiert das Chaos in Nordamerika, der Dritte Weltkrieg ist ausgebrochen. Die Regierung setzt auf totale Überwachung, während sich im Volk der Widerstand formiert. Vor allem eine stetig wachsende Gruppe von Neo-Marxisten in Kalifornien plant den Aufstand.

Mit denen sympathisiert auch die beliebte Pornodarstellerin, Sängerin und Energy-Drink-Repräsentantin Krysta Now (Sarah Michelle Gellar), die nebenbei erfolgreich eine Talkshow moderiert, in der sie mit sozial engagierten Porno-Kolleginnen alle wichtigen Themen von Krieg über häusliche Gewalt bis zu Teenie-Geilheit diskutiert. Unter mysteriösen Umständen trifft Krysta auf den Schauspieler Boxer Santaros (Dwight "The Rock" Johnson), der mit der Tochter des republikanischen Präsidentschaftskandidaten verlobt ist, sich daran aber nicht wirklich erinnern kann, seit er in der Wüste angeblich entführt wurde.

Mit dieser Entführung hat auf unbestimmte Weise ein verrückter deutscher Wissenschaftler (Wallace Shawn) zu tun, der gerade mit seinem "Fluid Karma" eine Öl-Alternative entwickelt hat, die aber auch als Droge an einer Reihe Irak-Soldaten (darunter Justin Timberlake, der als Erzähler des Ganzen dient) ausprobiert wurde und womöglich etwas mit dem bevorstehenden Weltuntergang zu tun hat, den alle langsam aufziehen sehen. Außerdem wichtig: ein riesiger Zeppelin, in dem gegen Ende alle durch die Luft gondeln, ein schwebender Eiscreme-Wagen, in dem der eventuelle Messias (Seann William Scott) auf sein anderes Ich trifft, ein fataler Riss im Zeit-Raum-Kontinuum und eine Menge Zitate aus dem biblischen Buch der Offenbarung, welches auch als Vorlage diente für Krystas und Boxers gemeinsam verfasstes, prophetisches Drehbuch "The Power". Wie gesagt, so in etwa.

Dem Inhalt von "Southland Tales" folgen zu wollen, damit sich irgendwann ein schlüssiges Gesamtbild ergibt, ist aussichtslos. Unzählige Personen sorgen für Verwirrung, zwischendurch gibt es mal eine kleine Musical-Einlage, wild mischt Kelly seine diversen Erzählebenen bis zur totalen Überreizung. Und trotzdem – einen Film wie diesen, bunt und laut und mutig, der sich so rigoros gegen jede gängige Erzählkonvention stemmt, der vor Energie und Humor nur so zu platzen scheint, der seine mitunter grandiosen Ideen dem Zuschauer so rücksichtslos und selbstbewusst entgegenschleudert, so einen Film hat man selten gesehen. Es geht nicht ums Verstehen. "Southland Tales" ist wie ein Rausch: unberechenbar, streckenweise unerträglich, aber im Ganzen ein faszinierendes Erlebnis.

Und danach hat man Kopfschmerzen. Aber das gehört nun mal dazu.


DVD "Southland Tales" (Universal).



insgesamt 3 Beiträge
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doctor manhattan 15.05.2008
1. Buffy the Porn slayer
als bekennender Fan von Donny Darko und Buffy werde ich Southland Tales natürlich sofort ansehen, ich bin sicher der ist total lustig… wobei ich sont recht oft mit Ebert einer Meinung bin. Hauptsache Indy 4 wird in Cannes nicht ausgebuht ;))
nwilson 15.05.2008
2. Langweilig
Ich habe diesen Film letztes Jahr in L.A. auf großer Leinwand (Arclight Dome) gesehen: Ein Rausch wollte sich trotzdem nicht einstellen. Im Gegenteil. Dieser Film ist vor allem gähnend langweilig. Ich verlasse niemals vorzeitig einen Film aber dieses mal hatte ich Schwierigkeiten meinen Prinzipien treu zu bleiben. Als ich dieses unsäglich Machwerk endlich hinter mich gebracht hatte und mit meinen Begleitern sprach (man war sich ziemlich einig, dass dies der schlechteste Film des Jahres sei) sagte ich, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis die ersten erleuchteten Kritiker den Film als verkanntes Meisterwerk lobpreisen würden. Schön das auf die Kino Redaktion des Spiegel Verlass ist!
portheim 15.05.2008
3. Da ist aber noch nicht alles gesagt...
Hallo Allerseits, ich habe den Film noch nicht gesehen und bin schon sehr gespannt darauf, hat doch Richard Kelly bislang für meine Begriffe bislang Revolutionäres geleistet. Wie bereits Donnie Darko erst mit Hilfe der Webseite deutlich verständlicher wurde, ist auch Southland Tales mit einem weiteren Medium gekoppelt zu betrachten - und zwar mit dem dazugehörigen Comic-Buch "Southland Tales - the prequel Saga". Diese habe ich mir auch zugelegt und fühle mich für die in der Rezension beschriebenen "einfallsreichen" Szenarien im Film bereit. Die Kombination mehrere Medien und Nutzung ihrer Stärken zu einem Ganzen halte ich für eine zukunftsweisende Idee, die der Zielsetzung des Entertainment ganz neue Facetten ermöglicht. So waren die emotionalen Erfahrungen im Film gefolgt von zusätzlichen Denkanstößen durch die Webseite bei Donnie Darko eine wunderbare Verbindung. Leider bin ich nur nach ausgiebiger Recherche und Rezensionsstudie auf die Verbindung mit dem Buch gekommen - genauso wie bei DD zeigt sich, daß Richard Kelly im Marketing seines Schaffens nicht so stark ist, wie im Umgang mit Bildern, Musik und Stift. Ich denke, daß der Artikel auf die "Prequel Saga" unbedingt hätte eingehen sollen, um den Lesern die Möglichkeit des "ganzheitlichen Bildes" aufzuzeigen... und nun hoffe ich, dass mich der Film tatsächlich wegen des Comics nicht ganz so kritisch stimmen wird! Grüße
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