Tageskarte Kino Comeback erwünscht

Die so boshafte wie liebevolle Familiensatire "Das wahre Leben" kitzelt die Komik aus der plötzlichen Arbeitslosigkeit raus – und das Beste aus Katja Riemann.

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Hier mal ein paar warme Worte für Katja Riemann, auf der hacken ja alle nur rum. Sie ist eine tolle Schauspielerin, wenn man sie nur lässt, und ihre schiere Omnipräsenz in der deutschen Filmlandschaft der Neunziger kann man ihr im Jahr 2008 auch nicht mehr vorwerfen. Heute hat sie sich eher dem Theater verschrieben und taucht nur noch sporadisch in Film und Fernsehen auf, und das ist schade, wenn man sich vorstellt, was einem da entgeht.

Riemann in "Das Wahre Leben": Souveräne Gelassenheit
KINOWELT

Riemann in "Das Wahre Leben": Souveräne Gelassenheit

Zum Beweis muss man sich nur "Das wahre Leben" vom Schweizer Alain Gsponer anschauen, eine kleine, höchst unterhaltsame und genauso intelligente Familien-Farce, die im letzten Jahr im Kino leider ein wenig untergegangen ist, und die nun morgen auf DVD erscheint. Riemann spielt die Frau eines erfolgreichen Unternehmensberaters (Ulrich Noethen), der eines Tages von seiner Firma vor die Tür gesetzt wird und fortan seiner Gattin und den beiden Söhnen zu Hause auf die Nerven geht. Es entspinnt sich eine fein verdrehte Geschichte der zwischenmenschlichen Nöte – der Mann ein frustrierter Neu-Arbeitsloser, die Frau eine überspannte Kleinstadt-Galeristin, Sohn 1 ein Sprengstoff-Fanatiker, und Sohn 2 erlebt sein Coming-out bei der Bundeswehr. Dazu kommen die neuen Nachbarn, nervtötend hinter ihrer perfekt erfolgreichen Fassade, wenn da nicht eine höchst unausgeglichene und zunehmend suizidgefährdete Tochter (Hannah Herzsprung) wäre.

Sehr lustig geht es anfangs zu, wenn der Familienernährer langsam feststellt, wie ganz und gar unerwünscht seine ständige Anwesenheit bei seinen Lieben ist oder der Sohnemann die Nachbarschaft mit kleinen Anschlägen überzieht. Fast unmerklich dreht Regisseur Gsponer im Laufe des Films aber die Schrauben fester, steigert die Beklommenheit ins Verzweifelte und wandelt "Das wahre Leben" von der leichten Komödie zur finsteren Satire, bis zum bittereren Finale.

Und als ruhendes Zentrum des Ganzen spielt Katja Riemann mit souveräner Gelassenheit und einem bewundernswerten Gespür für die richtigen Gesten und Blicke so gut, dass nichts ferner scheint als die nervige Beziehungskomödien-Tussi, als die sie immer noch viele in Erinnerung haben. Sie ist einfach toll. Zeit für eine Wiederentdeckung.


DVD "Das wahre Leben" (Kinowelt)



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