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"Tal der Wölfe": Buddha und Gandhi gegen die Ungläubigen

Von Reinhard Mohr

Erstmals stellten sich heute die beiden Drehbuchautoren des umstrittenen türkischen Actionfilms "Tal der Wölfe" der deutschen Presse. Von antisemitischer und antiamerikanischer Hetze wollten sie nichts wissen: Ihr Film sei ein zutiefst pazifistischer Antikriegsfilm.

Über hundert Journalisten drängelten sich heute im "Grand Ballroom" des "Grand Hyatt Berlin" am Potsdamer Platz, Dutzende Fotografen und etwa 20 Fernsehteams. Ganz vorne auf dem Podium saßen zwei junge Männer, denen der Presseauflauf galt: Raci Sasmaz, 32, Chairman von Pana Film, Produzent und Drehbuchautor, neben ihm Bahadir Özdener, 31, Drehbuchautor.

Filmemacher Raci Sasmaz (M.), Bahadir Özdener (r.) in Berlin: "Wie Ying und Yang"
DDP

Filmemacher Raci Sasmaz (M.), Bahadir Özdener (r.) in Berlin: "Wie Ying und Yang"

"Wir sind wie Ying und Yang", "wie Gandhi und Buddha" – so charakterisieren sie sich selbst. Ihre Lieblingsschriftsteller sind Dostojewski und Tolstoi.

Vor allem aber sind sie die Macher eines türkischen Action- und Propagandafilms, der seit zwei Wochen die Gemüter erhitzt: "Tal der Wölfe – Irak".

Innerhalb von nur vier Wochen haben ihn in der Türkei vier Millionen Zuschauer gesehen, fast 400.000 Zuschauer sind es in Deutschland. Seit gestern läuft der Film auch in Frankreich, ab Mitte März in Schweden, ab Ende März in Russland. Studio Babelsberg synchronisiert das Werk gerade für den deutschen DVD-Markt.

Realer Ausgangspunkt des 10-Millionen-Dollar-Spektakels ist eine nationale Schmach: Anfang 2003 wurden elf türkische Soldaten im Nordirak von US-Truppen festgenommen und mit Säcken über dem Kopf abgeführt. Obwohl sie später wieder freikommen und ihnen kein Haar gekrümmt wurde, muss diese schändliche Ehrverletzung im Film durch den türkischen Geheimagenten Polat Alemdar blutig gerächt werden. Der Amerikaner Sam Marshall repräsentiert das Reich des Bösen, in dem wahllos gefoltert und gemordet wird und auch die Juden noch ihr Süppchen kochen. Am Ende vereinen sich die türkisch-arabisch-islamischen Massen und versetzen Uncle Sam den Todesstoß.

Nachdem der überwiegende Teil der deutschen und europäischen Öffentlichkeit dem Film einen ausgeprägten türkischen Chauvinismus mit islamischer Tiefenfärbung sowie antiamerikanische und antisemitische Ressentiments vorgeworfen hat (viele halten ihn insgesamt für ein billiges hetzerisches Machwerk), stellten sich die Verantwortlichen nun den Fragen der Presse. Wohl nicht ganz zufällig entscheidet morgen die FSK, die Freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft, über die Heraufsetzung der Altersgrenze für Zuschauer auf 18 Jahre.

Clash of civilizations hin, Dialog der Kulturen her – von Anfang an offenbarte sich hier eine große Differenz der Kulturen. Eine Pressekonferenz mag in der Türkei die offizielle Verkündung einer Information oder Meinung sein – in Europa ist sie eine Plattform des öffentlichen Disputs, manchmal auch der offenen Konfrontation, bei der auch Repräsentanten des Staates zuweilen ins Schwitzen kommen.

Nicht so heute im Grand Hyatt Berlin.

Auf die unterschiedlichsten Nachfragen antworteten die beiden türkischen Filmemacher stets mit derselben Generalauskunft: "Tal der Wölfe" sei ein "Antikriegsfilm". Was derzeit im Irak passiere, sei "ein Drama, eine Tragödie für die Menschen". Und: "Dieser Tragödie soll Einhalt geboten werden."

Im Grunde ist das ganze Geballer und Gemorde also ein einziger pazifistischer Aufruf, ein Friedensappell im Geiste der Lessing’schen "Ringparabel". Beileibe kein gewalttätiger Action-Film, kein türkisches Pendant zu "Rambo", in dem endlich einmal die Amerikaner und Juden die Bösen sind.

"Antisemitismus"? Nur weil im Film ein jüdischer Arzt toten Muslimen Organe aus dem Körper schneidet und sie nach Tel Aviv, London und New York schickt?

"Nein, nein,  glauben Sie uns, wir haben keine Vorurteile, wir sind keine Antisemiten!", sagt Bahadir Özdener. Wer so etwas behaupte, reiße einzelne Szenen aus dem "Gesamtzusammenhang". Eine pure Verleumdung. Genauso gut könne man darüber streiten, ob der oder jener Darsteller einen weißen oder schwarzen Anzug tragen solle. Im Übrigen müsse man die fraglichen Szenen "ausdiskutieren".

Offenbar hat die betreuende PR-Agentur aus Hamburg den beiden geraten, sich vor der deutschen Presse als durch und durch friedliebend, multikulturell und diskussionsbereit zu präsentieren. Das Problem ist nur: Diskutieren wollen oder können sie gar nicht. Man soll ihnen einfach glauben. Wer dazu, vor allem nach Inaugenscheinnahme des umstrittenen Films, nicht bereit ist, sondern ihn immer noch für eine wüste antiamerikanische, antikurdische, antiwestliche und antisemitische Kolportage hält, ist selbst ein Rassist, der "dem Osten", den Türken, Arabern und Muslimen nichts als Böses unterstellt.

Typisch Westen eben. Ungläubig bis ins Mark.

Noch ein weiterer Kniff hilft den beiden Freunden des Antikriegsfilms, der kritischen Diskussion aus dem Weg zu gehen. Wenn nach den rassistischen Klischees des Films gefragt wird, antworten "Gandhi und Buddha" aus Istanbul mit dem Hinweis auf die Wirklichkeit im Irak, auf Abu Ghureib, die US-Besatzung und das Kriegselend.

Wenn aber nach konkreten Fakten gefragt wird – was etwa trieben jene elf türkischen Offiziere eigentlich im kurdischen Nordirak? – erfolgt der Rückzug aufs Nichtwissen: "Ich bin nur ein Filmemacher", sagt Bahadir Özdener. Es geht mir nur "um die menschliche Perspektive". Auch mit den Kurden seien die Türken ja stets "innig verbrüdert" gewesen.

Selbst die hier und da beobachteten Begeisterungsstürme und Anfeuerungsrufe des Publikums sind da ganz leicht zu erklären: "Die Zuschauer in Deutschland sind interaktiv. Sie sprechen mit dem Film, klatschen und seufzen. Das ist Kommunikation." Da glaubt man fast, Jürgen Habermas und seine "Theorie des kommunikativen Handelns" durchzuhören, den "herrschaftsfreien Diskurs".

Andererseits: Am lautesten wurde in einigen Kinovorstellungen geklatscht, wenn am Ende der türkische Held Polat Alemdar dem bösen Ami Sam Marshall die Klinge in der Brust knirschend herumdreht. Dergleichen schulde sich dem "südländischen Temperament", erklärt Özdener. Einfach menschlich.

Ein Schrei nach Frieden. Das muss es sein.

Als ein britischer Reporter in astreinem Oxford-Englisch von einer "mixture of facts and fiction" sprach und mit wunderbarem Understatement fragte: "What exactly did you intend?", da blitzte er schon wieder auf, der kämpferische Dialog der Kulturen am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Wie schreibt Drehbuchautor Bahadir Özdener in einem "Statement" für die Presse: "Nicht nur als Schriftsteller und Filmemacher, sondern als Mensch habe ich versucht, wie jeder, der sich gegen den Krieg ausspricht, an die Unantastbarkeit der Menschenrechte glaubt und den Menschen als Wesen, wie auch seine Gedanken als das höchste Gut achtet, in diesem Sinne zu wirken."

"Ja, nee, alles klar!", würde Atze Schröder sagen.

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