"Tal der Wölfe" "Ein Film, der rassistische Einstellungen bedient"

Der Film "Tal der Wölfe" löst unter Türkischstämmigen eine Art Massenhysterie aus. Hinter dem Gut-Böse-Schema verberge sich eine gefährliche Agenda, schreibt der EU-Abgeordnete Cem Özdemir in seiner Kritik für SPIEGEL ONLINE. Es gehe darum zu provozieren und Gräben zu vertiefen.


Beklagen die deutschen Kinobetreiber derzeit nicht rückläufige Zuschauerzahlen? Da dürften sich jene in den Großstädten und Ballungsräumen über einen türkischen Film freuen, der in der Türkei alle Zuschauerrekorde bricht und nun auch in Deutschland angelaufen ist. "Tal der Wölfe", mit zehn Millionen Dollar die bislang teuerste türkische Produktion, findet auch hier reges Interesse, die Kinos in der ganzen Republik, wo immer es einen hohen Anteil Türkischstämmiger gibt, sind derzeit ausverkauft. Doch "Tal der Wölfe" ist alles andere als ein gewöhnlicher Action-Film, wie nicht nur die Reaktion des deutschen Feuilletons, sondern auch die Nachfragen meiner irritierten niederländischen und belgischen Kollegen im Europaparlament zeigen.

"Tal der Wölfe": Rache als Hauptmotiv
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"Tal der Wölfe": Rache als Hauptmotiv

Ausgangspunkt des Films ist eine wahre Begebenheit, die am 4. Juli 2003 im Nordirak stattfand: US-Soldaten verhafteten damals elf türkische Offiziere, stülpten ihnen Säcke über die Köpfe und führten sie ab. Nicht nur haben die Bilder der verhafteten Offiziere tiefe Spuren hinterlassen bei türkischen Nationalisten und all denen, für die die Ehre der türkischen Nation heilig ist. Im März 2003 hatte das türkische Parlament den USA im Vorlauf des Irak-Krieges untersagt, Truppen in der Türkei zu stationieren. Die Verhaftung der türkischen Soldaten erschien vielen Türken deshalb auch wie eine nachträgliche Bestrafung für den Parlamentsbeschluss.

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Hauptmotiv im Film ist Rache (und vielleicht auch das Motiv des Films). Ein Agent des türkischen Geheimdienstes macht sich auf, die Offiziere zu rächen und die Ehre wieder herzustellen. Das alles wäre nicht weiter der Rede Wert, wenn der Film die Gegner der Türken und Muslime nicht so krass zeichnen würde. Und die Bösen in dieser manichäistischen Welt sind: Amerikaner, Kurden, Christen und Juden.

Es ist sicher nicht neu, dass das Kino böse Figuren eng an einen ethno-religiösen oder nationalen Hintergrund anlehnt, damit Klischees und rassistische Ressentiments bedient, ob dafür nun Russen, Asiaten, Araber, Mexikaner, Juden oder auch Türken und Deutsche herhalten müssen. Ich nehme dies zur Kenntnis - "Tal der Wölfe" wird mir dadurch aber nicht erträglicher.

Kaum zu glauben, dass der Film in der Türkei ohne Altersbeschränkung läuft

In diesem Film sind nordirakische Kurden Vasallen der Amerikaner, ein Haufen schmutziger, feiger Soldaten - außer dem eigenen Kurden, der sich natürlich zum Türkentum bekennt; die Amerikaner lassen sich in ihrer Grausamkeit kaum überbieten, Bestien, die eine Hochzeit überfallen, den Bräutigam ebenso töten wie ein Kind vor den Augen seiner Mutter und noch dazu Überlebende mit Genuss foltern; der Arzt, der Gefangenen die Organe entnimmt, ist ein Jude, der in Nazi-Manier Gefangene selektiert, deren Organe ihm für einen Export in die USA und nach Israel tauglich erscheinen. Und ein anderer, traditionell gekleidet und mit Schläfenlocken (im Nordirak!), verlässt "feige" den Schauplatz, sobald es gefährlich wird.

Die Liste ließe sich verlängern und es ist kaum zu glauben, dass der Film in der Türkei ohne Altersbeschränkung läuft (während diese in Deutschland bei 18 Jahren liegt). All dies zusammengenommen lässt Christen und Juden als widerliche und paktierende Gestalten erscheinen, die mit dem blutgetränkten Schwert in der Hand das Reich ihres Gottes ausdehnen bzw. zurückerobern wollen. Daraus folgt natürlich, dass der Islam das Gegenteil dessen ist, eine Religion des Friedens und der Barmherzigkeit. Die Distanzierung von Selbstmordattentätern könnte durchaus positiv aufgefasst werden - wäre nicht diese krasse und vereinfachte Gegenüberstellung von Gut und Böse.

Der Regisseur Serdar Akar macht es sich zu einfach, wenn er auf amerikanische Kriegsfilme verweist, in denen Asiaten rassistisch dargestellt werden. Wer Soner Yalcin, der mit seinen kruden Thesen über eine jüdische Unterwanderung der Türkei auf sich aufmerksam machte, als Berater hinzuzieht, der hat eine Agenda. Und so wie ich der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" unterstelle, die Mohammed-Karikaturen ganz bewusst veröffentlicht zu haben, um zu provozieren und Gräben zu vertiefen, gilt das gleiche für die Personen, die hinter "Tal der Wölfe" stehen. Hier geht es nicht darum, berechtigte Kritik an den USA zu üben - der Film spielt mit Bildern und Ereignissen, die unter Verantwortung der Amerikaner in den USA auch tatsächlich stattgefunden haben, wie etwa die folternde Soldatin Lynndie England mit Schäferhund und auch das Foltergefängnis Abu Ghureib - oder gar aufklärerisch tätig zu sein.

Man könnte den Film nicht weiter beachten, ihn als die übliche Action-Klischee-Nummer abtun und es gut sein lassen. Aber wer einen solchen Film produziert, der will nicht einfach unterhalten, sondern rechnet damit, dass er rassistische Einstellungen bedient und verstärkt und den Dialog erschwert. Dieser Film erschwert einmal mehr all jenen die Arbeit, für die das Wort "Dialog" keine billige Gutmenschen-Floskel ist - und dieser Tage ist es offensichtlich Mode, anderen absichtlich oder unabsichtlich die Arbeit zu erschweren. Und wer diesen Film gut findet, sollte zu den veröffentlichten Mohammed-Karikaturen besser schweigen.

Türkische Regierung hätte sich distanzieren sollen

Man wünschte, türkische Jugendliche würden sich besser "Desperate Hours" über das Leben von Selahattin Ülkümen ansehen. Während der Nazizeit hat er als türkischer Diplomat auf Rhodos vielen Juden das Leben gerettet, ebenso wie Necdet Kent, damals Konsul in Marseille. Sie gelten vielen als "türkischer Schindler". Die Türkei war das erste Land mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, das Israel anerkannt hat, von der Großzügigkeit der Osmanen gegenüber jüdischen Flüchtlingen aus Spanien während der Reconquista ganz zu schweigen. Vertreter der türkischen Regierung hätten gut daran getan, sich von diesem Film zu distanzieren und damit zu demonstrieren, dass sie für Antisemitismus und Anti-Amerikanismus nichts übrig haben.

Etliche mir bekannten Kommentare zum Film vernachlässigen nicht nur die antisemitische Schlagseite, sondern konzentrieren sich auch mehr auf die Zuschauer denn auf das Machwerk: Sie johlen, sie schreien, sie klatschen und am liebsten würden sie noch während der Vorführung nach Hause laufen, die Knarre laden und dem Hauptdarsteller zur Hilfe eilen. Ganz so weit ist es noch nicht. Nicht alle blieben während der Aufführung in einem Kino in Kehl bis zum Ende sitzen. Auch fragte ein türkischer Zuschauer während des Films, ob das nicht alles etwas "zu dick aufgetragen" sei. Auch rief keiner "Allah ist groß", niemand stimmte die türkische Nationalhymne an und es gab zum Schluss auch keinen Applaus.

Trotzdem hat der Film bei Türkischstämmigen offenbar eine Massenhysterie ausgelöst, so dass sich jeder gezwungen sieht, den Film anzusehen, allein um "mitreden" zu können. Auch ein Verbot würde kaum helfen, schließlich gibt es heute viele Wege, auch an solche Filme heranzukommen. Im Gegenteil, es würde das ohnehin schon vorhandene Gefühl des Underdogs noch verstärken und all diejenigen bestätigen, die überzeugt sind, dass im Westen mit zweierlei Maß gemessen wird.

Der Film könnte allerdings auch etwas Gutes haben. In einer bislang beispiellosen Einigkeit haben türkische Migrantenorganisationen sowohl die Mohammed-Karikaturen als auch die gewaltsamen Proteste verurteilt. Sie sollten den Film nun als Anlass dafür nehmen - etwa in Zusammenarbeit mit Projekten wie "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" -, in eine Diskussion mit Schülern, jüdischen und amerikanischen Organisationen zu treten und dabei Rassismus, Antisemitismus und überbordenden Nationalismus zu thematisieren.

Cem Özdemir ist Grünen-Abgeordneter im Europaparlament



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