Tatort Fies, elend, mies

Es sollte ein aufregendes Flüchtlingsdrama werden, doch es wurde ein Trip in die Langeweile: Der Sonntags-Tatort „Reise ins Nichts“ wirkte wie aus einem Drehbuch-Grundkurs, die Ausstattung hatte Retro-Qualität im schlechtesten Sinne. Muss ein Krimi aus Deutschland wie ein Glas abgestandenes Bier wirken?

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Kommissar Max Palu (Jochen Senf) mit Freundin Margit (Tatjana Clasing) nehmen die kleine Khandi (Vespa Vasic) bei sich zu Hause auf.
SR / Wolfgang Klauke

Kommissar Max Palu (Jochen Senf) mit Freundin Margit (Tatjana Clasing) nehmen die kleine Khandi (Vespa Vasic) bei sich zu Hause auf.

Hamburg - Nachts an einer Autobahn-Tankstelle: verzweifelte Klopfgeräusche aus einem Lastwagen. Misstrauische Blicke. Der Fahrer steigt schnell in den Lkw, ohne getankt zu haben. Auf der Landstraße wird der Diesel sehr knapp, der Fahrer bittet über Funk, ihm einen Kanister mit Treibstoff zu einem Parkplatz zu bringen. Geladen hat der Lkw nicht nur Kartoffeln, sondern auch afghanische Flüchtlinge. Als der Wagen den Parkplatz verlässt, bleiben zwei Tote zurück – und ein kleines Mädchen.

Diesen Fall hatte gestern Abend der Saarbrücker Tatort-Kommissar Max Palu (Jochen Senft) zu lösen. Wie in einem Kammerspiel gab es eine minimale Zahl von Personen, eine minimale Zahl an Schauplätzen und leider auch ein minimales Drehbuch (Autoren: Peter Zingler, Ute Geber und Hartmut Griesmayr, der auch Regie führte): Dass hinter Menschenschmuggel und Mord der böse Spediteur Erwin Hallmeier (Dietrich Mattausch) und sein fieser Mitarbeiter Frank Stetter steckten, war von Anfang an klar. Jedenfalls dem Zuschauer, der nun mitverfolgen musste, wie Palu zwischen Büro, Wohnung, wo er das afghanische Mädchen beherbergte, und Spedition hin- und herfuhr und elend langsam den Fall löste.

Nicht eine einzige überraschende Wendung hielt das Skript bereit, und so bot der Film tatsächlich, was sein Titel versprach: eine "Reise ins Nichts" der Langeweile. Wenn dann wenigstens die Figuren interessant gewesen wären. Aber nein, nicht mal das. Sie wirkten, als seien sie im Drehbuch-Grundkurs entworfen worden: Der Lkw-Fahrer, der die Afghanen mies behandelt, hat ein Herz für Tiere. Er rettet einen ausgesetzten Hund und weigert sich, Schlachtpferde von Russland nach Italien zu transportieren.

Der skrupellose Spediteur ist auch ein armer Kerl: Vor Jahren wurde er von übereifrigen Polizisten angeschossen und sitzt seitdem im Rollstuhl. Außerdem kämpft er um die Liebe seiner Tochter. Die Tochter, auch ein Lernziel des Drehbuchseminars, macht eine Entwicklung durch: Sie löst sich von ihrem Vater und entscheidet sich für die Liebe zum afghanischen Flüchtling.

Überhaupt keinen Kurs scheinen dagegen die Ausstatter des Films besucht zu haben. So musste die bemitleidenswerte Tochter des Spediteurs in zwei Outfits herumlaufen, die aussahen, als habe irgendeine abgelegene saarländische Boutique sie in den achtziger Jahren eingekauft – und nun zwanzig Jahre später glücklich an die "Tatort"-Leute losgeschlagen.

Zwar macht eine gute Absicht keinen guten Film, aber wenigstens war dieser "Tatort" ein Plädoyer für das Zuwanderungsgesetz: Dann hätten die afghanischen Flüchtlinge jedenfalls eine Chance, nach all dem Elend und den Strapazen in Deutschland zu bleiben.

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