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Techno-Film "Berlin Calling": Schizo in der Disko

Von Christoph Cadenbach

Eine Nase Koks, Sex auf dem Club-Klo und zum Abschalten Ketamin: Das Leben eines Techno-DJs kann anstrengend sein. Der tragische Held in Hannes Stöhrs fesselndem Musikdrama "Berlin Calling" verliert sich und seine Liebe in der Welt des Party-Jetset - eine Reise mit Absturzgefahr.

In dem Musikerporträt "Berlin Calling" gibt es eine unscheinbare Szene, welche die ganze Lust, aber auch das Leid der Techno-Kultur, um die es hier geht, auf den Punkt bringt: Die Psychiaterin Petra Paul (Corinna Harfouch) setzt sich die Kopfhörer ihres Patienten auf. Sie hört einen schnell geschlagenen, bedrohlich tiefen Bass, darüber irrlichternde Schnarrgeräusche. Erst guckt sie erschrocken, dann ziehen sich wie von selbst ihre Mundwinkel nach oben. Es ist dieser Tanz zwischen Verstörung und Freude, zwischen dem sprichwörtlichen Abstürzen und Abheben, der das Feiern auf elektronischer Musik - und damit auch den Film "Berlin Calling" besonders machen.

Pauls Patient ist der fiktive Musiker Martin Karow (Paul Kalkbrenner), genannt DJ Ickarus, ein Berliner Techno-Produzent auf dem Weg nach oben. Der Film beginnt dort, wo auch Ickarus viel Zeit verbringt, auf einem Flughafen. Zusammen mit seiner Freundin und Managerin Mathilde (Rita Lengyel) jettet er um die Welt, von Club zu Club, um mit dem Laptop Techno live zu spielen. Nebenbei produziert er noch sein neues Album.

Kunst und Wahnsinn

Diesen Party-Marathon übersteht Ickarus nur mit Drogen. Er schnupft Koks und Ketamin, irgendwann gerät er an eine schlechte Ecstasy-Pille und stürzt ab. Als er in einer Nervenklinik zu sich kommt, beginnen die Wahnvorstellungen. Zuerst vermutet die Ärztin, dass seine Schizophrenie drogeninduziert ist, doch nach und nach legt Regisseur Hannes Stöhr frei, dass die chemischen Stimulanzien zwar der Auslöser, nicht aber die alleinige Ursache für Ickarus psychischen Kollaps sind.

Er wollte einen Film über Kunst und Wahnsinn drehen, sagt Hannes Stöhr ("Berlin is in Germany") im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Gelungen ist ihm das fesselnde, tragikomische Porträt eines vereinsamten Großstadtmenschen, der zwar augenscheinlich alles hat – Partys, Frauen, Erfolg, einen kreativen Beruf – aber dennoch das Wesentliche vermisst, weil es irgendwo zwischen Open-Air-Rave in Amsterdam und schnellem Sex auf der Club-Toilette verloren gegangen ist: seine Musik und die Liebe seiner Freundin.

Die Bühne, die Stöhr dafür gewählt hat, ist ein echter Glücksgriff. Techno gehört zu den wenigen Popkulturen, die bisher cineastisch kaum erzählt worden sind, ganz im Gegenteil zur Rockmusik ("Control" 2007, "The Doors" 1990) oder HipHop ("8 Mile" 2002, "Block Party" 2005).

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"Berlin Calling": Gefangen in der Disko-Kugel

Auch das lebendige Gefühl von Authentizität, das sich vor allem bei den an Originalschauplätzen während regulärer Partys gedrehten Clubaufnahmen einstellt, unterscheidet "Berlin Calling" von manchen genreverwandten Werken. Häufig möchte man ja – zumindest als betroffener Fan – am liebsten wegschauen, wenn Statisten schnarchnasig die Crowd imitieren.

Mitgefühl weggekokst

Ickarus wirkt auf der DJ-Kanzel hinter den Drehreglern dagegen so vertraut, weil er auch im echten Leben der Techno-Musiker Paul Kalkbrenner ist. Normalerweise produziert er Platten für das Berliner Elektro-Label BPitch Control. Für "Berlin Calling" hat er auch den Soundtrack komponiert. Dass die Ickarus-Rolle sein Debüt als Schauspieler ist, merkt man ihm im Film kaum an.

Bei aller Nähe zur realen Berliner Techno-Szene bleibt "Berlin Calling" dennoch durch und durch Fiktion. Die Charaktere sind cineastisch überzeichnet. Mal ist das komisch, wie bei dem Zivildienstleistenden Alex (Maximilian Mauff), der in der Psychiatrie auf Ickarus aufpassen soll, seinem DJ-Idol aber nicht den Wunsch nach einer ordentlichen Party verwehren kann und mit einer Prostituierten auf dem Schoß aufwacht. Mal gerät es klischeehaft, wie bei dem schmierigen Clubbetreiber Tom (Dirk Borchardt), der sich jeden Funken Mitgefühl weggekokst hat, oder bei der ganz aufs Business fixierten Labelchefin Alice (Megan Gay), die Ickarus nach seinem Absturz erst einmal fallen lässt – beides Stellvertreter für eine kalte, verlogene Musikindustrie.

Das Ende des antibürgerlichen Traums

Auch die Handlung ist um solche Großkonflikte, die für Meta-Ebenen geeignet sind, herumkonstruiert. Zum Beispiel um das Erwachsenwerden. Ickarus hat früh seine künstlerische Neigung verfolgt, die Musik, und damit eigenes Geld und Unabhängigkeit verdient. Sein Bruder (Peter Moltzen) hingegen ist den scheinbar sichereren Weg gegangen - Abitur, Studium, Wunsch nach Festanstellung - muss aber mit Dreißig noch immer als Praktikant schuften. Am Ende dreht sich die Geschichte und Ickarus droht an eben jenem antibürgerlichen Traum zu zerbrechen, was in Berlin, der Kreativ- und Künstlermetropole, sicherlich kein Einzelschicksal ist.

"Berlin Calling" begeht jedoch nicht den Fehler, die beiden Lebensmodelle zu bewerten. Ebensowenig verteufelt der Film den Drogenkonsum, sondern zeigt schlicht, was für ein Risiko eine einzige Pille mit sich bringt.

Obwohl die Welt der Nervenklinik, in die Ickarus gerät, mit seinen obskuren Bewohnern wie dem LSD-verstrahlten Indien Reisenden Goa Gebhard (Caspar Bódy) als pathologisches Paralleluniversum fast so beklemmend wie in "Einer flog über das Kuckucksnest" inszeniert wird, verlässt man "Berlin Calling" am Ende doch mit dem schön beunruhigenden Gefühl, dass die Grenze zwischen Wahnsinn und Spaß keine klare Linie ist.

Wie nach einer guten Techno-Party eben.

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