Teenager-Drama "Fish Tank" Schau nicht heimwärts, Engel!

Trist, trister, englische Suburbs: In ihrem Film "Fish Tank" erzählt die britische Regisseurin Andrea Arnold kühl und unsentimental vom Schicksal einer 15-Jährigen in einem beklemmenden Sozial-Ghetto. Laien-Darstellerin Katie Jarvis beeindruckt als rotzfreche, aber feinnervige Göre.

Kool

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In einer leerstehenden Wohnung hoch über den Hochhausreihen von Tilbury tanzt sie sich frei. Mia ist 15 Jahre alt, burschikos und kantig, liebt HipHop, imitiert den Tanzstil der heißen Girls, die in den Rap-Videos auf MTV unter der heißen Sonne Kaliforniens in bonbonbunten Bikinis herumhüpfen. In dem öden Sozial-Ghetto nahe London ist nichts bunt, der meistens graue Himmel konkurriert mit den bleichen Häuserfassaden um die größtmögliche Tristesse. Hier wächst Mia auf, hier träumt sie von einer Zukunft, von der Chance auf ein Leben jenseits dieser Wohnblocks, während sie ihre Moves perfektioniert zu HipHop-Beats, die aus den Billig-Boxen an ihrem alten Discman scheppern.

Mia ist eines dieser rotzfrechen, jederzeit gewaltbereiten Gören, die in englischen Boulevard-Blättern gerne als Beleg für das "Broken Britain" herbeigezerrt werden, für das Scheitern von Bildungs- und Sozialpolitik. In der populären Comedy-Serie "Little Britain" gibt es die grenzdebile, im breitesten Suburb-Slang sinnentleert vor sich hinblökende Vicky Pollard, die zum Sinnbild für die auf der Strecke gebliebene Vorstadt-Jugend geworden ist.

Doch Mia, gespielt von der Laien-Darstellerin Katie Jarvis, ist keine Karikatur wie Vicky, sie taugt nicht zum comic relief. Ganz im Gegenteil, sie ist so echt, wie es nur geht. Mit ihrem Hoodie, ihrer Trainingshose und ihrem zum fipsigen Pferdeschwanz gebundenen dunklen Haarschopf erinnert sie eher an den Sporty-Charakter der Spice Girls - nur eben mit echter Street-Credibility. Gleich in einer der ersten Szenen von "Fish Tank" ist zu sehen, wie Mia mit regungsloser Miene einer tanzenden Konkurrentin mit einem Kopfstoß das Nasenbein zertrümmert. Ihr Vokabular besteht aus patzigen One-Linern und deftigen Flüchen.

Dauersehnsuchtssendungen im ständig plappernden Fernsehen

Regisseurin Andrea Arnold entdeckte Katie Jarvis auf einem Bahnsteig, als der Teenager lautstark mit seinem damaligen Freund stritt. Vieles von dieser Authentizität, die der Filmemacherin damals imponierte, hat Jarvis in ihre Rolle übernommen: Sie trägt Arnolds beklemmendes Drama über die Perspektivlosigkeit eines Teenagers in den britischen Projects fast ganz allein auf ihren schmalen Schultern - schnodderig und verhärtet, aber auch feinnervig und verletzlich, wenn es darauf ankommt.

Kurz nachdem sie ihrer blonden Rivalin die Nase zerstört hat, versucht sie, ein altes Zirkuspferd von einer Kette zu befreien. Mit all ihrer aufgestauten Wut drischt sie mit einem Stein auf die eiserne Fessel ein - bevor sie von den Besitzern gestoppt wird. Als wäre sie selbst ein gefangenes wildes Tier, das nach Befreiung hungert, wehrt sie sich mit Händen und Füßen und wüstesten Beschimpfungen gegen die Männer - und entgeht einer Abreibung nur um Haaresbreite.

Aber auch zu Hause herrscht Krieg. Mias alleinstehende Mutter Joanne (Kierston Wareing), eine frühzeitig verhärmte Endzwanzigerin, bekämpft ihren Frust mit Alkohol-Exzessen und wechselnden Sex-Partnern; Mias kleine Schwester trägt schon im Grundschulalter die übertriebene Solariumsbräune des Prekariats im Gesicht. Im ständig vor sich hin plappernden Fernseher laufen Dauersehnsuchtssendungen: Werbefilme aus dem Luxus-Möbelcenter, Dokus über Südsee-Urlaube.

Die Stimmung in dem Drei-Frauen-Haushalt ist feindselig: Wenn sich Mia und ihre Mutter nicht geflissentlich aus dem Weg gehen - oder Mia bei Joannes Spontan-Partys im Wohnzimmer auf ihr Zimmer verbannt wird, giften sich die beiden erbittert an. Überfordert ist Joanne mit dem chronisch schulschwänzenden und aufmüpfigen Teenager ohnehin, das Jugendamt droht bereits damit, ihr die Tochter dauerhaft zu entziehen: Sozialwohnungshölle oder Erziehungsheim - kein Wunder, dass sich Mia angesichts solch trüber Aussichten über ein paar Kumpels Alkohol besorgt und schon auf dem besten Wege ist, dem gleichen Betäubungsmittel-Eskapsimus zu verfallen wie ihre Mutter.

Erst als der sympathische Connor (Michael Fassbender) ins Leben der drei Frauen tritt, ändern sich die Koordinaten. Der One-Night-Stand, der plötzlich Teil des Familienlebens wird, interessiert sich nicht nur für Joanne, sondern spürt auch das Bedürfnis der beiden Kids nach einer Vaterfigur. Eine ungewöhnlich poetische, in warmen Farben gehaltene Szene von "Fish Tank" zeigt einen gemeinsamen Ausflug an ein idyllisches Themse-Ufer. Mit Hilfe Mias, die sich zögerlich, aber immer mehr für den neuen Mann erwärmt, fängt Connor einen Fisch mit bloßen Händen. Der gut gebaute Sonnyboy lobt ihre Tanz-Performance und spielt ihr Bobby Womacks entspannte Version von "California Dreaming" vor. Für einen kurzen Moment sieht es so aus, als könnte doch noch alles gut werden, als wäre die schicksalhafte Abwärtsspirale durchbrochen. Doch der mit so viel Feingefühl und Geschick gefangene Fisch verrottet bald darauf unbeachtet auf dem Küchenfußboden - und Connor nutzt die widerstreitenden Gefühle Mias für einen sexuellen Übergriff aus. Die Situation droht zu eskalieren.

Aggressiver Realismus statt Sozialromantik

Dass Andrea Arnold ihren Figuren letztlich ein halbwegs versöhnliches Ende gönnt, ihnen aber ein Happy End verweigert, ist so realitätsnah wie programmatisch. Schon mit "Red Road", ihrem ersten Spielfilm, erzählte sie aus dem Alltag chancenloser Existenzen am Rande der Gesellschaft - und steht damit in der Tradition der "Kitchen sink"-Dramen aus den fünfziger und sechziger Jahren, als die englischen Filmemacher die Radikalität der französischen Nouvelle Vague nutzten, um auch den britischen Film mit einer "New Wave" aus hartem, dokumentarischem cinéma vérité zu überziehen. Man kennt diesen körnigen, sehr harschen und slangreichen britischen Sozialkino-Sound vor allem von etablierten Größen wie Mike Leigh und Ken Loach.

Doch wo der "Social Realism" der Altmeister oft zu sehr in Richtung Sozialromantik driftet, fügt Andrea Arnold, die mit ihrem Kurzfilm "Wasp" 2005 einen Oscar gewann, dem Genre eine neue, aggressivere Nuance hinzu. Sowohl mit "Red Road" als auch mit "Fish Tank" gewann die 49-jährige Regisseurin den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes.

Mit ihrer stets mehr dokumentierenden als suggerierenden Kamera folgt sie ihrer jungen Darstellerin auf Schritt und Tritt: Als Zuschauer ist man dabei, wenn sie wie eine räudige Straßenkatze durch ihr karges Revier streift, launisch und unberechenbar, ständig auf dem Sprung, unter Strom. Arnold gab ihren Schauspielern immer nur einzelne Szenen zu lesen, nie das ganze Skript. Das Ergebnis ist, dass alle, insbesondere die ungeschulte Katie Jarvis, in jeder Szene so intensiv spielen, als wäre es die einzige und letzte. Die Spannung, dass auch die Akteure nicht wissen, was als nächstes passiert, ist in jeder Einstellung zu spüren. So gewinnt ein Film über ein Milieu, dem eigentlich nichts übrig bleibt, als zu resignieren, auf subtile Weise Nervosität und Dynamik. Es lebt noch etwas in diesen tristen Vororten. Das kann man als bedrohlich empfinden. Aber auch als Hoffnungsschimmer.



insgesamt 4 Beiträge
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wurmfan 23.09.2010
1. Gruselig!
"Suburb-Slang", "Hoodie", "Sporty-Charakter", "Street Credibility", "One-Liner", mal ehrlich Herr Borcholte, ich persönlich habe nach dem dritten Absatz aufgehört zu lesen.
My2Cents 23.09.2010
2. Egozentrisch
Zitat von sysopTrist, trister, englische Suburbs: In ihrem Film "Fish Tank" erzählt die britische Regisseurin Andrea Arnold kühl und unsentimental vom Schicksal einer 15-Jährigen in einem beklemmenden Sozial-Ghetto. Laien-Darstellerin Katie Jarvis beeindruckt als rotzfreche, aber feinnervige Göre. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,718694,00.html
Ich weiß nicht, was an "rotzfrech" so bewundernswert ist. Ich empfinde diesen Charakterzug eher als eine nervende, egozentrische Eigenschaft der Postmoderne, auf deren Präsenz ich lieber verzichten würde.
nicolai-bruno 23.09.2010
3. Feinfrech ist nicht rotznervend
Zitat von My2CentsIch weiß nicht, was an "rotzfrech" so bewundernswert ist. Ich empfinde diesen Charakterzug eher als eine nervende, egozentrische Eigenschaft der Postmoderne, auf deren Präsenz ich lieber verzichten würde.
Bewundernswert steht nirgendwo. Da steht "beeindruckt". Gemeint ist wohl auch eher die Kombination mit "feinnervig", was aber nur am Rande mit nervend zu tun hat.
dogel 25.09.2010
4. Kulturkampf
Bei dem Thema beschleicht mich ein merkwürdiges Gedanke: Leute, die in der Grundschule immer wieder Dresche bezogen haben könnten, die sogenannten Klassenbesten, geben es nicht auf, sich an den “Unterprivilegierten” rächen zu wollen, indem sie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft heucheln. Ein toller Film wäre doch, aus der Perspektive dieser “armen” Leute (nämlich aus Stolz und Selbstverständnis heraus) den Darm des Bürgertum mal zu spiegeln. Viele der schon in Schule und Erziehung abgehängten, können deren Furzereien nicht mehr ertragen. Das wäre ein Film, der weder verdrehte Gutmenschen, noch Labortiere zeigt, sondern schnörkellose moderne Lebensgefühle, von denen diese “privilegierte” Schicht keine Ahnung mehr hat. Das ist ihr eigentliches Problem, sich nicht mehr einfühlen oder erinnern zu können (ohne sozialromantisch zu wirken) und nur noch die beängstigende Attitüde wahr nimmt ! Das Volksfernsehen der Privaten gibt in ihren elenden Abzocker - Sendungen mindestens eine Ahnung davon. Und in der Gesellschaft zeigt sich zum ersten Mal ein “Phänomen”, dass viele “Bildungsferne” mit der bürgerlichen Schicht und deren Werten überhaupt nichts zu tun haben wollen (lediglich deren “Knete” ist noch von Belang).
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