Teenager-Drama "Paranoid Park": Wenn die Jugend ins Rollen kommt

Von David Kleingers

Realromantik in der MySpace-Generation: Die Pubertät ist kein Zuckerschlecken, aber so berückend klar und einfühlsam wie in Gus Van Sants meisterhaftem Teenager-Poem "Paranoid Park" wurde sie selten in Szene gesetzt.

Die Jugend ist bisweilen eine paradoxe Existenzphase, kann sie doch inmitten rastloser Bewegung das Gefühl quälenden Stillstands vermitteln. Während das Leben rast und dabei Körper wie Verstand in immer neue, unbekannte Regionen schubst, scheinen sich Tage, Stunden und Augenblicke gleich dicker Honigfäden gen Ewigkeit zu ziehen. Zeit und Raum sind auch zwei der bestimmenden Größen im Kino, und selten wurden das Motiv der Adoleszenz und filmisches Erzählen so berückend und zwingend miteinander verzahnt wie in Gus Van Sants großartigem Teenager-Poem "Paranoid Park".

Teenager-Drama "Paranoid Park": Fragmente der Erinnerung
Stadtkino Wien

Teenager-Drama "Paranoid Park": Fragmente der Erinnerung

Basierend auf Blake Nelsons gleichnamigen Roman drehte Van Sant erneut in Portland, das an der Nordwestküste der USA als kleine, ruppige Schwesterstadt des strahlenden Seattle eine kommerzferne Künstlerszene beherbergt und Schauplatz der Independent-Renaissance des zeitweiligen Hollywood-Regisseurs war. In Portland entstand 1985 Van Sants erster Spielfilm "Mala Noche", und hier inszenierte er fast zwei Jahrzehnte später mit "Elephant" ein stilles Requiem über die Ratlosigkeit angesichts verheerender Amokläufe an Amerikas Schulen.

Als formale Folie ist das beseelte Laienspiel "Elephant" denn auch allgegenwärtig, wenn in "Paranoid Park" der junge Alex (Gabe Nevins) in Fragmenten und Ellipsen eine Schlüsselepisode seiner Biografie umkreist. An den Rändern wird das Leben des verschlossenen Skaters aus der Mittelschicht sichtbar: Die Eltern leben in Scheidung, seine Cheerleader-Freundin Jennifer drängt auf den ersten Sex und der Schulalltag ist eine diffuse Abfolge aus gleichermaßen abgesessenen Unterrichtseinheiten und Kantinenpausen.

In Alex' Erinnerung gibt es scheinbar nur einen singulären Höhepunkt: Seinen nächtlichen Ausflug zum Eastside Skateboard Park, besser bekannt als "Paranoid Park". Ein anarchisches Rückzugsgebiet für Portlands Straßenkinder, die auf ihren Brettern die Schwerkraft und sonstige Autoritäten verhöhnen.

Die Asphaltpoeten von Portland

Nur zögerlich und sprunghaft nähert sich der Film den Ereignissen an jenem Samstagabend, und wiederholt bricht Alex seine non-lineare Erzählung vor dem entscheidenden Augenblick ab. Erst nach und nach vervollständigt sich die Geschichtslücke: Auf dem an den Park angrenzenden Güterbahnhof starb in dieser Nacht ein Wachmann – er geriet unter einen fahrenden Zug und wurde buchstäblich zweigeteilt. Alex, dies wird schließlich deutlich, war im Moment des Unglücks vor Ort und ist für den bizarren Tod des Mannes mitverantwortlich. Die Polizei ermittelt unter den Skateboardern in der Schule, während sich Alex mit dem Bild des Sterbenden im Kopf von seiner Umwelt abkapselt.

Van Sant geht es weder um eine herkömmliche Psychologisierung Heranwachsender, noch interessieren ihn die Kategorien konventioneller Jugenddramen. So fällt der Film auch kein Urteil über Alex, sondern bewahrt eine respektvolle, aber nie kühle Distanz zu seinem Protagonisten und den anderen, ebenfalls von Laien verkörperten Teenagern. Im Gegensatz zur berückenden Klarheit, mit der Wong-Kar-Weis Hauskameramann Christopher Doyle die Jugendlichen porträtiert, bleiben die Erwachsenen mitsamt ihrer zweifelhaften Moral im wahrsten Sinne gesichtslos und außerhalb des Fokus.

Dazu passt, dass die meisten Darsteller aufgrund ihrer Selbstdarstellungen auf MySpace gecastet wurden. So wie das Social Network seinen Nutzern kleine autonome Zonen zur Egogestaltung bietet, so verinnerlicht auch "Paranoid Park" die jugendliche Urambition – die Definition und Behauptung eines eigenen Raums. Das Skaten übersetzt hierfür perfekt adoleszente Befindlichkeit in ungestüme Bewegung: Der Sprung ins Ungewisse, das andauernde Scheitern an der nächsten Hürde, das unermüdliche und verbissene Weitermachen und der kurze Glücksmoment, in dem die Ordnung der Dinge ausgehebelt und die Zeit suspendiert wird. Entscheidend ist letztlich allein das Fortkommen, selbst wenn das Ziel unbekannt bleibt.

Die formvollendete Verortung der Körper im Raum ist das eine, Alex' Weg aus der Isolation das andere Anliegen von "Paranoid Park". Die Chance zur Rückkehr in ein soziales Netz kommt in Gestalt von Macy (Lauren McKinney), einer aufgeweckten Freidenkerin, deren Schönheit anders und heller strahlt als die makellose Oberfläche der Highschool-Prinzessin Jennifer. An Macy adressiert Alex denn auch seine Geschichte in Form eines Briefs, dessen sprunghafter Aufbau den Film strukturiert.

Die zarte Aufrichtigkeit zwischen den schlicht phänomenalen Schauspielentdeckungen Gabe Nevins und Lauren McKinney eröffnet zumindest die Möglichkeit eines gemeinsamen Aufbruchs. Während der umstrittene Fotograf und Regisseur Larry Clark in seinen expliziten Teen-Dramen das Wesen der Jugend nur als ästhetisierten Fetisch zu fassen scheint, gibt sich Van Sant als empathischer Realo-Romantiker zu erkennen. In den schnöden Fassaden Portlands und aus von hormonellen Verwerfungen gezeichneten Gesichtern schimmert Hoffnung; ein Gefühl, so unvermittelt wie der Anblick des erhabenen Pazifik nach dem Gang durch unübersichtliches Schilfdickicht. Was die Amerikaner unübersetzbar Poetry in Motion nennen, ist in "Paranoid Park" wahrhaftig zu sehen: Kino als eine Kunst der Bewegung, unverstellt und befreit, mit einem rasenden Herzen, das den Takt vorgibt.

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