Film "Vielleicht lieber morgen": Triumph des Mauerblümchens

Von Daniel Sander

Stephen Chboskys Briefroman "Vielleicht lieber morgen" hat es zum Kultroman schüchterner Jugendlicher gebracht. Die Verfilmung übernahm der Autor selbst. Herausgekommen ist ein selten intelligenter Teenie-Film.

Film "Vielleicht lieber morgen": Triumph des Mauerblümchens Fotos
Capelight Pictures

Die Pubertät hat noch niemanden glücklich gemacht. Weil man das trotz aller bösen Ahnungen aber erst ganz genau weiß, wenn sie vorbei ist, geben die meisten die Hoffnung in diesen unendlichen Jahren zwischen 12 und 17 doch nie ganz auf. Auch Charlie (Logan Lerman) nicht. Er ist 15 Jahre alt, ein stiller Typ, der gern liest und schreibt, und der seit Jahren die Schikane seiner Mitschüler gewohnt ist. Er hat es ausgehalten, auch weil er seinen besten Freund Michael an seiner Seite wusste. Doch dann hat der sich erschossen, ohne Ankündigung, ohne Abschiedsbrief. Charlie muss den ersten Tag an der Highschool allein durchstehen. Und trotzdem träumt er davon, dass er vielleicht Freunde findet, dass diesmal alles anders werden könnte.

Wird es natürlich nicht. Der einzige Mensch, der sich am ersten Tag an der Schule für Charlie interessiert, ist sein Englischlehrer (Paul Rudd), der Potential hinter der schüchternen Fassade erkennt und Charlie fortan mit Lesetipps versorgt. Was dessen Beliebtheit unter den Mitschülern aber auch nicht gerade fördert. Seinen Eltern vertraut er sich lieber nicht an, die würden sich nur noch mehr Sorgen um ihn machen, als sie es ohnehin schon tun. So bleibt es ihm nur, Briefe zu schreiben. An einen anonymen Freund, wie in einem Tagebuch. Nur mit der Illusion, dass da jemand wäre, mit dem man seine Gedanken teilen kann.

Unfallfrei durchs Leben

Diese Briefe ergaben vor zwölf Jahren Stephen Chboskys wunderbaren Roman "The Perks of Being a Wallflower" (etwa: "Die Vorzüge, ein Mauerblümchen zu sein"), der in Deutschland erst als "Vielleicht lieber morgen" erschien und im vorigen Jahr unter dem auch nicht viel inspirierteren Titel "Das also ist mein Leben" neu verlegt wurde. Vor allem in den USA wurde das Buch schnell zu einem Klassiker der Jugendliteratur, ein Manifest der Schüchternen, in dem sich jeder junge und zurückhaltende Mensch wiederfinden konnte - eine Art "Der Fänger im Roggen" für eine neue Generation. Umstritten, weil es seinem jungen Publikum Themen wie Missbrauch, Drogen, Sex und Selbstmord zumutete. Aber geliebt, weil es bedingungslos ehrlich war, weil es seinen Helden ernsthaft zu verstehen schien, und weil es weitgehend ohne läppische Herzschmerz-Klischees und sogar ohne pseudoironischen Hipster-Tonfall auskam.

Damit das auch auf die ersehnte Verfilmung zutrifft, hat Stephen Chbosky selbst die Regie und das Drehbuch übernommen. Und er hat gut daran getan. Für einen Teenie-Film ist "Vielleicht lieber morgen" ein selten intelligentes Stück Kino geworden, das ernsthaftes Interesse an seinen Helden hat und sie nicht als die genreüblichen Halbdeppen darstellt. Chbosky fehlt visuell manchmal das Gespür für die großen Momente, so dass Selbstläuferszenen wie der erste Tanz mit der Angebeteten (zu den Dexys Midnight Runners) oder eine Aufführung der "Rocky Horror Picture Show" nicht so zünden wie sie könnten. Aber gerade Chboskys zurückgenommener und sanfter Erzählstil gibt dem Film - wie dem Buch auch schon - seine verträumte Herzlichkeit. Charlie badet nicht im Selbstmitleid und wütetet auch nicht gegen Ungerechtigkeiten. Er versucht nur einigermaßen unfallfrei durchs Leben zu kommen.

Mit Sam (Emma Watson) und Patrick (Ezra Miller), Stiefgeschwister und überzeugte Außenseiter, wird Charlie doch noch Freunde finden, und er wird erleben, dass nicht alles einfacher wird, wenn man Teil einer Gruppe ist. Nur anders, aber anders bedeutet automatisch schon besser.

Das Schönste ist, dass "Vielleicht lieber morgen" auch in seinen traurigsten Momenten noch grenzenlos optimistisch bleibt. Ein Film mit der Gabe, Menschen glücklich zu machen. Selbst, wenn sie in der Pubertät sind.


Vielleicht lieber morgen. Start: 1.11. Regie: Stephen Chbosky. Mit Logan Lerman, Emma Watson, Ezra Miller.
Hot Chip live! Am 2.11. auf SPIEGEL ONLINE. Um 20 Uhr.
Mehr Videos von Hot Chip gibt es hier auf tape.tv!
Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Selten dämlich ...
noalk 01.11.2012
... finde ich in diesem Fall die Formulierung "selten intelligent", die im Gegensatz zur Redensart "selten dämlich" ihre eigentliche Bedeutung behalten hat. Der Film hätte demnach nur sehr wenige intelligente Momente. Ich kenne den Gebrauch von "selten" in der ironischen Bedeutung nur im Zusammenhang mit abwertenden Adjektiven wie "dämlich", "blöd" oder "doof". Aber vielleicht irre ich mich ja, und ein Sprachwissenschaftler kann mich eines Besseren belehren.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar

Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 11/2012 Eine Nacht vor dem Fernseher mit Tom Schilling

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller

Facebook