Teenpop-Phänomen So ein Lieber, dieser Bieber!

Die Mädels stürmen die Kinos, aber die Rebellion fällt aus: Der 17. Geburtstag von Teenie-Ikone Justin Bieber wurde deutschlandweit mit Previews seines ersten Films gefeiert. Das war Ekstase pur, allerdings ohne Porno oder Promille - denn damit will der Meister Proper des Pop nichts zu tun haben.

Von Katharina Miklis

Paramount Pictures

Pattie Mallette hatte eine persönliche Begegnung mit Gott. Danach war ihr alles klar: Ihr Sohn wurde auf die Erde gesandt, um der Welt Licht und Inspiration zu bringen. Wäre es nach Pattie Mallette gegangen, wäre ihr Sprössling Pastor geworden. Ist er aber nicht. Nun ist sie die Mutter des erfolgreichsten Teeniestars der Welt: Justin Bieber.

Er sieht aus wie 13, wurde aber gestern 17. Sein Bubigesicht trägt viel zu seinem Erfolg bei. Justin Bieber ist das erste große Teenie-Idol der Generation Facebook, er hat 100 Millionen Dollar verdient - allein im vergangenen Jahr. Er hat gerade vier American Music Awards abgeräumt und zwei Grammy-Nominierungen bekommen. Er durfte bei den "Golden Globes" eine Laudatio halten und für die Obamas im Weißen Haus singen. Das US-Magazin "Vanity Fair" hob ihn auf die Titelseite der Februarausgabe und fragte: "Ist er das anbetungswürdige Gesicht 2011?"

Der Bubi aus Kanada, der im Internet zum Star geworden ist, hat zudem als jüngster Künstler in den US-Billboard-Charts einen Rekord gebrochen - den von Stevie Wonder. Im Internet ist er inzwischen einflussreicher als der Dalai Lama und Lady Gaga. Und vor allem: Der Hype reißt nicht ab. Aber woher rührt diese Bieber-Mania?

Hilfe, der Stimmbruch naht!

Um das Phänomen Bieber zu verstehen, muss man dahin gehen, wo es laut ist. Hamburg, Dienstagabend. Vor dem Cinemaxx steht eine Traube von aufgedrehten kleinen Mädchen und ein paar wenige Jungs, die ihren Bieber-Pony alle paar Sekunden zur Seite werfen. Ganz wie das Vorbild. Heerscharen kleiner Mädchen haben schon das ein oder andere Mal dafür gesorgt, das Bieber-Konzerte abgesagt werden mussten, weil die Polizei die Massen nicht in den Griff bekam. Hier in Hamburg ist alles noch im gemäßigten Rahmen. Justin Bieber ist ja nicht da.

Bundesweit in mehr als 300 Kinos wurde das Biopic "Never Say Never" gestern, an seinem 17. Geburtstag, in einer Preview gezeigt. Mag man bei der Veröffentlichung seiner Memoiren 2010 noch den Kopf geschüttelt haben, so verwundert es heute nicht mehr, dass der Kinderstar genügend Stoff für ein fast zweistündiges 3D-Spektakel hergeben soll. Der Film, der am 10. März in die Kinos kommt, zeigt dokumentarisch, wie der kleine Junge aus der kanadischen Provinz dank YouTube zum Superstar wurde. Mit 13 wurde er dort entdeckt, von seinem späteren Manager Scooter Braun. "Mama Bieber", die Justin allein und in einfachen Verhältnissen aufzog, hatte ein Video von ihrem Sohn hochgeladen.

Heute sagt der kleine Junge, an dessen zarten Stimmbändern das Glück von Millionen Teenies hängt, in Interviews: "Ich bin verrückt, ich bin wahnsinnig. Und genau so funktioniert mein Gehirn. Ich bin nicht normal. Ich denke anders - mein Kopf arbeitet ständig. Ich bin einfach nur gestört. Aber ich denke, die besten Musiker sind wahrscheinlich so." Der Höhepunkt des Films ist Biebers ausverkaufte Live-Show im Madison Square Garden, New York. Einen Spannungsbogen bietet Biebers drohender Stimmbruch.

Babyfotos - zum Kreischen süß!

Als Erwachsenen lassen einen diese Konzert-Zusammenschnitte, Interviews und Babyvideos kalt. Weder die Melodien noch die Songtitel des 17-Jährigen wollen im Kopf bleiben. Die Stimme auch nicht. Aber für die Kinder hier im Kino, die ihre Hände in die Luft strecken und mit ihnen ein Herz bilden, für die ist es eine andere Welt. Ihre Welt. Sie kreischen, wenn Bieber sein T-Shirt auszieht, sie seufzen, wenn Babyfotos gezeigt werden. Sie singen mit, jeden Song. Die elfjährige Marta ist nach dem Film ein bisschen heiser; Bieber-Fieber, sozusagen.

Als am Ende des Films alle den Namen ihres Stars rufen, will sie am liebsten gar nicht mehr damit aufhören. In ihrer Welt dreht sich alles um Justin. Das ganze Kinderzimmer ist voll mit Postern, erklärt die Mutter. Sein zweites Album "My World 2", wochenlang auf Platz eins der US-Charts, kann die ganze Familie mitsingen. Die Mutter nimmt es locker: "Es hätte schlimmer kommen können."

Tatsächlich ist Bieber ein Vorzeige-Popstar, gegen den auch die meisten Eltern nichts einzuwenden haben. Es ist der Bubi-Effekt: Er singt vom Verliebtsein und Liebeskummer. Mit Mama geht er gerne shoppen, und im Film sieht man, wie er für seine Oma sein Zimmer aufräumt, anstatt mit den Kumpels Basketball zu spielen. "Ich finde nicht, dass man mit jemandem Sex haben sollte, wenn man sich nicht liebt," erzählte der Teenie im "Rolling Stone", dessen März-Cover-Boy er ist.

Bieber-Fans sagen: PorNo!

Eine umfassende Studie ergab im vergangenen Herbst, dass Jugendliche in Deutschland heute tendenziell später Sex haben als noch vor einigen Jahren. Demnach soll ein Drittel der befragten 17-Jährigen noch nie Geschlechtsverkehr gehabt haben. Geraucht wird übrigens auch weniger. Die Zeiten des Rock'n'Roll sind vorbei, die Rebellion fällt aus. Vielleicht ist es da gar nicht verwunderlich, dass einer wie Bieber, der die Dezenz und Abstinenz feiert, zum Idol einer Jugend wurde, die gelegentlich als "Generation Porno" tituliert wird.

YouTube, Facebook und Twitter sind das Grundgerüst des Bieber-Hypes. Zwei Stunden am Tag tummelt sich der Teenager in sozialen Netzwerken, hält Kontakt zu den Fans. Justin Bieber hat siebeneinhalb Millionen Follower bei Twitter und mehr als 22 Millionen Freunde. Bei Facebook. Sein Musikvideo ist auf YouTube das meistgesehene aller Zeiten.

Auch Jana und Marleen aus Hamburg, beide zwölf Jahre alt, verfolgen ihren Star über das Internet: "Fühlt sich an, als wäre er ganz nah". Egal, ob Justin Bieber ein neues Parfum und Nagellack auf den Markt bringt oder mit neuer Freundin Selena Gomez bei den Oscars auftaucht - Jana und Marleen verpassen keine News. Die Freundinnen sind auch Fans von "Deutschland sucht den Superstar", erzählen sie. An Justin Bieber finden sie aber besonders toll, dass er gerade "nicht aus einer Castingshow kommt", sondern "ganz alleine berühmt geworden ist".

Ob es wirklich reiner Zufall war, dass der damals 13-Jährige im Netz entdeckt wurde? Die Geschichte gehört nun mal zu dem Bieber-Zauber: Kleiner Nachbarsjunge wird zum Über-Star - dem "Anbetungswürdigen". Ohne Castings, ohne Skandale. Klar ist, dass Justin Bieber, so wie seine Mutter es vorausgesehen hat, viel Licht in die Teenie-Welt gebracht hat. Bisher ganz ohne Schatten.



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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
kumbao 02.03.2011
1. Nicht meine Generation
Sollen Teenager und Junggebliebene entscheiden, was man von Justin Bieber zu halten hat. Mir ist er herzlich egal.
jolip 02.03.2011
2. We are only in it for the money
Zitat von sysopDie*Mädels*stürmen die*Kinos, aber die Rebellion fällt aus:*Der 17. Geburtstag von Teenie-Ikone Justin Bieber wurde deutschlandweit mit Previews seines ersten Films gefeiert. Das war Ekstase*pur, allerdings ohne Porno*oder Promille - denn damit*will der Meister Proper des Pop nichts zu tun haben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,748571,00.html
Das ist doch eine enorme Verallerwertestung, die Eltern ihren Kindern normalerweise doch garnicht zumuten sollten. Diese braven Popstars wie z.B. Britney Spears oder Hannah Montana spielen den lieben Kindern auf Wunsch der Produzenten zunächst eine total brave asexuelle und irreale Welt vor. Wenn diese "Stars" dann in die Pubertät kommen, ändern sie sich in allerkürzester Zeit in das genaue Gegenteil, also total oversext. Ich habe jetzt selbst keine Kinder, denke mir aber doch, dass diese radikalen und extremen Imagewechsel dieser Disney Stars die Kinder doch total verwirren müssen. Und das Ganze doch nur wegen der Kohle, die damit verdient wird. MFg jolip
vanilla.hk 02.03.2011
3. ...
Sowas kommt mir nicht ins Haus. Dann doch lieber Porno. Und Sex wenns spass macht.
rodelaax 02.03.2011
4. Porno
Gott persönlich ist doch, laut Aussage seiner Mutter, ihr erschienen und ihr die Einzigartigkeit und das Genie ihres Sohnes bestätigt. In wenigen Jahren wird er, wie alle anderen Teeniestars in der Versenkung verschwinden.
raly 02.03.2011
5. ...
Biebers Zukunft ist Guttenbergs Gegenwart.
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