Terroristen-Biopic "Carlos" Auf 'ne Kippe mit dem coolen Killer

Historisch nicht korrekt? Egal! "Carlos - Der Schakal" hält sich nicht genau an die wahre Geschichte des berühmten Top-Terroristen. Dafür verwandelt der Film das Leben des rätselhaften Revolutionärs in ein packendes Epos - und überzeugt mit einem brillanten Hauptdarsteller.

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dapd

Schießen. Whiskey trinken. Und rauchen. Immer und überall rauchen. In der Hotellobby, am Flughafen, im Flugzeug, im Konferenzsaal, im Taxi, im Bett: In diesem Film gehen die Schlote nur selten aus. Wenn Carlos und seine Gruppe im Winter 1975 mit der Straßenbahn zum Wiener Opec-Gebäude fahren, dann mit Glimmstengel im Mundwinkel.

Kurz bevor die Gang mit MP-Salven den Konferenzsaal stürmt und die Vertreter des Ölkartells als Geiseln nimmt, drückt eine von ihnen noch schnell im Aschenbecher am Empfangstresen die Kippe aus. Nachdem das Kommando die Geiseln in den Bus verfrachtet hat, der sie zum Flughafen bringen soll, lässt sich Carlos noch vom libyschen Unterhändler Feuer geben. Er nimmt einen Zug, ballert in die Luft und schreit zum Abschied: "Hasta la victoria, siempre!"

Ein cleverer Kunstgriff. Der Dauerqualm, das permanente Anzünden, Inhalieren, Ausdrücken und Wegschnippen - es legt über die siebziger und frühen achtziger Jahre, in denen der Film vor allem spielt, eine Abgespanntheit und Grundnervosität, eine Aura der permanenten Selbstschädigung und Atemlosigkeit, die Leben und Zeit des Ilich Ramírez Sánchez zwar nicht erklären, aber auf eindrucksvolle Weise parfümieren.

Liebesspiel mit Handgranate

Denn erklären will Olivier Assayas seinen Protagonisten nicht. Kindheit? Jugend? Politischer Werdegang? Damit hält sich der französische Regisseur nicht auf. "Carlos - Der Schakal" ist das Epos eines Egomanen, der aus dem Nichts kommt, sich bombend und schießend eine Identität schafft - und so zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Ist das die historische Wahrheit? "Letztlich ist es alles Fiktion", sagt Olivier Assayas. "Aber ich versuche, mich so weit wie möglich an die Fakten zu halten."

Nun ist seit Bernd Eichingers "Der Untergang" und "Der Baader-Meinhof-Komplex" der Film nach Faktenlage zumindest in Deutschland ein zweifelhafter Fetisch. Und wegen des Verzichts auf eine fiktionale Klammer erinnert tatsächlich manches in "Carlos - Der Schakal" an den "Baader-Meinhof-Komplex". Doch dieser Film nimmt sich einen alles entscheidenden Vorteil: Er lässt sich Zeit. Während das Drama über den Deutschen Herbst im Baller-Stakkato durch die Siebziger rast, gönnt sich Assayas über drei Stunden. In der Langfassung sind es gar fünfeinhalb.

In seinem Zentrum steht der 33-jährige Schauspieler Edgar Ramírez: Venezolaner und mehrsprachig wie das historische Vorbild, doch abgesehen davon nicht gerade dessen Ebenbild. Vom echten Carlos ist vor allem ein rätselhaftes Fahndungsfoto bekannt: ein bleicher Typ mit Mondgesicht und schiefem Mündchen, gerahmt von fusseligen Koteletten. Eine unpassende Hornbrille mit getönten Gläsern, unter welcher er trübe ins Leere blickt. Edgar Ramírez dagegen würde wohl in jedem Ché-Look-alike-Wettbewerb gewinnen.

Das ausgerechnet dieses Prachtexemplar von einem Mann den Anti-Guevara Carlos gibt, erleichtert es Assayas, seine Ausstrahlung glaubhaft zu machen. Ramírez spielt den undurchsichtigen Kämpfer brillant: als virilen, nervenstarken Gunman, der neben der Waffenbeherrschung vor allem über das Talent verfügt, Widersprüche mit Charisma und Dominanz wegzuwischen. Und mit Sex. "Waffen sind eine Verlängerung meines Körpers", raunt er einer seiner Gespielinnen zu und liebkost sie mit einer Handgranate. "Für mich steckt hinter jeder Kugel eine Idee", bekommt eine andere zu hören, als sie ihm Gefallsucht und Arroganz vorwirft. "Herrgott nochmal, ich bin arrogant. Arrogant für die Unschuldigen!" Ganz gleich, was dieser Carlos auftischt, die Frauen schmelzen dahin.



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
A.D.H. 02.11.2010
1. Carlos war ganz gewiss kein "Revolutionär",
sondern nur ein Terrorist und ordinärer Mörder, genauso wie die RAF, Dazu schrieb Jan Philipp Reemtsma treffend: "Lust an Gewalt" Die RAF fasziniert noch heute. Viele glauben, sie habe aus politischen Motiven gehandelt. Das ist ein Irrtum. Tatsächlich waren ihre Taten von Größenwahn und Machtgier geprägt. http://www.zeit.de/2007/11/RAF
Mischa, 02.11.2010
2. ..............
Zitat von sysopHistorisch nicht korrekt? Egal! "Carlos - Der Schakal" hält sich nicht genau an die wahre Geschichte des berühmten Top-Terroristen. Dafür*verwandelt der*Film das Leben*des rätselhaften Revolutionärs in ein packendes Epos*- und überzeugt mit einem brillanten Hauptdarsteller. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,726555,00.html
Au prima...da hab ich jetzt aber viele Vorschläge für weitere Drehbücher und Filme. "Bin Laden - Mit Gott gegen Alle" "Adolf - Sein Kampf" "Stalin - Die Story vom guten Onkel Joe." Zumindest die Filmindustrie wäre dann damit entgültig aus Krise.
günterjoachim 02.11.2010
3. Auf 'ne Kippe...
...mit 'nem miesen Kriminellen - was soll die SPON Verherrlichung solcher Typen?
shatreng 02.11.2010
4. ...
werde mir den Film auf jeden Fall anschauen. DANACH kann man auch Kritik äußern..
Kassander, 02.11.2010
5. Saudumm
Was für eine saudumme Bezeichnung: Revolutionär. Aber woher soll die jetzige Spiegel-Generation irgendeine Ahnung von diesem Thema haben?
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