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"Thank You For Smoking": Das Böse ist am Zug

Von Birgit Glombitza

Volle Packung für Gesundheitsapostel: Die Filmsatire "Thank You For Smoking" präsentiert Mephisto als Lobbyisten der Tabakindustrie. Bei so viel Charme und Bosheit stockt nicht nur Rauchern der Atem.

Er ist kein Killer, er läuft nicht mit verspiegelter Sonnenbrille herum und wechselt seine Identität nicht wie ein Paar Socken. Und dennoch bringt Nick Naylor den Tod und ist verdammt stolz darauf: "Erst kam Attila. Dann Dschingis Khan und dann ich. 1.200 Tote pro Tag, das sind zwei Jumbo Jets." Nick Naylor ist der Pressesprecher von Big Tobacco. Ein all-american boy in den besten Jahren, ein smartes blondes Feigenblatt, das sich vor jede Schande stellt, solange das Geld stimmt und ein gewisser, wenn auch anzüglicher Ruhm winkt. Schießen kann er nicht, aber reden, lügen, manipulieren und das mit der entwaffnenden Freundlichkeit eines Zeugen Jehovas und der verheerenden Geschwindigkeit einer Stalin-Orgel.

Tritt er in einer Talk-Show auf, in der er neben glühenden Gesundheitsaposteln und einem krebskranken Jungen Platz zu nehmen hat, schlägt ihm der blanke Hass entgegen. Doch am Ende wird man ihm zujubeln, seine eben gegründete Stiftung für blasse, sterbenskranke Kinder, - "die wir gesund sehen wollen - und rauchend" - feiern und die Tabakindustrie für einen wohltätigen Verein halten.

Totengräber der Moral

Nick Naylor (Aaron Eckhart), der maliziöse Held, verkörpert in diesem glänzenden, galligen Debüt von Jason Reitman die andere Seite des amerikanischen Traums, und die trägt die attraktive Fratze skrupellosen Gewinnlertums. Er gehört zur kollektiven Vision von der Machbarkeit des individuellen Glücks wie der Fettfleck zur Burger-Packung. Er ist nicht der Fehler im System, er ist das System in seiner diabolische Zuspitzung. Ein Sandmann, der der konsumierenden Nation die Körner einer verdrehten Wahrheit in die Augen streut - bis sie träumt, was er will.

Die Geschichte, nach dem gleichnamigen Roman von Christopher Buckley ist eine Achterbahnfahrt durch die "Spin"-Kultur Amerikas, die die Wahrheit für die öffentliche Meinung präpariert und mit ihren professionellen Euphemismen die Interessen der Lobbyisten an den Verbraucher, Bürger und Wähler zu bringen hat. Mit traumwandlerischer Sicherheit wirbelt Jason Reitman durch diese Szene der rhetorischen Durchlauferhitzer, denen der Bezug zur unpolierten Wahrheit längst abhanden gekommen ist.

Reitman konterkariert die Hybris seines Protagonisten mit der schrulligen Rechtschaffenheit des Gesundheitsfanatikers Finistirre (hinreißend gespielt von William H. Macy), der in Zukunft nicht nur gammelige Totenköpfe auf den Zigarettenpackungen sehen will, sondern sich mit dieser Kampagne auch seine Karriere als Senator von Vermont zu sichern versucht. Für Naylor ist er ein harmloser Gegner, den man bei einer öffentlichen Anhörung spielend in die Schranken weist. Schließlich sei der Cheddar-Käse aus Finistirres Wahlkreis mit seinen beträchtlichen Cholesterinwerten ein unerhörter Angriff auf die Gesundheit der reiferen Wähler. Massenmörder unter sich.

In diesem Kosmos aus Lüge und Macht wären die Konsumenten wohl verloren, gäbe es da nicht diesen hellsichtigen, unbestechlichen Jungen, Naylors 13-jährigen Sohn. Ihm wird, quasi stellvertretend für das Restgewissen des Vaters, Angst und Bange, wenn im sophistischen Redeschwall seines Erzeugers die Erde wieder eine Scheibe wird, die Naturgesetze eine Anhäufung von Irrtümern und das Rauchen ein pures Freiheitsbekenntnis ohne Reue. "Bitte zerstör' nicht meine Kindheit", sagt er einmal, als der Vater vor der Schulklasse spricht. Wie soll man auch stolz sein auf jemanden, der gerade den sterbenskranken Marlboro-Mann mit einem Geldkoffer zum Schweigen bringt.

Spröde statt öde

Reitman ist klug genug, um sich die Verve seines Erstlings nicht mit moralischen Umerziehungsprogrammen zu verwässern. Nick wird nach einer Überdosis, verursacht von Hunderten von Nikotinpflastern, mit denen ihn Kidnapper bekleben, zwar das Rauchen aufgeben müssen, nicht aber seine elastischen Überzeugungen. Das imprägniert den Film mit einer spröden Schicht von Vergeblichkeit. Zwar kostet das Drehbuch Naylors Karriereknick, seine aufgekratzte Selbstüberschätzung gebührend aus, doch die Banalität dieser wortreich hochgetunten Persönlichkeit bleibt dabei immer glasklar.

Überhaupt geht Reitman an seine Themen unmissverständlich und direkt heran. Die Dialoge sind bis zum Platzen pointiert, kommen Schlag auf Schlag und erzwingen eine besondere Strenge der Regie. Und so hat der Sohn von Ivan Reitman, dem man seine Werbeerfahrung anmerkt, deutlich seinen Film aus einzelnen Szenen zusammengefügt. Die Farben sind großflächig voneinander abgesetzt, das Dekor ist sparsam, jede Einstellung wird wie frisch geschält vor den Zuschauer gestellt. Reitman präsentiert seine Figuren gewissermaßen, er kriecht nicht in sie hinein. Er wahrt Distanz und kommt ihnen bei allem satirischen Schwung doch so nahe, dass er mühelos zwischen Komik und Ernst hin- und herschalten kann.

Und er bleibt in seiner Groteske über den Reiz und Fluch der schönen Worte und glänzenden Oberflächen immer gut gelaunt - bis zum bösen Ende. Reitman weiß nur zu gut: Ein Happy End mit einem geläuterten Helden kann nur wie eine weitere Lüge daherkommen.

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