"The Amazing Spider-Man": Spinne auf Sinnsuche

Von David Kleingers

Hier hängt die Spinne auch mal in den Seilen: Mit "The Amazing Spider-Man" beginnt die Karriere des Superhelden mit neuer Besetzung von vorn. Der Film pflegt das Erbe des Comic-Epos. Die überraschende emotionale Tiefe macht ihn absolut sehenswert - genau wie die großartige Emma Stone.

Die beinahe Fünfzig sieht man ihm nicht an: Im August 1962 hatte Spider-Man seinen ersten Auftritt in den "Amazing Stories" des Marvel-Verlags, im darauffolgenden Jahr widmeten ihm seine Schöpfer Stan Lee und Steve Ditko mit "The Amazing Spider-Man" die erste eigene Heftreihe. Unter diesem Titel kehrt der Jubilar nun ins Kino zurück. Und während andere in diesem Alter längst die Midlife-Krise schieben, muss der immerjunge Peter Parker zum x-ten Mal seine Teenagerleiden auf dem Weg zum genmanipulierten Helden durchleben.

Das zyklische Dasein teilt er mit vielen großen Comicfiguren, die in schöner Regelmäßigkeit neu- und wiedererfunden werden. Dennoch findet der reboot des Fassadenkletterers unter besonderen Vorzeichen statt, denn schließlich haben die drei vorherigen Spider-Man-Filme unter der Regie von Sam Raimi ein dominantes und immens populäres Bild der Figur geschaffen. Nach dem kommerziell erfolgreichen, dramaturgisch aber eher durchwachsenen dritten Teil scheiterten indes die Planungen für eine weitere Fortsetzung, und sowohl Raimi als auch die Hauptdarsteller Tobey Maguire und Kirsten Dunst nahmen ihren Abschied.

Dass Marvel und Lizenznehmer Sony Pictures daraufhin ihre lukrative Franchise nicht stilllegten, war keine Überraschung. Bemerkenswert dagegen die Entscheidung, Marc Webb als Regisseur für den Neustart zu verpflichten. Webb reüssierte 2009 mit seinem Debüt "(500) Days of Summer", einer verspielten und Hipster-affinen Beziehungsballade. Obschon ein Arthouse-Hit, war der Film nicht unbedingt die offensichtlichste Bewerbung für eine multimillionenschwere Studioproduktion in 3D, inklusive aller sonstigen logistischen und technischen Fallstricke, die ein Projekt dieser Größenordnung mit sich bringt.

Düstere Rückkehr

Zweifellos haben Bryan Singer ("X-Men", "X2"), Christopher Nolan ("Batman Begins", "The Dark Knight Rises"), Joss Whedon ("Avengers") und eben Sam Raimi in den vergangenen Jahren das Feld der Comic-Adaptionen für innovative Filmemacher mit Independent-Hintergrund erobert. Sie wiederum profitierten von der Pionierarbeit Tim Burtons, der einst im Vorfeld seines paradigmatischen "Batman" (1989) allerlei Skepsis ertragen musste.

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"The Amazing Spider-Man": Neuer Held, neues Glück
Eingedenk dieser erfolgreichen Tradition erscheint die Wahl Webbs zwar nicht mehr ganz so mutig. Aber richtig. Denn sein Film, nach einem Drehbuch von James Vanderbilt, Alvin Sargent und Steve Kloves, bringt den Sturm und Drang zurück in die Selbstwerdung des juvenilen Weltenretters. Und er präsentiert mit Andrew Garfield ("Never Let Me Go") einen ungleich wütenderen und zerrisseneren Peter Parker, dessen Ungestüm sich nicht allein in einer Vogelnestfrisur manifestiert. Die düster gewendete Rückkehr zu den Wurzeln setzt bei aller Vertrautheit etliche neue Akzente, etwa in der Familiengeschichte des Waisenjungen Peter, der trotz der liebevollen Fürsorge von Onkel Ben (Martin Sheen) und Tante May (Sally Field) das mysteriöse Schicksal seiner Eltern ergründen möchte.

Spinne auf Sinnsuche

Ebenfalls abgewandelt wurden der Ort und der Umstand jenes folgenschweren Spinnenbisses, der dem schmächtigen Skatepunk und Eckensteher seine übernatürlichen Fähigkeiten verleiht. Und nicht zuletzt verzehrt sich Peter Parker diesmal nicht nach der rothaarigen Nachbarin Mary Jane Watson, sondern nach seiner hochbegabten Mitschülerin - und publikationshistorisch ersten großen Liebe - Gwen Stacy.

Emma Stone ("The Help"), deren wunderschön tiefergelegte Stimme erneut ein klangvolles Argument für die Originalsprachversion ist, spielt die selbstbewusste Tochter des grantigen Police Captain George Stacy (Denis Leary) als zupackenden Gegenentwurf zur romantischen, chronisch passiven damsel in distress Mary Jane, die Kirsten Dunst in Raimis Trilogie gab. Das bringt frische Dynamik in den doch recht vorhersehbaren Konflikt, den der sinnsuchende Spider-Man mit dem Schurken des Tages austragen muss.

Diesmal kommt The Lizard alias Dr. Curt Connors (Rhys Ifans) diese Rolle zu, und wie zumeist in den Abenteuern von Spider-Man gewinnt auch der große Lurchi keinen Preis für Originalität, wenn es um seine bösen Masterpläne geht. Aber, und das ist weit wichtiger, er steht mit seiner tragischen Getriebenheit treffend für die Ambivalenz, die Peter Parker in seinen Gegnern immer einen Teil seiner Selbst entdecken lässt.

Tobey Maguire stand als Spider-Man glaubwürdig für großäugiges Staunen und ansteckende Begeisterung, ebenso wie Sam Raimis New York eine prächtige, farbsatte Spielwiese für die Spinne war. Auch Andrew Garfield wirbelt bisweilen euphorisch in die Höhe, doch wenn er sich durch die Straßenschluchten schwingt, erscheint die Welt unter ihm als drohender Abgrund.

In der schroff und grau gezeichneten Stadt bezieht der flüggegewordene Held zudem reichlich Prügel, und in seiner schicksalhaften Körperlichkeit muss dieser Spider-Man mehr als zuvor metaphorische und tatsächliche Abstürze bestehen. Wo Sam Raimi in aller cartoonesken Konsequenz die Möglichkeiten eines Film gewordenen Comics zelebrierten, betont "The Amazing Spider-Man" schmerzvolle Grenzen - der Fähigkeiten, des Körpers und des persönlichen Glücks.

Auch deshalb wirkt der Film trotz ausladender Actionsequenzen gedrungener, beengter und kleiner als seine Vorläufer. Er bringt damit aber auch eine emotionale Dichte und Dringlichkeit zurück, die Spider-Man als Kinofigur zuletzt abhanden zu kommen drohte.

Jetzt hängt die Spinne nicht mehr in den Seilen, sondern zeigt sich bereit für eine weitere Runde.

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1. .
frubi 27.06.2012
Zitat von sysopHier hängt die Spinne auch mal in den Seilen: Mit "The Amazing Spider-Man" beginnt die Karriere des Superhelden mit neuer Besetzung von vorn. Der Film pflegt das Erbe des Comic-Epos'. Die überraschende emotionale Tiefe macht ihn absolut sehenswert - genau wie die großartige Emma Stone. The Amazing Spider-Man: Neustart mit Andrew Garfield und Emma Stone - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,840842,00.html)
Für mich ist und bleibt Maguire der einzige Spiderman. Genauso wie Bale der einzig wahre Batman ist. Ich verstehe auch nicht, wieso man nach so kurzer Zeit eine Filmreihe neu aufrollt. Das ist pure Geldmacherei und zudem hat mich der Trailer nicht überzeugt. In diesem Jahr habe ich sowieso nur 3 Filme auf dem Zettel. Die Doku "from something to nothing", Batman TDKR und Prometheus.
2.
forenuser 27.06.2012
Zitat von sysopHier hängt die Spinne auch mal in den Seilen: Mit "The Amazing Spider-Man" beginnt die Karriere des Superhelden mit neuer Besetzung von vorn. Der Film pflegt das Erbe des Comic-Epos'. Die überraschende emotionale Tiefe macht ihn absolut sehenswert - genau wie die großartige Emma Stone. The Amazing Spider-Man: Neustart mit Andrew Garfield und Emma Stone - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,840842,00.html)
Ich hoffe das in dem neuen Film wesentlich weniger Wert auf Romantik gelegt wird als in den "Alten". Weiterhin unsagbar genervt hat eine egomanische Mary-Jane. Wenn das Beides wegfaellt, wirds sicher ein super Film.
3. Remake zu früh
nyarlathotep 27.06.2012
Die letzten Spiderman-Filme haben den Helden bereits gegen die Wand gefahren, wieso sollte man sich nach so kurzer Zeit alles wieder von vorne antun? Bis auf ein paar 3D Szenen sieht alles wieder so aus wie noch vor 5 Jahren. Warum den Herrn der Ringe nicht auch gleich nächstes Jahr wieder von vorne verfilmen?
4.
Tommmy 27.06.2012
Zitat von frubiFür mich ist und bleibt Maguire der einzige Spiderman. Genauso wie Bale der einzig wahre Batman ist. Ich verstehe auch nicht, wieso man nach so kurzer Zeit eine Filmreihe neu aufrollt. Das ist pure Geldmacherei und zudem hat mich der Trailer nicht überzeugt. In diesem Jahr habe ich sowieso nur 3 Filme auf dem Zettel. Die Doku "from something to nothing", Batman TDKR und Prometheus.
Da Sony nur bis 2016 Lizenznehmer ist, muss der Konzern die Franchise noch ordentlich ausschlachten. Daher auch nicht etwa eine "verdichtete" Rückkehr zu den Wurzeln, sonder einfach eine Anlehnung an den erfolgreichen Batman-Reboot. Bekommt Marvel die Filmrechte zurück, kann man sich auf den nächsten "Reboot" gefasst machen... Die neue Dramaturgie ist ein Mix aus den ersten Comics der Amazings Spider-Man und der Ultimate Spider-Man Serie. Von allem ein bisschen. Dazu ein bisschen die Blende zu und die Farbe etwas raus, und schon sieht alles aus, als hätte Raimi die Comics falsch verstanden. Wer mehr als einen davon in der Hand hatte, weiß, dass dem nicht so ist.
5. Fehlerhafter Artikel
spon-facebook-10000047707 27.06.2012
Die erste Ausgabe der "Spinne" erfolgte in "Amazing Fantasy #15" und nicht wie in Ihrem Artikel behaubtet in "Amazing Stories".
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The Amazing Spider-Man

USA 2012

Regie: Marc Webb

Drehbuch: James Vanderbilt, Alvin Sargent, Steve Kloves

Mit: Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Denis Leary, Martin Sheen, Sally Field, Campbell Scott, Embeth Davidtz

Produktion: Columbia Pictures, Laura Ziskin Productions, Marvel Enterprises

Verleih: Sony

Länge: 136 Minuten

FSK: 12 Jahre

Start: 28. Juni 2012