Schottland-Komödie "Angels' Share" Saufen für den Erfolg

Ein neuer Whisky ist wie ein neues Leben: In Ken Loachs Sozialkomödie "Angels' Share" verhelfen edle Tropfen einer Bande von Nichtsnutzen zu Selbstbewusstsein - und mithilfe ein paar krummer Tricks auch zu Geld. Der Film hält stramm Kurs Richtung "feelgood movie" und Schottland-Klischees.

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PROKINO Filmverleih

Wer bei den Worten "schottisches Nationalgetränk" an Whisky denkt, liegt nicht komplett falsch, aber eben auch nur zu 50 Prozent richtig. Im Alltag ist nämlich die Limonade Irn Bru, ausgesprochen wie Iron Brew (eisernes Gebräu), viel präsenter. Knallorange in der Farbe und unfassbar künstlich im Geschmack wird die Brause sowohl von Kindern als auch Erwachsenen in Schottland geliebt - von ersteren wegen des hohen Zuckeranteils, von letzteren wegen der Extra-Dosis Koffein, die noch über der einer durchschnittlichen Cola liegt. Fast noch entscheidender für die andauernde Beliebtheit von Irn Bru dürfte aber der Umstand sein, dass die Limonade in Schottland selbst hergestellt wird, Marktführer bei den Softdrinks ist und somit Schottland zu einem der wenigen Länder macht, die der Vorherrschaft von Coca Cola und Pepsi widerstehen.

Was das nun alles mit dem neuen Film von Ken Loach über eine Bande von Kleinkriminellen zu tun hat, die Whisky als Genussmittel und Hehlergut entdecken? Dazu müssen Sie sich "Angels' Share - Ein Schluck für die Engel" schon ansehen, denn jedes weitere Wort zur Rolle von Irn Bru in dem Film würde zu viel verraten. Deshalb jetzt zum Whisky.

Uisge beatha, Wasser des Lebens, heißt Whisky im Schottisch-Gälischen und als solches funktioniert es auch für die Hauptfigur Robbie (Paul Brannigan), einem Kleinkriminellen aus Glasgow. Immer wieder hat ihm sein überbordendes Temperament Schwierigkeiten gemacht, zuletzt hat er wegen einer Lappalie einen jungen Mann derart brutal zusammengeschlagen, dass der für mehre Wochen ins Krankenhaus muss und Robbie nur ganz knapp einer Gefängnisstrafe entkommt. Stattdessen wird er zu Sozialstunden verurteilt, die er unter der Aufsicht von Sozialarbeiter Harry (John Henshaw) ableisten muss. Mit einem unglaublich großen Herz ausgestattet, sind es trotzdem nicht Harrys Geduld und Einfühlungsvermögen, die Robbie schließlich bändigen - es ist Harrys Whisky.

Entdecke die Torfnoten!

Eigentlich war er nur zum Anstoßen auf Robbies neugeborenen Sohn gedacht, doch der Single Malt weckt wortwörtlich neue Lebensgeister in Robbie - auch wenn sein erstes Urteil "Tastes like shit" ist. Spielend leicht findet er sich in die zahllosen Geschmacksnuancen ein, erlernt die Unterschiede zwischen den Whisky-Regionen, entdeckt Torfnoten, spürt kandierten Früchten im Abgang nach und entdeckt sich selbst neu - als Mann mit ausgeprägtem Geruchs-, aber auch Geschäftsinn.

Denn was das eingespielte Team aus Drehbuchautor Paul Laverty und Regisseur Ken Loach bei aller Nationalromantik für den Getreidebrand nicht ausblendet: In einer durchökonomisierten Welt ist die Traditionsware Whisky längst zum Anlage- und Spekulationsobjekt geworden, mit dem sich auf Auktionen schwindelerregende Preise erzielen lassen. Und so ist Robbie von der geheimen Information, wo ein Fass teuersten Whiskys auf seine Versteigerung wartet, noch elektrisierter als von einem Schluck Lagavulin.

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Kinokomödie "Angels' Share": Was trägst du unterm Kilt?
Gemeinsam mit einer Crew aus Freunden, die er während des Sozialdienstes kennengelernt hat, macht er sich auf den Weg zur Distillerie, wo der exklusive Tropfen lagert. Seine Idee: Die Fässer anzapfen, das Abgefüllte heimlich an vermögende Whisky-Fans verkaufen und darauf hoffen, dass der Verlust später als angels' share, als Schluck der Engel, der natürlichen Verdunstung zugeschrieben wird.

Die 99 Prozent genehmigen sich einen Schluck aus der Pulle des 1 Prozent - so in etwa könnte man die Verteilungslogik von "The Angels' Share" zusammenfassen. Gehaltvoller wird es nicht, im Gegenteil: Laverty und Loach halten so stramm Kurs in Richtung "feelgood movie", dass alles, was zu einer komplexen Sozialstudie gereichen könnte, nach und nach wegfällt. Das ist schade, weil die Szene am Anfang, in der Robbie dem Opfer seines Übergriffs und dessen Familie im Rahmen eines Mediationsverfahrens gegenüber tritt, zu den eindrücklichsten des ganzen Films gehört. Hier vermitteln ganz einfache Bilder und Sätze, wie sehr Gewalterfahrungen ein Leben erschüttern können.

Schottland, eine filmische Brache

Doch den Filmemachern reicht das anscheinend als Beleg ihres sozialen Gewissens und filmischen Könnens aus. Danach begnügen sie sich zunehmend mit vorhersehbaren Wendungen und netten Schottlandklischees - ja, Robbies Bande trägt tatsächlich Kilt und ja, natürlich muss kurz geguckt werden, was sie darunter tragen.

Wie viele kleine Länder, die sich von einem als übergroß wahrgenommenen Nachbarn abgrenzen wollen, neigt Schottland zur Selbstfolklorisierung, um regionale Unterschiede zu betonen und politisch nutzbar zu machen. Statt das zu ironisieren und in seiner Rückwärtsgewandtheit zu brandmarken, liefern Loach und Laverty jedoch nur reizarme, weil altbekannte Bilder. Wenn zum Schluss die Proclaimers mit ihrem Uralt-Hit "500 Miles" erklingen, dürfte auch dem letzten klar werden, wie wenig Gedanken sie auf eine zeitgemäßere Ikonographie Schottlands verwendet haben.

So bildet Großbritanniens nördlichste Region derzeit eine filmische Brache. Ihre Stars hat es in alle Winde geschlagen: Lynne Ramsay ("Ratcatcher"), Schottlands aufregendste Regisseurin, hat gerade mit dem in den USA angesiedelten Psychodrama "We Need to Talk About Kevin" für Furore gesorgt. Von David Mackenzie ("Young Adam") ist zuletzt nichts nennenswertes mehr gekommen, Kevin MacDonald ("Last King of Scotland") hat sich in seinen Filmen schon lang nicht mehr seiner Heimat angenommen.

Wenn nun Angestaubtes wie "Angels' Share" daher kommt, macht das die Lücke umso schmerzhafter spürbar.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
tommyglasgow 18.10.2012
1. Ich liebe Irn Bru (und Whisky, aber nicht zusammen)
Aber, tragen wir alle kilts! And Irn Bru ist unglaublich lecker, ob ein bisschen kunstlich. Aber, man kann nicht haben kunstlich ohne 'kunst' ;)
Acalot 18.10.2012
2.
Zitat von sysopPROKINO Filmverleih Ein neuer Whisky ist wie ein neues Leben: In Ken Loachs Sozialkomödie "Angels' Share" verhelfen edle Tropfen einer Bande von Nichtsnutzen zu Selbstbewusstsein - und mithilfe ein paar krummer Tricks auch zu Geld. Der Film hält stramm Kurs Richtung "feelgood movie" und Schottland-Klischees. http://www.spiegel.de/kultur/kino/the-angels-share-ken-loachs-feelgood-movie-ueber-whisky-a-861758.html
Also böser Loach böser Laverty weil sie das was der Autor des Artikels als "rückwärtsgewandt" ansieht (also so nicht wirklich zukunftsfähig) nicht ironisieren oder brandmarken. Der kleine Satz beweist wieder mal das heute in der Kunst und Kultur der Mainstream deutlich links der Mitte steht und Kunst und Kultur nur mehr daran gemessen werden wie "kritisch" (im negativen Sinne) sie mit Sachen umgehen die dem linkeren Milieu negativ auffallen.
rackerauchzart 18.10.2012
3. Prost
Warum soll man mit solch einem Film etwas politisch nutzbar machen und nicht einfach einen 'feelgood'-Film? Vorschlag: Vor dem Film 1 - 2 Whisky trinken, Film anschauen und gut unterhalten. Falsche Kritik zum Film. Bitte nicht alles schwerer nehmen als es ist.
gerald246 18.10.2012
4. komplexe Sozialstudie, my ass
Zitat von sysopPROKINO Filmverleih Ein neuer Whisky ist wie ein neues Leben: In Ken Loachs Sozialkomödie "Angels' Share" verhelfen edle Tropfen einer Bande von Nichtsnutzen zu Selbstbewusstsein - und mithilfe ein paar krummer Tricks auch zu Geld. Der Film hält stramm Kurs Richtung "feelgood movie" und Schottland-Klischees. http://www.spiegel.de/kultur/kino/the-angels-share-ken-loachs-feelgood-movie-ueber-whisky-a-861758.html
"Laverty und Loach halten so stramm Kurs in Richtung "feelgood movie", dass alles, was zu einer komplexen Sozialstudie gereichen könnte, nach und nach wegfällt. " aaaahhh, wie der andere Forist sagte, ein paar Whisky trinken, Film anschauen, sich gut fuehlen. Eine 'komplexe Sozialstudie' braucht doch kein Schwein, ausser vielleicht dem Autor und den humorfeindlichen Linken bei denen alles kritisch hinterfragt werden muss und die daher das Gute nicht vom Schlechte trennen koennen. Und natuerlich die deutschen Filmemacher die groesstenteils "komplexe Sozialstudien' drehen und daher (verdientermassen) vor allem international komplett erfolglos sind. Wenn ich eine komplexe Sozialstudie sehen will brauche ich nur auf die Strasse zu gehn und mich umzuschaun. Das ist deprimierend und im Kino will ich das nicht auch noch sehen. Der Autor des Artikels sollte sich mal in seiner Stadt umsehen, da kriegt er mehr geboten als im kino und 'Gewalterfahrungen' kann er da gleich auch noch eindrucksvoll selbst sammeln, kostenfrei versteht sich. "So bildet Großbritanniens nördlichste Region derzeit eine filmische Brache" - aha, und wieviele deutsche Kinofilme werden in der englischen Presse besprochen? Ich schaetze mal keiner, und das zu Recht!
uwecux 18.10.2012
5. This parrot is gone
Die Autorin 'got a lack of english humour' ist aber sicherlich nicht links, Loach we love you!°
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