"The Artist"-Regisseur Hazanavicius "Er ist das Schwarz. Sie ist das Weiß"

Es singt das Herz, es schweigt der Mund: Mit "The Artist" hat Michel Hazanavicius eine formvollendete Stummfilm-Hommage in Szene gesetzt. Im Interview spricht er über beredtes Schweigen, die Liebe von Hunden - und wie man Männer und Frauen ins perfekte Licht setzt.

Delphi Filmverleih

SPIEGEL ONLINE: Herr Hazanavicius, wie kommt man darauf, nach acht Jahrzehnten Tonfilm einen Stummfilm zu drehen?

Hazanavicius: Ich wollte unbedingt einen Stummfilm drehen. Es war das Format, das mich gereizt hat. Wenn ich Freunden und Kollegen davon erzählte, fragten die mich immer: Warum willst du einen Stummfilm machen? Während mein Problem immer war: Wie kann ich ihn machen? Das war ihnen aber schwer zu erklären. Sie brauchten eine inhaltliche Begründung. So bin ich auf einen Stummfilmstar als Hauptdarsteller gekommen - daraufhin war die Form sofort akzeptiert.

SPIEGEL ONLINE: Einen Film in Schwarzweiß drehen zu wollen, wirkte vermutlich ebenso abwegig, oder nicht?

Hazanavicius: Ja, alle haben immer über das Schwarzweiß gesprochen. Aber wissen Sie was? Mir kam es vielmehr auf das Grau an! Das ist wirklich ganz entscheidend für den Film: das Grau in allen Nuancen. Solange der Held an der Spitze ist, sind die Kontraste sehr ausgeprägt zwischen seinem schwarzen Smoking und den weißen Roben der Damen. Später, mit seinem sozialen Abstieg, dominieren die Grauwerte, in seiner Kleidung wie in den Hintergründen. Aber so wie das Weiß strahlen musste, sollte auch das Grau einnehmend schimmern.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie überhaupt das für alte Hollywood-Filme so typische, brillante Licht hinbekommen? Das kann doch nicht an der kalifornischen Sonne liegen?

Hazanavicius: Wir haben zum Teil die alten Scheinwerfer benutzt und uns an deren Lichtgebung in Filmen von Josef von Sternberg orientiert, aber auch an Filmen aus den vierziger Jahren, "Citizen Kane" beispielsweise, sogar noch an "Sunset Boulevard" von Billy Wilder aus den fünfziger Jahren. Ich wollte aber keinen Film für Filmspezialisten drehen. Ich wollte auch keine Hommage ausschließlich an die Stummfilm-Ära drehen. Es ist eine Hommage an die großen Hollywood-Klassiker im allgemeinen, deshalb hört man am Schluss auch die Musik aus "Vertigo".

SPIEGEL ONLINE: "Stummfilme waren niemals stumm", sagt man und meint die Musikbegleitung während der Kinovorführung. Wie war das bei den Filmaufnahmen? Waren Ihre Schauspieler beim Drehen stumm?

Hazanavicius: Es gab Dialoge, aber nicht sehr viele. Manchmal stimmten sie mit den englischen Zwischentiteln überein, die man im Film sieht. Dann entsteht der Eindruck, dass man die Worte der Schauspieler innerlich "hört". Aber das ist nicht immer so. Das liegt daran, dass einige Schauspieler improvisierten, vor allem die amerikanischen. Bei John Goodman als großspuriger Produzent funktioniert das wunderbar. Jean Dujardin sollte als "stummer" Star so wenig wie möglich reden und hat sich sprachlich sehr zurückgenommen. Bérénice Béjo wiederum musste in bestimmen Szenen sprechen. Als das aufstrebende Starlet Peppy Miller repräsentiert sie ja das neue Zeitalter der "Talkies" im Film.

SPIEGEL ONLINE: Sind Schauspieler nicht sehr darauf geeicht, Texte abzuliefern?

Hazanavicius: Doch, und bei den Vorbereitungen hieß es auch immer: "Gib uns Text, gib uns Text!" Aber weil der Film keine Dialoge hat, habe ich auch keine geschrieben. Die Schauspieler hätten sich doch nur wieder daran festgehalten. Und das sollten sie eben nicht. Um ihnen die Arbeit zu erleichtern, lief bei den Dreharbeiten Musik - Soundtracks großer Hollywood-Filme. Das brachte sie in die richtige Stimmung. So hat auch früher bei Stummfilmen ein Pianist die Dreharbeiten begleitet oder sogar ein großes Orchester.

SPIEGEL ONLINE: Stummfilme seien international verständlich gewesen aufgrund der "Internationalität der menschlichen Geste", hat der Regisseur G. W. Pabst behauptet. Aber stimmt das wirklich? In "The Artist" werden Hollywood-Stars von Franzosen gespielt. Wie ging das zusammen?

Hazanavicius: Für Bérénice Béjo drehte sich bei den Proben alles um die Frage: Wie verkörpere ich eine amerikanische Schauspielerin? Die Amerikaner bewegen sich einfach anders, sie haben ein anderes Verhältnis zum Raum als wir in Europa. Die Städte in Frankreich waren früher von Befestigungen umgeben. So etwas gab es in Kalifornien nicht, da nahm sich jeder den Raum, den er brauchte. Und das drückt sich in den Körpern der Schauspieler heute noch aus.

SPIEGEL ONLINE: Mit einem Auftritt des maskierten Stummfilmschurken "Fantômas" ist die französische Filmgeschichte in "The Artist" präsent. Gibt es weitere Anteile, die spezifisch französisch sind?

Hazanavicius: Ja, ein ganz wichtiger sogar, obwohl ich mir dessen gar nicht so bewusst war - nämlich Jack, der Hund! Wenn ich es mir recht überlege, stammt der aus einem Film von Marcel Carné, "Hafen im Nebel" von 1938. Nach meiner Erinnerung jedenfalls hat auch Jean Gabin dort einen Hund. Ich hielt es einfach für eine gute Idee, meinem Protagonisten einen Hund an die Seite zu stellen, der ihm treu ergeben ist. Das Publikum reagiert ja auch wie verrückt auf diesen Hund. Und wissen Sie, warum?

SPIEGEL ONLINE: Nein, erklären Sie's.

Hazanavicius: Na, schauen Sie sich den Filmhelden doch mal an. Dieser Held ist selbstsüchtig, egozentrisch, er hat Angst vor der Zukunft, ist gemein zu seiner Frau. Selbst Peppy Miller, das Starlet, das aus Liebe alles für ihn tut, wird schlecht von ihm behandelt. Er kümmert sich kein bisschen um irgend jemanden außer um sich selbst - aber der Hund liebt ihn! Und das Publikum vertraut diesem Hund, so wie der seinen Instinkten vertraut. Denn wenn der Hund diesen miesen Typen nicht im Stich lässt, steckt in ihm womöglich doch noch ein anständiger Kerl.

SPIEGEL ONLINE: Bérénice Béjo ist auch die "Leading Lady" Ihres Lebens. Wie groß war ihr Einfluss auf den Film?

Hazanavicius: Riesig! Wenn Sie mich fragen, wer das Vorbild für Bérénices Rolle war, kann ich nur sagen: Bérénice selbst! Sie ist das Licht dieses Films. Jean Dujardin steht im Film für Dunkelheit. Er ist das Schwarz. Sie ist das Weiß.

Das Interview führte Jörg Schöning



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dingodog 28.01.2012
1. Volle Empfehlung!
Wir waren gestern in "The Artist", hat uns sehr gut gefallen. Auch wenn mir die Kinogeschichte-Zitate wohl größtenteils entgangen sind.
sebastian_f 28.01.2012
2.
Habe den Film auch gestern gesehen und kann ihn auch nur empfehlen. Sein Alptraum war eine tolle Szene :)
cascada 28.01.2012
3. Selbstdemontage dank Anachronismen
Leider ist dieser ansich wirklich sehenswerte Film von Anachrosnismen wohl durch viel Unachtsamkeit durchzogen und zerstörte mir fortwährend die Illusion sich in den späten 20ern/frühen 30ern zu befinden. Gleiches gilt für Peppys Limosine, die etwa vier Jahre vor ihrer Fertigung zu sehen ist. Besonders stark fiel mir das im Soundtrack durch Benny Goodman's "Sing Sing Sing" auf, den Louis Prima aber erst 1936 komponiert hatte. In einer anderen Szene machte ich statt eines Grammophons eher einen Plattenspieler aus, der wohl eher den 40ern oder gar 50ern zuzuordnen ist. In Zeiten von Google und Co. ist so eine Recherche wirklich zumutbar. Das Verbrennen eines Filmes hätte so damals auch kaum Funktioniert, da die in den 20ern verwendeten Nitratfilme eher explosionsartig in Flammen aufgingen. Die Idee und schauspielerischen Leistung sind wirklich hervorragend und absolut gelungen, aber die immer wieder falsche zeitliche Einordnung hat mir die Athmosphäre doch immer wieder zerstört. Die hier genannte Formvollendung hat leider doch mehrere unschöne Ecken und Kannten.
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