"The Beach" "The Beach": Teflonparadies statt Höllentrip

Leonardo DiCaprio ist zu glatt, um verrückt zu sein. Und so wird die kluge Geschichte vom Vietnamterror in unseren Köpfen dümmlich, platt und harmlos in den thailändischen Sand verspielt.

Von Nataly Bleuel


DiCaprio in "The Beach": Zu hübsch, um fies zu sein
20TH CENTURY FOX

DiCaprio in "The Beach": Zu hübsch, um fies zu sein

Der Regisseur Danny Boyle hätte vermutlich das Zeug gehabt, um aus dem "Strand" von Alex Garland einen guten Film zu machen. Denn der Roman liefert eine außergewöhnliche Geschichte, ist aber mäßig geschrieben. Ein Plot also, der nach Verfilmung schrie.

Der Engländer Richard ist ein Mittelschichtskind um die Mitte 20, ein cleverer Kerl, dem die Welt offen steht, und der sämtliche Travellerpfade Südostasiens abgelatscht hat. Er sucht das unverbrauchte Paradies, eine Utopie mit Gleichgesinnten, Palmen und Lagerfeuerliebe. In Bangkok sagt ihm ein Durchgeknallter namens Duffy Duck, wo er es finden kann: in einem unzugänglichen Naturschutzgebiet im Golf von Thailand. Dann schlitzt sich Duffy die Kehle durch und Richard schlägt sich mit dem französischen Pärchen Francoise und Etienne zum Traumziel durch. Postkartenlagune mit Hütten-Gemeinschaft, eine Internationale der Mittelschichtsaussteiger. Der Traum wird wahr.

Doch Richard ist ein doppelbödiger Charakter. Er ist raffiniert und erfahren, durchschaut die Gruppendynamik und wird zum Alphatier der Strandpopulation, in Konkurrenz zur Kommunengründerin Sal. Sex ist trotzdem nicht drin. Und eines Tages wird das Paradies zur Hölle, denn in Richard fährt der Teufel namens Duffy ein. Die feuchte Hitze unter Palmen bietet die Kulisse, die Richard als Kind aufgesogen hat: Vietnamterror regiert sein Imaginäres. Er wird der Protagonist von Apocalypse Now. Höllisches Paradies, ein irres Gemetzel.

Hätte Danny Boyle mit der surrealen Poesie von "Trainspotting" diesen vietnamdurchtränkten Faden der Geschichte illustriert - der Film hätte unter Umständen ein zeitloses Meisterwerk werden können, ähnlich wie "Der Herr der Fliegen". Vor allem aber die Zeitaufnahme einer verwöhnten Generation auf der Suche nach dem letzten Kick im Global Village.

Richard (DiCaprio, m.) wird zum Alphatier der Strandpopulation
20TH CENTURY FOX

Richard (DiCaprio, m.) wird zum Alphatier der Strandpopulation

Doch der britische Regisseur hat einen Fehler gemacht: Er hat die Hauptrolle nicht dem Charakterkopf Ewan McGregor gegeben, sondern dem charmanten amerikanischen Milchgesicht Leonardo DiCaprio. Und somit funktioniert das kritische Motiv nicht mehr. Jetzt gerät der naive Amerikaner mit dem Sexappeal eines Teflonbabies in die explosive Utopie hinein. Die Gruppe spaltet sich nicht wegen seines Führer-Charismas, sondern weil die Mädels auf ihn fliegen. DiCaprio ist zu hübsch um fies zu sein, zu sehr Oberfläche. Sal (Tilda Swynton), Etienne (Guillaume Canet) und Duffy (Robert Carlyle) spielen ihn glatt in den Sand. Das Paradies - eine lange Weile. Die Hölle sind die Haie - und nicht die Anderen. Die Kulisse ist für Postkartensehnsüchte - und nicht für Vietnamterror im Kopf. Traurige Tropen.

Jetzt können sich die Mädels ihren harmlosen Leonardo halbnackt an die Wand pinnen, ein Teenie-Star unterm thailändischen Sternenhimmel. Und DiCaprio tut einem fast schon leid - wie er sich verzweifelt bemüht, das Image, das ihm seit "Titanic" anhaftet, wieder abzukratzen. Aber selbst Maschinengewehrhagel im südostasiatischen Busch perlt an einem Teflonbaby ab.

"The Beach" (Der Strand), USA 2000, Regie: Danny Boyle, Drehbuch: John Hodge, Kamera: Darius Kondhji, 119 Minuten



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