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"The Big Short" mit Ryan Gosling: All das hässliche Geld

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So ein Film über die Finanzkrise war Hollywood kaum noch zuzutrauen: "The Big Short" ist witzig, wütend, formal gewagt - und versammelt ein grandioses Star-Ensemble aus Christian Bale, Steve Carell, Brad Pitt. Und natürlich Ryan Gosling.

Wer Filme mit politischem Gehalt schätzt, ist in diesen Monaten gut versorgt: "Spotlight" (Start 25. Februar) thematisiert die systematische Vertuschung von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, "Freeheld" (7. April) die fehlenden Rechte gleichgeschlechtlicher Lebenspartner, "Suffragette" (4. Februar) den historischen Kampf ums Frauenwahlrecht und "The Danish Girl" (bereits gestartet) die Lebensgeschichte des ersten Menschen, der sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hat.

Wer aber Filme mit politischem Gehalt schätzt, die nicht nur von ihrem ehrwürdigen Sujet und ihrem ernsthaftem Herangehen leben, die erzählerische Risiken eingehen und formal experimentieren, die witzig sind und wütend zugleich - für die gibt es nur einen Film: "The Big Short".

Und Ryan Gosling spielt auch noch mit.

Gleich in der ersten Szene stellt sich Goslings Figur Jared Vennett direkt dem Publikum vor. (Es ist nicht das einzige Mal, dass "The Big Short" die sogenannte vierte Wand durchbricht. Und es wird jedes Mal lustiger.) Vennett ist einer der wenigen Finanz-Manager, die bereits 2005 ahnen, dass der US-Immobilienmarkt auf hochriskanten Hypotheken beruht und sein Kollaps mittelbar die Weltwirtschaft bedroht. Welche Rolle Vennett im Vorfeld der globalen Finanzkrise von 2008 spielt, zeigt sich jedoch erst später. Denn zunächst nimmt "The Big Short" Michael Burry (gespielt von Christian Bale) in den Fokus.

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"The Big Short": Die Finanz-Minions rücken an
Burry ist ein tatsächlich existierender Hedgefonds-Manager, der als einer der Ersten auf den Kollaps des Immobilienmarktes wettete (auf Englisch: to short) und damit Gewinne von rund 100 Millionen US-Dollar für sich und rund 700 Millionen für seine Investoren einfuhr.

Während die meisten Figuren in "The Big Short" auf realen Vorbildern basieren, ist Burry der einzige, dessen Name unverändert geblieben ist. Das hindert Christian Bale jedoch nicht daran, Burry als grandios irritierenden Einzelgänger mit Asperger-Syndrom zu spielen, der ebenso gnadenlos auf sein Schlagzeug eindrischt wie er sich Details über die Zusammensetzung von Collateralized Debt Obligations (CDOs) reinzieht.

Wenn Sie jetzt nicht mehr wissen, was CDO sind, ist das nicht schlimm. Zum einen wird das im Film erklärt, zum anderen gehört es zum Erzählprinzip von "The Big Short", seine Zuschauer lieber mit zu viel als zu wenig Details über die Ursachen der Krise zu versorgen. Basierend auf dem gleichnamigen Sachbuch von Michael Lewis haben Regisseur Adam McKay und sein Co-Autor Charles Randolph weder auf die technische Sprache noch auf das Geflecht an Figuren aus der Vorlage verzichtet. So stoßen neben Christian Bale und Ryan Gosling bald noch Steve Carell und Brad Pitt als Hedgefonds-Manager mit jeweils einem Trupp an Finanz-Minions in hellblauen Hemden zum Ensemble hinzu.

"Triple A" noch für den größten Schrott

Unter der verblüffend souveränen Regie von McKay, der bislang für absurde Komödien wie "Anchorman" oder "Stepbrothers" bekannt war, und mithilfe der furiosen Schnittkunst von Hank Corwin wird es jedoch nie unübersichtlich, wenn die vier verschiedenen Teams unabhängig voneinander beginnen, sich einen Überblick über die nahende Katastrophe auf dem Immobilienmarkt zu beschaffen. Eine Reise führt den Trupp um Steve Carells Mark Baum nach Florida, wo sie feststellen müssen, in welchem Ausmaß hier Hypotheken verschleudert werden: Sogar die Stripperin, die Baum einen Lapdance angedeihen lässt, kann sich mehrere Häuser leisten. Mit der entsetzlichen Gewissheit, dass man wahrlich vor dem Abgrund steht, kehrt Baum nach New York zurück.

Er ist in mancherlei Hinsicht das emotionale Zentrum eines Films, der ohne klassische Identifikationsfiguren auskommen muss. Schließlich wollen hier alle ausnahmslos das große Geld machen (und sehen dabei auch noch richtig mies aus). Doch Baum kommen - ebenso wie zwei Trader-Rookies unter der Ägide von Börsenguru Ben Rickert (Brad Pitt, dessen Firma Plan B den Film produziert hat) - Zweifel, ob man ein so krankes, aber auch ein so dummes System ausschlachten darf. Fast beleidigt reagieren sie, als sie feststellen müssen, dass die Ratingagenturen auch dem größten Schrott eine "Triple A"-Bewertung hinterherschmeißen. So einfach darf Betrug doch nicht sein.

In solchen Momenten des Mit-Wissens um die Fehler im System fühlt man mit den Hauptfiguren von "The Big Short" durchaus mit. Dennoch baut McKay sie nie zu falschen Helden auf, im Gegensatz zuMartin Scorseses "Wolf of Wall Street" hält er stets Distanz. Wo Scorsese die ekstatische Gier seiner Hauptfigur im inszenatorischen Exzess doppelte und sich so mit ihr gemein machte, verweigert sich McKay dem vermeintlichen Sog der Ereignisse.

Nach anderthalb Stunden sagt Mark Baum lapidar "It's happening" - die Lehman Brothers gehen pleite, der Kollaps beginnt. Die Finanzkrise fällt jedoch nicht in eins mit der dramaturgischen Krise, die Katharsis bleibt aus, die Empörung, die sich in einem als Zuschauerin angestaut hat, bleibt ohne Ventil. Mit der unbändigen Energie (oder ist es Wut?), mit der einen "The Big Short" durch die Geschichte der Finanzkrise gefegt hat, scheucht er einen auch wieder aus dem Kino raus.

Was man im Jahr acht nach der Krise vom Finanzsystem und seiner derzeitigen Regulierung zu halten hat? "The Big Short" vertraut darauf, dass sein Publikum schon die richtigen Antworten darauf finden wird.

Im Video: Der Trailer zu "The Big Short"

The Big Short

USA 2015

Regie: Adam McKay

Drehbuch: Adam McKay, Charles Randolph nach dem Sachbuch von Michael Lewis

Darsteller: Brad Pitt, Christian Bale, Ryan Gosling, Steve Carell, Marisa Tomei

Produktion: Plan B Entertainment, Regency Enterprises

Verleih: Paramount Pictures

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Start: 14. Januar 2016

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Filmlänge falsch
sogehtdasnicht 12.01.2016
Bei der Filmlänge steht 13 Minuten. das reicht doch grade mal für die Erklärung, was ein CDO ist. Habe mich beim Lesen des Buches schon zwischen Wut und Totlachen bewegt, ich fürchte, den Film muss ich sehen. Und hinterher ärgert man sich dann über die Regierungen, die immer noch keine ordentliche Bankenregulierung hinbekommen haben.
2. empfehlenswert
xcountzerox 12.01.2016
beim anschauen bewegt man sich tatsächlich zwischen wut, totlachen und ungläubigem kopfschütteln. danach verbleibt lange ein fader nachgeschmack, da man realisiert, dass nichts von den ursachen behoben wurde.
3. wenn Ryan Gosling mitspielt...
frida1209 12.01.2016
Na ja, wenn Ryan Gosling mitspielt... Scherz beiseite. Was am Cast auffällt, ist, dass offensichtlich kein Platz für eine Frau darin war. Da freu ich mich doch lieber auf "Suffragette" und "Freeheld". Und Frau Pilarczyk, wie kommen Sie darauf, dass Scorcese sich in "Wolf of Wallstreet" mit dem Betrüger gemein macht? Nur weil es der "Spiegel"-Print-Kollege schon vor Ihnen behauptet hat?
4. Tinseltown comes to Wallstreet
hefe21 12.01.2016
Das Rating über den Film müsste sinngemäß lauten: da verkauft Corporate America der Welt den Finanzmüll ein paar Jahre danach nochmal im Kino. Aber das haben die Amerigauner schon mit Vietnam, Watergate, Irak etc., so gemacht. Business is business. Denn die Namen der treibenden Akteure des in der Tat unglaublich billigen (für die Betrogenen natürlich enorm teuren) Gaunerstücks mit den aufsichtslos in den Markt gedrückten US-Unterschichtshauskrediten bleiben nach wie vor schön aussen vor. Die Herren der Welt schicken im Gegenteil seitdem auch noch wahllos "Strafbefehle" gegen "foreign" Banken für irgendwelche "Vergehen" aus, die vermutlich auch noch tatsächlich bezahlt werden. Irre. Kein Wunder, dass sie an der wehrlosen Dummheit ihrer "Geschäftspartner" allmählich verrrückt werden und keine Grenzen mehr finden. Na ja, der Russ stellt sich gerade wieder etwas auf die Hinterbeine. Auch die FIFA ist dieser grotesken US-Eigenschuldablenkungschmiere inzwischen zum Opfer gefallen. Apropos Ratingagenturen: wurde da eine einzige der US-Finanzdreckabsegner der Nullerjahre von ihren europäischen Opfern schon mal verklagt bzw. was machen diese Müllveredler eigentlich heutzutage. Man hört gleich gar nichts mehr von ihnen und auch SPON titelte schon lange nicht mehr "Ratingagentur straft ab". Ein Überschrift, die aber immer schon die ganze Erbärmlichkeit des Wirtschaftsjournalismus gegen die Finanzgauner allgemein beinhaltet hat.
5. Abkürzungen
schweizerbesserwisser 12.01.2016
So wie der Film ein wichtige Themen solid aber verkürzt darstellt tut es dieser Artikel mit dem Film. Viel relevantes wird ausgeblendet oder aus Eigeninteresse abgeändert (verfälscht?) dargestellt. Trotzdem ziemlich guter Film. Und Steve Carell wird immer besser! Sehenswert. Danach bitte den Lernprozess nicht stoppen und sich aus Unwissenheit (s. obige traurige Kommentare) in Plattitüden retten. Nur meine Meinung. Gruss aus Zürich
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