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Oscar-Kandidat Adam McKay: "Rücksichtslos Geld zu machen, tut einem nicht gut"

Ein Interview von

Mit "The Big Short" hat Adam McKay einen furiosen Film über die Finanzkrise gedreht und ist gleich doppelt für den Oscar nominiert. Wie viel Realität darf man dem Zuschauer zumuten? Und warum sehen seine Stars so schlimm aus?

Zur Person
  • Adam McKay, Jahrgang 1968, ist eine der wichtigsten Figuren in der US-Comedy-Szene. Seinen Durchbruch als Autor und Regisseur hatte er 2004 mit der Nachrichtensatire "Anchorman - Die Legende von Ron Burgundy". Sein Stammschauspieler ist Will Ferrell, mit dem er auch das Comedy-Portal "Funny or Die" betreibt. Bei seinem neuesten Film, der Groteske "The Big Short" über die Finanzkrise (seit dem 14. Januar in den deutschen Kinos), hat McKay sowohl das Drehbuch verfasst als auch Regie geführt - und ist soeben für beide Leistungen für den Oscar nominiert worden. "The Big Short" ist außerdem unter den acht Kandidaten für den besten Film.
SPIEGEL ONLINE: Herr McKay, eine wütende Groteske über die Finanzkrise hätte man von Ihnen nicht erwartet. Wen mussten Sie als erstes davon überzeugen, dass Sie so einen Film drauf haben - sich selbst oder die Produzenten?

McKay: Niemanden. Wer nur meine bisherigen Filme kennt, ist womöglich von "The Big Short" etwas schockiert. Aber Leute, die mich besser kennen, wissen, welche Themen mich beschäftigen - ich bin politisch ziemlich aktiv. Plan B, die Produktionsfirma von Brad Pitt, Dede Gardner und Jeremy Kleiner, die die Rechte an der Buchvorlage von "The Big Short" hatten, hatten zum Glück auf dem Schirm, was ich so treibe. Außerdem hatte ich schnell eine sehr genaue Vorstellung davon, wie man die Geschichte von "The Big Short" aufziehen müsste.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen war also von Anfang an klar, dass "The Big Short" eine Komödie oder zumindest ein Film mit komödiantischen Elementen sein würde?

McKay: Insgesamt sehe ich den Film als Tragödie an, aber Tragödien fangen nie als Tragödien an. Meist denken die Hauptfiguren, dass ihnen bald was Tolles passieren wird. So auch hier. Im ersten Teil erledigen die Banker und Hedgefonds-Manager nur ihre Arbeit: Sie sehen, dass die Banken ein paar schlechte Investitionen gemacht haben und machen nun die Gegen-Investitionen dazu. Sie glauben, dass das System in Ordnung ist und dass die Zahlen stimmen. Der zweite Teil beginnt, als ihnen klar wird, dass sie sich verschätzt haben, dass das ganze System verdorben ist und die Weltwirtschaft in Gefahr ist. Dann setzt die Tragödie ein.

SPIEGEL ONLINE: Im Film bieten Sie den Zuschauern verschiedene Möglichkeiten an, in die Geschichte einzusteigen - mit Ryan Goslings Figur, der direkt in die Kamera erzählt, wie die Szene der Hedgefonds-Manager entstanden ist, oder mit Christian Bales Figur, der den Finanzmanager spielt, der als erstes die Macken im US-Immobilienmarkt entdeckt hat. Wie haben Sie sich selbst die Geschichte erschlossen?

Finanzmanager Ranieri: Gilt als Erfinder hypothekenbesicherter Wertpapiere Zur Großansicht
REUTERS

Finanzmanager Ranieri: Gilt als Erfinder hypothekenbesicherter Wertpapiere

McKay: Ich bin bei meinen Überlegungen irgendwann auf die anderen Sachbücher von Michael Lewis (dem Autor der Buchvorlage, Anm. der Red.) zurückgekommen. Er lässt alle seine Bücher mit einer neuen Idee beginnen - einer Idee, die uns meist gar nicht bewusst ist, die aber trotzdem die Welt verändert. Deshalb fängt der Film mit Lewis Ranieri an, dem Typen, der in den Siebzigerjahren hypothekenbesicherte Wertpapiere erfunden hat. "Time Magazine" führt ihn als einen der einflussreichsten Leute des 20. Jahrhunderts auf, aber ich glaube, die meisten haben keine Ahnung, wer er ist. Doch seine einfache Idee hat alles verändert und die Grundlage dafür gebildet, dass der Bankensektor auf das Vierfache seiner ursprünglichen Größe anwachsen konnte und sich sein politischer Einfluss massiv verstärkte. Als der Einstieg mit Ranieri stand, wusste ich, wie ich den Rest des Drehbuchs aufziehe.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Hauptfiguren sind Banker und Hedgefonds-Manager, die durch ihre Wetten gegen den Immobilienmarkt zu dessen Kollaps und damit der globalen Finanzkrise beigetragen haben. Wie macht man einen Hollywoodfilm, bei dem es keine "good guys" gibt?

McKay: Ich glaube, meine Protagonisten waren einmal die "good guys" - sie haben ihren Job gemacht, an den Markt geglaubt und Korruption verachtet. Das Traurige ist nur, dass das System letztlich so korrupt war, dass es keinen Raum für Heldentum bot. Die Einteilung "Held"/"Bösewicht" greift in diesem Fall also nicht. Deshalb habe ich mich auch bewusst dafür entschieden, keine Banken-CEOs zu zeigen. Es geht nicht um einzelne Personen, das ganze Wirtschaftssystem ist Amok gelaufen und unterliegt keiner Kontrolle mehr. Menschen wollen gerne, dass Individuen schuld sind. Meistens sind es aber größere Ideen und Systeme, die das eigentliche Problem sind. Viele der realen Vorbilder für unsere Figuren hat das System kaputt gemacht - am Ende sind etliche ausgestiegen, ein paar bekamen Panikattacken, einem wurde fast der Magen entfernt, weil er so krank wurde. Wenn man diese Typen heute trifft, sind sie immer noch wütend und schockiert darüber, was passiert ist. Sie haben zwar Geld mit der ganzen Sache gemacht, aber das heißt nicht, dass sie das feiern. Darum dreht sich letztlich auch der Film: Geld zu machen, ohne Rücksicht auf alles andere, tut einem nicht gut. Das sieht man in den Augen dieser Typen.

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"The Big Short": Die Finanz-Minions rücken an
SPIEGEL ONLINE: Eine Besonderheit Ihres Film ist die technische Sprache: Ihre Figuren benutzen andauernd Fachbegriffe und brancheninternen Slang. Hatten Ihre Produzenten nicht Angst, dass Sie damit das Publikum verschrecken?

McKay: Für mich war die Sprache der eigentliche Grund, den Film zu machen. Es gibt andere gute Filme über die Wall Street - "Margin Call" zum Beispiel, oder "The Wolf of Wall Street". Keiner dieser Filme hat sich jedoch getraut, die strukturellen Gründe für den Kollaps des Finanzsystems zu benennen. Ich wollte den Zuschauern klar machen, dass ihnen zwar dauernd erzählt wird, dass die Sache einfach zu kompliziert sei, dass nicht mal die Nachrichten es ausreichend erklären könnten. In Wahrheit ist es aber nicht so kompliziert, die technische Sprache wird dazu gebraucht, um Leute abzuschrecken, Fragen zum Bankensystem und zur Rolle der Regierung zu stellen. Die Banken haben hypothekenbesicherte Wertpapiere geschaffen, dann gingen ihnen die guten Hypotheken aus, und sie haben stattdessen miese Hypotheken genommen - das ist es eigentlich schon. Wenn man das nicht dem Publikum begreiflich macht, dann hält man es weiterhin auf Distanz.

SPIEGEL ONLINE: Das Erzähltempo und die Gag-Dichte von "The Big Short" sind extrem hoch, für zufällige Ideen scheint kaum Raum zu sein, trotzdem haben Sie wieder mit Improvisation gearbeitet. Wie haben Sie das gemacht?

McKay: Die ersten zwei, drei Takes mache ich immer nach Drehbuch, dann sage ich den Schauspielern, dass sie das Drehbuch vergessen sollen. Dann kommt ein natürlicheres Spiel heraus - und auch mehr Fehler. Fehler sind toll! Wenn sich die Schauspieler ins Wort fallen oder gleichzeitig reden, passt das genau zu der Art von Filmen, wie wir sie machen. Oft lasse ich die Schauspieler mehrere Minuten lang reden, bevor das Stichwort, mit dem die Szene eigentlich beginnt, kommt. Außerdem sage ich nicht sofort "Cut", sondern lasse sie noch mehrere Minuten nach dem Ende der Szene weiterreden. Davon ist vieles im Film gelandet. Ich glaube, die Schauspieler mögen diese Art zu arbeiten - es fühlt sich freier, natürlicher an. Mir war wichtig, dass der Film nicht kalt oder monolithisch daherkommt, wie es so viele Filme über die Wall Street tun. Unser Film dreht sich um die Außenseiter und die Spinner der Branche. Ein Gefühl von Anspannung und Aufregung sollte sich übertragen und nicht von abgeklärtem Professionalismus.

Ryan Gosling als Finanzmanager Jared Vennett in "The Big Short" Zur Großansicht
Paramount

Ryan Gosling als Finanzmanager Jared Vennett in "The Big Short"

SPIEGEL ONLINE: Deshalb auch die schrecklichen Frisuren und der Sonnenstudio-Teint, den Ryan Gosling die ganze Zeit hat?

McKay: Genau, unsere Typen sind nicht die, die wissen, wie man sich gut anzieht oder wie man in einem Meeting überzeugend rüberkommt. Sie sind die, die zu laut sind und einem nicht in die Augen gucken können. Das war das Tolle an unserem Ensemble - ja, da sind ein paar berühmte Schauspieler dabei. Aber sie sind berühmt, weil sie sich für ihre Figuren begeistern und in ihnen aufgehen können. Ich brauchte Leute, die sich keine Sorgen machen, ob sie wie ein Star rüberkommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie entschieden, was im Film authentisch sein muss und was nicht? Bis auf Michael Burry, die Figur von Christian Bale, sind zum Beispiel alle Namen der Beteiligten geändert.

McKay: Wir wollten so authentisch wie möglich sein, schließlich wollten wir einen echten Einblick in die Finanzbranche bieten. Letztlich sind nur zwei Sachen nicht ganz zutreffend: Die Familientragödie, unter der Mark Baum (Steve Carells Figur) leidet, ist anders gelagert. Aus Respekt vor der Familie haben wir die Umstände aber geändert. Außerdem stimmt es nicht, dass der Untergang von Morgan Stanley Mark Baums Firma gefährdet hat. Auf alles andere, bei dem wir von der Wirklichkeit abweichen, weist der Erzähler hin. Insgesamt, würde ich sagen, sind wir zu 99,5 Prozent korrekt.

Im Video: Der Trailer zu "The Big Short"

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insgesamt 2 Beiträge
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1. klare empfehlung
xcountzerox 15.01.2016
sehr guter film. bale kommt richtig unheimlich rüber und carell zeigt, dass er nach "foxcatcher" als echter charakterschauspieler gelten kann.
2. ...
Newspeak 15.01.2016
Es geht nicht um einzelne Personen, das ganze Wirtschaftssystem ist Amok gelaufen und unterliegt keiner Kontrolle mehr. Menschen wollen gerne, dass Individuen schuld sind. Meistens sind es aber größere Ideen und Systeme, die das eigentliche Problem sind. Ideen von Menschen. Systeme von Menschen. Wie man es dreht und wendet, natürlich sind es immer die Individuen, die Schuld tragen. Wer denn sonst? Wenn man diese Typen heute trifft, sind sie immer noch wütend und schockiert darüber, was passiert ist. Sie haben zwar Geld mit der ganzen Sache gemacht, aber das heißt nicht, dass sie das feiern. Darum dreht sich letztlich auch der Film: Geld zu machen, ohne Rücksicht auf alles andere, tut einem nicht gut. Das sieht man in den Augen dieser Typen. Ja, aber das Geld haben sie trotzdem noch. Es ist verlogen, sein früheres Handeln schlecht zu finden, ohne Konsequenzen zu ziehen. Den Raub zu bereuen, aber die Beute nicht zurückzugeben, ist verlogen. Diese Menschen waren, sind und bleiben schlecht. Die Menschheit wäre besser dran, ohne solche Typen.
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