Kontroverse um Oscar-Anwärter Schatten der Vergangenheit

"The Birth of a Nation" sollte beim Filmfestival in Toronto zum Oscar-Anwärter gekürt werden. Doch der Jubel über das brisante Sklavendrama wird von einem Skandal aus College-Tagen des Regisseurs gedämpft.

20th Century Fox

Von , Toronto


"The Birth of a Nation" ist einer der Filme, die für Aufregung beim internationalen Filmfestival in Toronto sorgen. Doch die Gründe dafür sind nicht die, die sich Regisseur und Hauptdarsteller Nate Parker und sein amerikanischer Verleih Fox Searchlight noch vor einigen Wochen erhofft haben dürften.

Parkers auf wahren Begebenheiten beruhendes Regiedebüt über den Sklaven Nat Turner und den von ihm angeführten Aufstand im Jahre 1831 hatte im Januar, beim Sundance-Festival in Utah, die versammelte Filmbranche aus den Sitzen gerissen. Während in Hollywood, nicht zuletzt im Kontext der Oscar-Nominierungen, gerade die Diskussion über mangelnde Diversität tobte, legte Fox Searchlight rekordverdächtige 17,5 Millionen Dollar für die Kinorechte auf den Tisch. Kurz darauf gewann "The Birth of a Nation" sowohl den Jury-, als auch den Publikumspreis des Indie-Filmfests.

Auf einen Start beim Festival in Cannes einige Monate später verzichtete man, stattdessen sollte der Film nun in Toronto, dem wichtigsten Showcase des nordamerikanischen Kinomarkts, zu den großen Oscar-Favoriten gekürt werden. Stattdessen ist nun aber erst einmal Schadensbegrenzung angesagt.

Vergewaltigungsvorwurf gegen Regisseur Parker

Vor einigen Wochen wurde in den Medien thematisiert, was auf Parkers Wikipedia-Seite schon seit langer Zeit zu lesen war: 1999 wurden Parker und sein College-Zimmergenosse Jean McGianni Celestin (der auch am Drehbuch zu "The Birth of a Nation" mitgeschrieben hat) der Vergewaltigung einer Kommilitonin beschuldigt. Zwar wurde Parker, heute 36, freigesprochen, und auch die Verurteilung seines Freundes nach einigen Jahren revidiert. Aber aus dem vermeintlichen Shootingstar des Kinojahres 2016 war über Nacht ein Fall fürs Krisenmanagement geworden.

Statt des sonst üblichen Interview-Marathons für aussichtsreiche Oscar-Anwärter setzte Fox Searchlight in Toronto nun lediglich eine Pressekonferenz an (eines der wenigen zugesagten TV-Gespräche brach Parker ab, als die Vergewaltigung zur Sprache kam). Es sollte die Deutungshoheit zurückgewonnen werden, nachdem sich der Regisseur zuvor nur spärlich in der Sache zu Wort gemeldet und das American Film Institute eine bereits geplante Vorführung des Films abgesagt hatte.

Für die Pressekonferenz in Toronto wurde nun eine ihm wohlgesonnene Moderatorin engagiert, zudem wurden Parker gleich sechs seiner Darsteller an die Seite gesetzt. Der angespannten Stimmung im Saal tat das jedoch kaum Abbruch.

"Ich habe mich zu der Angelegenheit geäußert und werde das sicher in der Zukunft auch noch ausführlicher tun", gab Parker zu Protokoll, als die Moderatorin nach 30 Minuten vom Film zur Kontroverse um Parker überleitete. "Aber ein Film wird nicht bloß von einem einzelnen Menschen gemacht, sondern von 400. Ich bin nur einer von vielen, die daran gearbeitet haben. Jeder von uns war mit Herzblut bei der Sache, und nur durch diese bemerkenswerte Zusammenarbeit konnte etwas so Besonderes entstehen", sagte Parker.

Ähnlich ausweichend blieb seine Antwort, als ihn eine Journalistin von der "New York Times" fragte, ob er vorhabe, sich bei der Familie der jungen Frau zu entschuldigen, die damals die Vorwürfe erhoben hatte und sich 2012 das Leben nahm: "Die Geschichte von Nat Turner gehört nicht mir allein, deswegen möchte ich nicht den Film mit meinem Privatleben kapern. Vielmehr möchte ich sicherstellen, dass wir seinem Thema gerecht werden."

Der Film trifft einen Nerv

Dass "The Birth of a Nation" ein wichtiger Film zur richtigen Zeit ist, lässt sich nicht bestreiten. Die Geschichte von Turner, der als Sklave nicht nur lesen lernte, sondern seinen Leidensgenossen als streng gläubiger Prediger zur Seite stand und sich schließlich mit Gewalt gegen seine Unterdrücker zur Wehr setzte, trifft einen Nerv in der gegenwärtigen US-Gesellschaft.

"Nicht nur hatte ich erschreckenderweise die längste Zeit meines Lebens nie etwas von dem Helden Nat Turner gehört. Vor allem haben wir bis heute in unserem Land nicht die wirklich nötigen, schmerzhaften Auseinandersetzungen mit unserer eigenen Vergangenheit geführt", sagte Parker mit Blick auf die zu Ende gehende Ära Obama, in der Rassenunruhen das Land erschüttern und mit dem Hashtag #BlackLivesMatter eine vermeintliche Selbstverständlichkeit eingefordert werden muss.

Umso tragischer, dass der politische Wert des Films nun durch die persönliche Vergangenheit seines Regisseurs und Hauptdarstellers überschattet wird. Ob die Taktik des Studios, darauf zu pochen, dass Künstler und Kunstwerk getrennt voneinander zu betrachten seien, aufgehen wird und die Oscar-Chancen von "The Birth of a Nation" bis in den Januar hinein sichert, ist mehr als fraglich.

Offene Fragen, offene Wunden

Während es etwa bei den Missbrauchsvorwürfen gegen Woody Allen nie zu einer Anklage kam und im Vergewaltigungsfall von Roman Polanski selbst das Opfer längst Vergebung walten lässt, gibt es in der Sache Parker sogar zwei Freisprüche. Doch je prominenter Parker mit seinem Film, der noch dazu explizite Gewalt- und Vergewaltigungsszenen enthält, in die Öffentlichkeit gelangte, desto neugieriger wird nun in den offen gebliebenen Fragen des alten Falles gegraben.

Welche Rolle spielte es zum Beispiel, dass die beiden College-Freunde schwarz sind, ihr angebliches Opfer aber eine Weiße war? Aber auch das Verhalten von Parker und Celestin selbst wird kritisch betrachtet. Sie heuerten offenbar einen Privatdetektiv an, der, auf der Suche nach Zeugen, ein Foto des angeblichen Opfers auf dem Campus herumzeigte und das Mädchen damit bloßstellte.

Parkers vermutlich von Fox vorgegebenes Mantra, diese "schmerzhafte Zeit" sei 17 Jahre her und unmöglich, noch einmal zu durchleben, wirkt unglücklich im Lichte eines Films, der sich mit rund 200 Jahre alten Verbrechen beschäftigt, deren Wunden noch nicht verheilt sind.

Mit Totschweigen ist niemandem gedient

Aus Hollywoodkreisen ist inzwischen zu hören, dass einige Kinobetreiber dem für Anfang Oktober vorgesehenen US-Start (Deutschlandstart soll am 19. Januar sein) entgegenfiebern wie noch vor einigen Monaten - und ihn auf deutlich weniger Leinwänden zeigen wollen. Am Plan, mit dem Film auf eine Tour durch dutzende US-Colleges zu gehen, will Fox Searchlight zunächst festhalten.

Wie es gelingen könnte, den richtigen Umgang mit dem Skandal zu finden, ließ sich auf der Pressekonferenz in Toronto allerdings auch erkennen. Denn so wenig Aufschlussreiches Parker selbst zu sagen hatte, so vehement meldeten sich seine weiblichen Darstellerinnen zu Wort, allen voran Gabrielle Union. Die Schauspielerin wurde vor vielen Jahren selbst Opfer eines brutalen sexuellen Übergriffs, in "The Birth of a Nation" wird sie als Sklavin von einem Plantagenbetreiber missbraucht.

Daraus dass es ihr schwerfällt, mit der Vergangenheit ihres Regisseurs zurechtzukommen, macht sie keinen Hehl, weder in einem kürzlich erschienenen Artikel in der "Los Angeles Times" noch auf dem Podium in Toronto. Dennoch fordert sie eine offensive Herangehensweise: "Scheut die Konfrontation nicht, auch wenn es unangenehm ist. Es ist in Ordnung, Vorbehalte zu haben und wütend zu sein. Aber ignoriert nicht unseren Film, sondern bringt eure Gefühle mit ins Kino."

Denn mit Totschweigen, das weiß wohl kaum jemand besser als sie, ist beim Thema Vergewaltigung - genau wie beim Rassismus - niemandem gedient.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bazzu 14.09.2016
1. Zusammenfassung
Zwei Männer wurde eine Straftat vorgeworfen. Die Strafen wurden revidiert, bzw. wurden die Klagen fallengelassen. Nach den Prinzipien des Rechststaats sind sie also unschuldig, sollen nun aber, 17 Jahre danach, um Verzeihung bitten und sich rechtfertigen? In welcher Welt wir leben, in der Unschuldige sich lebenslang entschuldigen müssen! Wenngleich die Sklavenzeit deutlich schlimmer war - hoffentlich wird es keine 200 Jahre dauern, bis die Menschheit Filme über DIESE dunklen Zeiten dreht, in der der Verdachts- und Verleumdungsfeminismus seine giftigen Blüten treibt und Männer zu Grundschuldigen macht.
ArmeOhren 14.09.2016
2. Schwierige Sache
Zitat von bazzuZwei Männer wurde eine Straftat vorgeworfen. Die Strafen wurden revidiert, bzw. wurden die Klagen fallengelassen. Nach den Prinzipien des Rechststaats sind sie also unschuldig, sollen nun aber, 17 Jahre danach, um Verzeihung bitten und sich rechtfertigen? In welcher Welt wir leben, in der Unschuldige sich lebenslang entschuldigen müssen! Wenngleich die Sklavenzeit deutlich schlimmer war - hoffentlich wird es keine 200 Jahre dauern, bis die Menschheit Filme über DIESE dunklen Zeiten dreht, in der der Verdachts- und Verleumdungsfeminismus seine giftigen Blüten treibt und Männer zu Grundschuldigen macht.
An sich sehe ich das ähnlich - das Problem, dass eine Anklage allein oft schon ausreicht, um jemandes Leben erheblich zu beeinträchtigen oder sogar zu zerstören, besteht natürlich, und dass gerade in den USA Schwarze überproportional häufig und schwer darunter zu leiden haben, ist auch kein Geheimnis.... Allerdings scheint hier, zumindest nach dem, was bei Wikipedia steht, ein Grenzfall zu bestehen - die Betroffene war wohl während des Verkehrs schon mehr oder weniger bewusstlos, sodass der Punkt Einvernehmlichkeit sehr schwer zu klären ist und von der jeweiligen Interpretation der Geschworenen abgehangen haben dürfte. Und Parkers Verhalten nach der Anzeige war sicher auch nicht korrekt. Insofern ist die Entscheidung, wie man damit umgeht, sicher eine Gratwanderung, bei der man immer fürchten muss, irgendjemandem Unrecht zu tun, zumal auch Gerichte mitunter sehr fragwürdige Entscheidungen treffen. Was im Artikel übrigens nicht erwähnt wurde, aber offenbar auch für Kontroversen sorgt, sind einige recht homophobe Äußerungen Parkers, die im Gegensatz zu den Vergewaltigungsvorwürfen erst zwei Jahre zurückliegen. Dennoch denke ich haben die Leute recht, wenn sie sagen, der Film hat erstmal nichts mit der Lebensgeschichte des Regisseurs zu tun, und wenn er wirklich so gut ist, wäre es dumm und eine Missachtung der anderen Beteiligten, ihn sich nicht anzusehen. Die Frage sollte, wenn, eher sein, wie man mit Parker persönlich umgeht.
cyoulater 14.09.2016
3. Was soll das jetzt?!
Die Männer wurden beschuldigt, aber nicht verurteilt bzw. ein Urteil revidiert. Das war es auch schon. Reicht das nun etwa aus, um die Reputation dieser Personem dauerhaft beschädigen zu dürfen?! Ach hören Sie doch auf!!
scxy 15.09.2016
4. genau.
...und zudem die Leserin und der Leser nicht einen Grund erfährt, weshalb die Angelegenheit trotz der gerichtlichen Entscheidungen erneut diskutiert wird. Grotesk.
dr.u. 15.09.2016
5. Relevanz
Welche Relevanz haben mögliche, persönliche Verfehlungen der Vergangenheit für die Würdigung der Leistungen, bei der Schaffung dieses Filmes?? Es wird die filmische / schauspielerische Leistung bewertet und nicht der Charakter der Filmschaffenden. Natürlich kann man eine fragwürdigen Charakter haben oder ein A***loch sein, und trotzdem ein begnadeter und begabter Filmschaffender.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.