Skandalfilm "The Birth of a Nation" Liebe weiße Mitbürger, schauen wir hin

Vom Oscarfavoriten zur Persona non grata wegen alter Vergewaltigungsvorwürfe: Nate Parker ist tief gestürzt in Hollywood. Doch wer deswegen seinen unerbittlichen Sklavereifilm "The Birth of a Nation" abtut, macht es sich sehr leicht.

20th Century Fox

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Man möchte nur wegsehen. Die Hände der zwei Sklaven sind über ihren Köpfen angekettet. Sie werden bestraft, weil sie gegen die Arbeitsbedingungen auf der Plantage protestiert haben. Zusätzlich sind sie nun in den Hungerstreik getreten. Weil sich ein Sklave aber nicht um seine Arbeitsfähigkeit bringen darf, greift der Besitzer zu Hammer und Meißel, schlägt einem der Sklaven die Vorderzähne aus, rammt ihm einen Trichter in den Mund und stopft ihm Brei in den Hals. Als er den Trichter wieder entfernt, quillt aus dem Mund des Sklaven ein Schwall aus Blut, Brei und Zähnen.

Fassungslos starren der Sklave Nat Turner (Nate Parker) und sein Besitzer Samuel Turner (Armie Hammer) auf das Geschehen. Eigentlich wollte Samuel dem Nachbarn nur einen geschäftlichen Besuch abstatten, stattdessen ist er Zeuge von dessen Grausamkeit geworden. Dennoch erhebt Samuel das Wort nicht. Als Nat später die Kutsche zurück auf die heimatliche Plantage steuert, säuft sich Samuel im Vestibül die Erinnerung an den blutigen Schlund weg.

Schweigen und verdrängen nützt in "The Birth of a Nation" aber nichts. Samuel wird erst zum stammelnden und taumelnden Alkoholiker, bevor ihm sein treuester Sklave den Bauch aufschlitzt. Wer Schuld auf sich geladen hat, den wird seine Strafe schon ereilen - so tönt es in Nate Parkers christlich-archaischem, künstlerisch eindimensionalen und dennoch unbedingt sehenswerten Film.

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"The Birth of a Nation": Gewalt mit Gewalt begleichen

"The Birth of a Nation" handelt vom legendären Sklavenanführer Nat Turner, der 1831 in Southampton County, Virginia, einen Aufstand anzettelte, dem über fünfzig Sklavenbesitzer samt Frauen und Kindern zum Opfer fielen - darunter Samuel Turner. 18 Aufständische wurden in der Folge öffentlich hingerichtet, darunter Nat Turner.

Turner ist eine einmalige historische Figur, ein wirkmächtiges Symbol schwarzen Widerstands. "Es war mein Ziel, Schrecken und Zerstörung dahin zu tragen, wo immer wir auch hingingen", zitiert ihn der Anwalt Thomas R. Gray, der kurz Turner vor seiner Hinrichtung im Gefängnis besuchte. Viele Sachbücher, Romane und sogar Comics sind zu Turner verfasst worden. "The Birth of a Nation" ist nun der erste Spielfilm zu ihm, und er nimmt sich die Freiheit, aus dem wenig Verbürgten zu Turner eine schwarze Erlösergeschichte zu spinnen.

Predigen gegen das Aufbegehren

Unter "seinesgleichen" kennzeichnen Turner drei Male auf der Brust als Auserwählten; weil er sich als Kind selbst das Lesen beibringt, erkennen aber auch die Weißen ihn als besonders an. Nat wird in Bibelkunde unterwiesen und wächst zu einem Laienprediger heran. Als eine Dürre Virginia erfasst und die Erträge drückt, lassen die Plantagenbesitzer ihre Sklaven noch stärker darben. Um gleichzeitig Revolten unter ihnen zu unterbinden, wenden sie sich an die Turners und bitten darum, dass Nat kommt und Demut und Gehorsamkeit unter ihren Sklaven predigt.

Samuel, der mittlerweile allein über das Anwesen verfügt, willigt ein, da er für Nats Auftritte Geld bekommt. Fortan fahren Nat und er die Plantagen des Countys ab, und wo sie auch hinkommen, sehen sie Gewalt, Ausbeutung und Erniedrigung. Je öfter Samuel das Geld trotzdem annimmt und nichts sagt, desto schwerer wiegt für Nat dessen Komplizenschaft. Schließlich beginnt auch Nat, sich als Auserwählten zu sehen - nämlich als den, der Gewalt endlich mit Gewalt beantwortet.


"The Birth of an Nation"
USA 2016
Regie: Nate Parker
Buch: Nate Parker, Jean McGianni Celestin
Darsteller: Nate Parker, Armie Hammer, Aja Naomi King, Colman Domingo, Jackie Earle Haley, Gabrielle Union
Produktion: Bron Studios, Creative Wealth Media Finance et al.
Verleih: 20th Century Fox
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 13. April 2017


Der Zuschnitt von "The Birth of a Nation" auf Nat Turner ist allumfassend und findet seine Entsprechung hinter der Kamera. Hauptdarsteller Nate Parker hat auch Regie geführt und das Drehbuch mitgeschrieben. Er ist von dem Werk, für dessen Finanzierung er Jahre lang gekämpft hat, schlechterdings nicht zu trennen - weshalb ein altes Verfahren wegen Vergewaltigung, das mit einem Freispruch für Parker, aber einem Schuldspruch für seinen Freund und Co-Autor Jean McGianni Celestin endete (die Revision, die wegen Formfehlern zugelassen wurde, fand nie statt), auch dem Film direkten Schaden zufügte.

Im Januar 2016 nach der Premiere auf dem Sundance Festival noch als Favorit für den Oscar als bester Film ausgerufen, war "The Birth of a Nation" ein Jahr später chancenlos. Niemand wollte sich mehr zu Parker und seinem Film bekennen, für den er ausgerechnet mehrere Vergewaltigungen hinzuerfunden hatte.

Schmerzverzerrte Gesichter

"Ich habe fünf Töchter und eine wunderbare Frau, meine Mutter lebt bei uns, ich habe sie zu uns geholt, und ich habe vier jüngere Schwestern", sagte Parker in einem der vielen Interviews, die er anfangs noch zur Verteidigung seines Films gab - und nährte damit nur den Eindruck, dass er in Frauen vor allem eine moralische Ressource sieht, derer er sich bedienen kann.

Im Film ist dies schmerzhaft offensichtlich: Zwei Vergewaltigungen, erst von Turners Frau Cherry (Aja Naomi King), dann von der befreundeten Sklavin Esther (Gabrielle Union), sind allein dazu da, den Rachedurst der Männer zu befeuern. Die Verbrechen an den Frauen werden nicht gezeigt, ihre schmerzverzerrten Gesichter müssen als stumme Zeugnisse reichen. Es ist eine dumme Auslassung, denn mit den Stimmen und den Geschichten der Frauen wäre Parkers Film reicher und besser geworden.

Gleichzeitig gelingen Parker die eindrücklichsten Szenen, wenn er Mann auf Mann treffen lässt. Lange hält Nat Turner an dem Glauben fest, er könne seinem Besitzer Samuel auf Augenhöhe begegnen. Als dieser während eines ausgiebigen Festessens fordert, dass Esther einem Gast sexuell zu Dienste sein soll, könnte diese Illusion jedoch nicht radikaler ausgelöscht werden - bei Turner, aber auch beim Publikum.

Kein Dr. King Schultz, der wie in "Django Unchained" selber auf den brutalsten Ausbeuter schießt, kein barmherziger Zimmermann, der wie in "12 Years a Slave" bei der Befreiung behilflich ist: In "The Birth of a Nation" gibt es keinen white saviour, der einem weißen Publikum moralische Zuflucht bieten könnte, keine ironische Auflockerung durch Western-Anleihen, kein ästhetisches Distanzierungsangebot durch sorgsam komponierte Tableaus. Von allen Filmen, die jüngst Sklaverei zum Thema hatten, ist Parkers Film der unversöhnliche, der unerträgliche.

Missbrauchsvorwürfe als "Lärm" abgetan

Vielfach wurde darüber spekuliert, warum Nate Parker von Hollywood fallen gelassen wurde, während Casey Affleck Missbrauchsvorwürfe nichts anhaben konnten und er für "Manchester by the Sea" den Oscar gewann. Arbeitet man sich in die Details ein, fällt es schwer zu behaupten, es wäre mit zweierlei Maß gemessen worden, so unterschiedlich sind die Fälle: Vergewaltigungsvorwürfe aus der Uni-Zeit bei Parker, Belästigungsvorwürfe vom Set bei Affleck, Freispruch bei dem einen, Zahlung einer ungenannten Summe an zwei Frauen bei dem anderen. Wenn sie etwas gemeinsam haben, dann ist es der nachlässige Umgang mit den Vorwürfen: als "Lärm, der manchmal Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, umgibt" hat Affleck die Kontroverse um ihn bezeichnet.

Deshalb überrascht, mit welcher Eile Parkers Film als wahlweise beschmutzt oder nicht sehenswert abgetan, während "Manchester by the Sea" mit drei Oscars ausgezeichnet wurde. Wer einen Grund brauchte, um sich "The Birth of a Nation" vom Leib zu halten, wurde anscheinend schnell fündig - eine irre Wendung für einen Film, der so beharrlich daran erinnert, welchen Preis das Schweigen, Verdrängen, nicht Hingucken hat.

"Nicht alles, dem man sich stellt, kann verändert werden, aber nichts kann verändert werden, bevor man sich ihm nicht stellt", hat der Schriftsteller und Bürgerrechtler James Baldwin gesagt. Dessen Filmporträt "I Am Not Your Negro", zurzeit auch in den Kinos, ist der Film, mit dem "The Birth of a Nation" im engsten Dialog steht. Baldwin hat beschrieben, wie Rassismus Weiße verändert hat, "er hat sie zu Kriminellen und Monstern gemacht, und er vernichtet sie."

In "The Birth of a Nation" zeigt Parker genau das. Man sollte hinsehen.

Im Video: Der Trailer zu "The Birth of a Nation"

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