"The Circle" mit Emma Watson Herrin der Killerfliegen

Emma Watson lebt in der Bestseller-Verfilmung "The Circle" vor, wie man sein Glück in der totalen Überwachung finden kann. War Dave Eggers' Buch noch ein märchenhaftes Gleichnis, ist der Film etwas hölzern geraten.

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Wer sagt, dass Medizin nicht bitter schmecken darf? Wer behauptet, Schule müsse Spaß machen? Das sind die Leute, die den Film "The Circle" komplett misslungen finden werden. Natürlich liegen sie falsch. In "The Circle" tritt Emma Watson in der Rolle eines Mädchens auf, das fast immer so dreinschaut, als habe sie gerade eine streng schmeckende Arznei geschluckt.

Sie spielt eine junge Frau mit Lernehrgeiz, die komplizierte Lektionen über die Macht des Internets und die Funktionsweise der Welt kapieren muss. Und tatsächlich funktioniert der Film von James Ponsoldt als Gegenmittel zur digitalen Verblödung und als Werk intellektueller Aufklärung grundsätzlich tipptopp.

Ponsoldts "The Circle" ist die Verfilmung des vor vier Jahren erschienenen gleichnamigen Buchs von Dave Eggers. Millionen Menschen haben es gelesen. Manche nannten es Satire, manche düstere Utopie, aber alle begriffen es als irgendwie wichtige Warnung vor den totalitären Machtansprüchen von IT-Konzernen wie Google, Apple oder Facebook.

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Bestseller-Verfilmung "The Circle": Teilen ist heilen

Diese Ansprüche sind in den vergangenen Jahren keineswegs geringer oder ungefährlicher geworden. Wie das Buch von Eggers erzählt der Film ein Märchen: die Aschenputtelgeschichte des mittellosen, mit einem schwerkranken Vater und einem humorlosen Ex-Freund geschlagenen Mädchens Mae, das einen Job in der schönen neuen Welt einer Social-Media-Firma findet, deren Chefs kennenlernt und zur von Millionen Fans bejubelten Markenprinzessin erkoren wird.

Man sieht also Emma Watson als Mae zu Beginn des Films in einem trostlosen Büroverschlag in San Francisco herumlungern, wo sie Geld für sich, die Behandlung ihres Vaters (Bill Paxton) und die ihn pflegende Mutter (Glenne Headly) verdient; die Eltern hausen in einem ärmlichen, aber geschmackvoll ausstaffierten Bungalow.

Begeistert von den Möglichkeiten der Überwachung

Man sieht die Heldin jubeln, als ihre Bekannte Annie (Karen Gillan) ihr ein Vorstellungsgespräch bei dem hippen Großkonzern vermittelt, bei dem Annie längst arbeitet. Die Firma residiert in strahlend hellen Räumen inmitten einer Campuslandschaft. Dort blickt Watsons Mae halb ängstlich, halb euphorisch in das Gesicht eines Interviewers, während sie auf die Frage, was sie am allermeisten fürchte, antwortet: "Nicht genutztes Potenzial."

Kann eine hemmungslose Streberin sympathisch sein? Autor Eggers, der am Drehbuch des Films mitschrieb, hat sich eine beflissene, toughe Hauptfigur ausgedacht, die zugleich mit einer ein bisschen frauenfeindlich ausgemalten Naivität gesegnet ist. Staunend spaziert Emma Watsons Heldin durch die futuristische Heimstatt des Konzerns, in dessen Diensten sie ihr Potenzial zeigen darf. Um sie herum flanieren viele junge, hübsche Kolleginnen und Kollegen, von denen es keiner eilig zu haben scheint.


"The Circle"
Vereinigte Arabische Emirate, USA 2017

Regie: James Ponsoldt
Drehbuch: James Ponsoldt, Dave Eggers
Darsteller: Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega, Bill Paxton, Glenne Headly, Karen Gillan
Produktion: 1978 Films, Imagenation Abu Dhabi FZ, Likely Story, Parkes+MacDonald Image Nation, Playtone, Route One Entertainment
Verleih: Universum Film
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 110 Minuten
Start: 7. September 2017


Die Welt des Circle ist, so scheint es, eine strahlende Wunderwelt, ein Planet der Coolen und Guten. Natürlich trägt auch Maes von Tom Hanks gespielter Chef Eamon Bailey stets ein sonniges Lächeln im Gesicht; und wenn er in lässiger Steve-Jobs-Pose vor seinen Mitarbeitern spricht, beschwört er die Vision einer optimierten, von Verbrechen und Armut geheilten globalen Gesellschaft. "Etwas zu wissen, ist gut", verkündet dieser Guru des Computerzeitalters seiner hörig auf ihn stierenden Gemeinde, "alles zu wissen, ist besser".

Die meisten Zuschauer dürften sofort kapieren, dass dieser Mann nach einer Diktatur strebt. So wenig wie Dave Eggers' Buch ein richtiger Roman mit Figuren aus Fleisch und Blut ist - er ist halb Pamphlet, halb märchenhaftes Gleichnis -, so wenig ist John Ponsoldts Film ein ordentliches Unterhaltungswerk fürs Popcorn-Publikum: Auch ihm geht es mehr um Polemik und parabelhafte Deutlichkeit als um Poesie und sinnliches Vergnügen.

Von ihrer Firma verordneten Weltbeglückung

Mae lernt, dass die Kommunikation mit den Circle-Nutzern ihr viele neue Freunde beschert, also lässt der Regisseur in bunter Schrift getippte Nachrichten über die Leinwand flimmern. Mae erfährt, dass es neben dem publicitysüchtigen Firmenchef Bailey dessen alten, scheuen, vom Weltverbesserungsglauben abgefallenen Mitstreiter namens Ty (John Boyega) gibt, also schreitet Ty dozierend und diskutierend mit Mae durch halbdunkle Kellergänge.

Trotz derlei Irritationen aber ist die Heldin so unverdrossen begeistert von den Möglichkeiten der Überwachung, die ihre Firma den Kunden mit praktischen Ankleb-Kameras empfiehlt, dass sie im Auftrag des Circle zur Menschenjägerin wird. Als Moderatorin im Circle-Studio hetzt Mae grimmig Millionen Menschen in aller Welt auf, eine Kindermörderin zu jagen, wozu jede Menge Drohnenkameras eingesetzt werden. Die tödlichen Nebenwirkungen der Technik erweisen sich erst, als Mae längst als Herrin der Killerfliegen Menschen und Drohnen rund um den Globus dirigiert.

"The Circle" ist ein Lehrfilm, der, ähnlich wie die Kinoversionen der Dystopie-Klassiker "1984" und "Herr der Fliegen", noch vielen Schulkindern gezeigt werden wird. Erotik kommt darin praktisch nicht vor. Die Flirts und Techtelmechtel der Buchvorlage sind gestrichen; vermutlich standen sie Ponsoldts Neigung zur Didaktik im Weg. Es gibt im Film nur einen männlichen Gefährten in Maes Leben, der zählt: Ellar Coltrane spielt ihren Jugendfreund Mercer. Er ist ein zarter, linkischer, introvertierter Sonderling, der mit dem Zauberkosmos des Circle nichts anfangen kann; ein Naturbursche fern aller Konsumbegeisterung.

Als sie von durchgeknallten Circle-Kunden zum Verrat an Mercer und dessen Idealen genötigt wird, scheint Mae der Irrsinn der von ihrer Firma verordneten Weltbeglückung bewusst zu werden. Sie erleidet einen Zusammenbruch. In der Schlusspointe des Films zieht sie daraus eine andere Konsequenz als im Buch - die einzige Überraschung eines Films, dessen Regisseur die Haupttugend seiner Heldin ernst nimmt: Der Film "The Circle" ist ganz bestimmt klug, oft amüsant, ein bisschen hölzern, vor allem aber - die streberhafteste Literaturverfilmung seit Langem.

Im Video: Der Trailer zu "The Circle"

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
quark2@mailinator.com 04.09.2017
1.
Nicht jeder Teenie-Star schafft es als Erwachsener. Die gute Emma war selbst zu Harald Töpfers Zeiten schon öfter mal unsympatisch hölzern resp. uncool und das verstärkt sich jetzt halt.
Alfons Emsig 05.09.2017
2. Verpasste Chance
Der Lufthansa sei Dank habe ich den Film schon gesehen. Die Rolle des charismatischen, aber doppelbödigen Tech-Konzernbosses ist für Tom Hanks wie gemacht. Emma Watson spielt zwar etwas hölzern, fügt sich aber gut in die Rolle des Aschenputtels vom Lande, das zunächst im Siebten Techie-Himmel landet und alsbald den Laden rockt. Was dem Film leider völlig fehlt, ist so etwas wie ein Spannungsbogen. Und ob der Schluss, den die Heldin für sich zieht, die Zuschauer wirklich zum Nachdenken anregt, denn das will der Film offenbar, wage ich stark zu bezweifeln. Gerade beim "Happy End" hätte das Drehbuch ruhig mal ordentlich mit dem didaktischen Zaunpfahl winken dürfen. Letztlich bleibt dann doch wieder nur die Geschichte vom Aschenputtel hängen, fürchte ich. Ganz vertane Zeit war der Film dennoch nicht, denn ich werde mir nun den Roman holen.
Leser161 05.09.2017
3. Naja
Auch wenn ich es gut finde, dass das Ganze thematisiert wird und sich erfolgreich verkaufen lässt. Schon das Buch war hölzern. Dann wird der Film wahrscheinlich so einfach gestrickt wie "Das weisse Kaninchen". Sehe das kritisch. Man sollte ein Thema detailliert durchleuchten, statt die eigene Wahrheit als die einzig Wahre darzustellen.
fabsel123 05.09.2017
4.
Der Film ist schlecht strukturiert der Ablauf, die Wendungen. Ihn damit aufzuwerten in dem man ihn als Lehrfilm und "nicht fürs Popcorn-Kino" bezeichnet ist auch nichts weiteres als die Kleidung des Königs mit falschen Feder zu schmücken. Nur weil das Thema wichtig ist wird dadurch der Film nicht aufgewertet.
3daniel 05.09.2017
5. @quark2@mailinator.com
Ich würde mal behaupten, dass Emma Thompson es als eine der Wenigen geschafft hat vom Teenie Start zur erfolgreichen Schauspielerin zu reifen. Die letzten Filme die ich mit ihr gesehen habe waren allesamt sehr gut.
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