"The Da Vinci Code": Mönchhausens Abenteuer

Von Bert Rebhandl

Ab heute müssen deutsche Kinogänger dran glauben: Ron Howards  "The Da Vinci Code" kommt in die Kinos. Der Blasphemie-Verdacht erübrigt sich allerdings: Der Film ist ein kreuzbraver Thriller ohne Thrill.

Alle Gebete von Nonnen waren vergeblich, alle abfälligen Bemerkungen von Intellektuellen gingen ins Leere, ja nicht einmal Protest von den Faröer Inseln hat etwas geholfen: Die Verfilmung von Dan Browns Bestseller Sakrileg ist fertig geworden und bereit für den Kinostart.

Weil sich der deutsche Verlag für das Buch auf einen anderen Titel als das englische Original versteift hat, hat der Film jetzt deren zwei: The Da Vinci Code – Sakrileg heißt er in Deutschland. Die Filmtheater sind bestellt, die Kopien sind ausgeliefert, die Inserate geschaltet, und der rote Teppich in Cannes, wo es heute Abend eine festliche Premiere gibt, ist gefegt.

Die Figuren, denen Millionen Leserinnen und Leser auf verschlungenen Wegen durch halb Europa und tief in die abendländische Religionsgeschichte hinein folgten, haben nun ein Gesicht. Der amerikanische Superstar Tom Hanks spielt den Harvard-Symbologen Robert Langdon hauptsächlich mit seinem Haar – es wirft Virtuosenlocken an seinem Hinterkopf, umschmeichelt aber mehr das Stammhirn als die Denkerstirn. Die französische Schauspielerin Audrey Tautou gibt die Kryptologin Sophie Neveu als Inbegriff der Keuschheit. So engelsgleich schwebt sie von Rätsel zu Rätsel, dass sie jederzeit auf eine Nadelspitze passen würde – oder in eines der Sinnbilder, aus denen Dan Brown seine kirchengeschichtliche Verschwörungstheorie entwickelt hat.

Verschwörung? So siehst du aus!

Auch die Schurken und zwiespältigen Charaktere sind gut besetzt: Paul Bettany, am ehesten bekannt aus Lars von Triers "Dogville", gibt den Schlächtermönch Silas mit ominösem Blick. Jean Reno macht als Polizist Bezu Fache dem Laienorden Opus Dei alle konspirative Ehre. Alfred Molina gemahnt in der Rolle des Bischofs Aringarosa daran, dass es früher einmal ein eigenes Genre der antiklerikalen Karikatur gab. Und Sir Ian McKellen erinnert als Gralsforscher Sir Leigh Teabing an die überlieferte Hollywoodregel, dass immer verdächtig bleibt, wer mit britischem Akzent spricht. (Jürgen Prochnows Auftritt als Bankier Vernet ist und kurz und ohne Nachwirkungen.)

Im "Da Vinci Code" geht es, die Leserinnen und Leser wissen das, um zwei Gruppen des Christentums. Beide sind inoffiziell, die eine wird von einem Schattenkonzil vertreten, die andere vom Geheimbund Prieuré de Sion, von dem Dan Brown hartnäckig behauptet, er wäre im Jahr 1099 gegründet (und nicht im 20. Jahrhundert von einem französischen Geschichtsfälscher erfunden) worden. Das Schattenkonzil und der Geheimbund bekämpfen einander. Das Schattenkonzil will die letzten Spuren einer verschütteten historischen Wahrheit beseitigen. Der Geheimbund will die Wahrheit über Jesus zumindest im Untergrund weiter überliefern: seine Ehe mit Maria Magdalena, das gemeinsame Kind (von dem die Merowinger abstammen), die libertäre Sexualethik, die Menschlichkeit des Messias.

Der amerikanische Regisseur Ron Howard zeigt sich in "The Da Vinci Code" fasziniert weniger von diesen dogmatischen Revolutionen als von den ehrwürdigen europäischen Schauplätzen. Der Louvre und die Kirche Saint-Sulpice in Paris, die Temple Church in London sind tolle Orte. Wo auch immer Robert Langdon und Sophie Neveu, die schon nach wenigen Minuten unter Mordverdacht stehen, auftauchen, steht bald die Polizei vor der Tür. Es gibt aber immer einen Hinterausgang, und weil dieses Schema sich schnell als allzu verlässlich erweist, fehlt dem Film jede Dynamik.

Provisorisch historisch

Auf den einzigen anderen Ausweg, eine auch nur angedeutete Selbstironie, verzichtet Howard. Mit religiösem Ernst folgt er der Geschichte von Dan Browns Bestseller in alle Verliese und Gruften, immer auf der Suche nach dem vielgestaltigen Gral, der Symbol, Person, Reliquie zugleich sein kann, auf jeden Fall aber eine DNA-Spur in die Urkirche.

Die Spannungsdramaturgie des Buchs, das in kurzen Kapiteln jeweils ein neues Rätsel entwarf und ein altes klärte, geht bei Howard völlig verloren. Es scheint, als hätte er selbst geahnt, dass die Gegenwart nicht genug Stoff für den Phantasieraum enthält, den Dan Brown geöffnet hat. Howard reichert das Morden und Dechiffrieren zwischendurch mit kurzen historischen "Rückblenden" an, die graublau verwaschen sind, dabei aber doch all das an Energie enthalten, was der Haupterzählung fehlt.

Die wild durcheinander schreienden Teilnehmer beim Konzil von Nizäa, ein Schlachtengemälde aus der Zeit der Kreuzzüge oder ein nur kurz dazwischen geschnittenes Bild von der schwangeren Maria Magdalena unter dem Kreuz deuten an, woran sich die Verfilmung von The Da Vinci Code eigentlich messen lassen muss – am historischen Kostümschinken, am Bibelfilm, an der "greatest story ever told", wie sie nur Hollywood mit tausend Komparsen und in Cinemascope erzählen konnte.

Von all dem sind in "The Da Vinci Code" nur diese Schemen zu sehen. Die Übersetzer der deutschen Untertitel für die englisch-französische Fassung haben das wohl begriffen: Sie machen aus der "treasure hunt" keine "Schatzsuche", sondern eine "Schnitzeljagd". Genau auf diesen Unterschied läuft die Howards Verfilmung hinaus. Ob das Buch dadurch verfälscht wurde oder zur Kenntlichkeit entstellt, werden die Leserinnen und Leser entscheiden müssen. Nur auf den Faröer Inseln wird die Urteilsfindung noch ein wenig dauern: Dort wollen die beiden Kinobetreiber den Film nicht ins Programm nehmen. Aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle ihrer frommen Kunden. Hätten sie den Film gesehen, sie wären unbesorgt.

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