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Alicia Vikander: "Ich würde gerne allen Mädchen zurufen, dass Hollywood nur eine Illusion ist"

Ein Interview von Patrick Heidmann

"The Danish Girl": Im wahrsten Sinne wunderschön Fotos
Universal Pictures

In ihrem neuen Film "The Danish Girl" spielt Alicia Vikander die Ehefrau eines Transsexuellen. Von Glamour will die Schwedin aber nichts wissen, Selbstzweifel begleiten sie bis heute.

Dass in Hollywood gerade kaum jemand so gefragt ist wie die Schwedin Alicia Vikander ("Ex-Machina", "Seventh Son") prägt auch den Interview-Termin im Berliner Ritz Carlton Hotel. Direkt im Anschluss an das Gespräch lässt sich die 27-Jährige in der Lobby zu einem Jubelschrei samt Luftsprung hinreißen. Da nämlich erreicht sie die Nachricht, dass sie gleich für zwei Golden Globes ins Rennen geht - als Hauptdarstellerin für "The Danish Girl" sowie als Nebendarstellerin für "Ex-Machina".

Zur Person
  • REUTERS
    Alicia Vikander, 27, ist derzeit wohl die omnipräsenteste Schauspielerin: Ihr neuer Film "The Danish Girl" ist bereits der fünfte innerhalb von zwölf Monaten, der es in die deutschen Kinos schafft. Und von einer Pause kann für die Schwedin 2016 kaum die Rede sein. "Tulip Fever" mit Christoph Waltz und "The Light Between Oceans" mit Ex-Freund Michael Fassbender hat sie bereits abgedreht und steht aktuell mit Matt Damon für den neuen "Bourne"-Film vor der Kamera.
SPIEGEL ONLINE: Frau Vikander, für Ihre Rolle in "The Danish Girl" waren zwischenzeitlich auch mal Kolleginnen wie Charlize Theron oder Gwyneth Paltrow im Gespräch. Erinnern Sie sich noch, wann Sie zum ersten Mal von dem Film hörten?

Vikander: Ich glaube, von dem Drehbuch hörte in den letzten fünf Jahren jeder in unserer Branche. "The Danish Girl" war eines dieser Projekte, über das jeder sprach, ohne dass es je konkret zu werden schien. Ich schenkte der Sache nie viel Bedeutung, weil ich das Skript nie zu Gesicht bekam. Aber mich faszinierte die Geschichte von Lili Elbe, und der vermutlich ersten geschlechtsangleichenden Operation der Welt. Deswegen freute ich mich, als ich irgendwann in der U-Bahn in London saß und las, dass der Film tatsächlich gedreht werden sollte. Ich hatte Lust, ihn zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Als Schauspielerin reizte Sie die Sache nicht? In dem Film geht es um den Mann Einar Wegener, der zur Frau Lili Elbe wird. Das klingt nach einer Rolle, die es nicht häufig im klassischen Hollywoodkino gibt.

Vikander: Für die Rolle von Lili kam ich in meinen Augen nicht in Frage. Und viel mehr wusste ich über die Story nicht. Keine zwei Tage, nachdem ich in den U-Bahn diese Meldung gelesen hatte, meldete sich allerdings mein Agent bei mir und sagte, "The Danish Girl" wäre etwas für mich. Erst dann las ich das Drehbuch und realisierte, dass es noch eine zweite große Frauenrolle gibt, nämlich die der Ehefrau von Einar Wegener. Und der Film im Kern vor allem eine große und zumal für ihre Zeit bemerkenswerte Liebesgeschichte ist.

SPIEGEL ONLINE: Im Zuge der vielen Preise, für die Sie aktuell nominiert werden, taucht immer wieder die Frage auf, ob Ihre Gerda Wegener eigentlich eine Haupt- oder Nebenrolle ist. Was ist Ihre Antwort?

Vikander: Was die Kategorien bei Preisverleihungen angeht, habe ich keine Meinung. Natürlich ist Lilis Wandlung, also ihr Weg vom Mann zur Frau, die Hauptgeschichte unseres Films. Allerdings war in diesem Fall mit ihrer Ehefrau Gerda eben noch eine Person von dieser Entwicklung betroffen. Und Gerda entschloss sich dazu, diesen Weg mitzugehen, für Lili mit aller Kraft da zu sein. Mich hat es sehr berührt, wie das Drehbuch einerseits diese Unterstützung für die Protagonistin zeigt, aber gleichzeitig auch Gerdas emotionale Entwicklung thematisiert.

SPIEGEL ONLINE: Als Vorlage des Films dient der gleichnamige Roman. Haben Sie trotzdem noch eigene Recherchen bezüglich der wahren Ereignisse betrieben?

Vikander: Da hatte natürlich unsere Drehbuchautorin Lucinda Coxon schon den Großteil der Arbeit gemacht. Sie hat die Geschichte auch wieder näher an die Realität gebracht. Im Buch war Gerda Amerikanerin, bei uns ist sie nun wieder Dänin, wie in echt. Aber selbstverständlich habe ich auch selbst noch versucht, so viele Berichte wie möglich über Lili und Gerda in die Finger zu bekommen. Was allerdings fast ein Ding der Unmöglichkeit war.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Vikander: Ich war geschockt, wie wenig gesicherte Informationen man über die Geschichte von Lili Elbe online finden kann. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass das Krankenhaus, in dem sie operiert wurde, im Krieg zerstört wurde, und damit auch dessen Archive. Aber es spricht auch Bände über die Vorurteile und die Diskriminierung, die in unserer Gesellschaft im Zusammenhang mit dem Thema Transsexualität herrschen. Dass es bisher kaum bekannt war, dass die erste Operation dieser Art nicht etwa nach der Erfindung von Antibiotika in den Fünfzigerjahren, sondern schon 20 Jahre früher stattfand, finde ich ein Unding.

Kurzkritik "The Danish Girl"
  • Universal Pictures
    Seit mindestens 2009 wurde daran gearbeitet, David Ebershoffs auf wahren Fakten basierenden Roman "The Danish Girl" auf die Leinwand zu bringen. Nicole Kidman, Charlize Theron und Rachel Weisz waren alle mal für Rollen in der Geschichte des dänischen Malers Einar Wegener vorgesehen, der sich Anfang der Dreißigerjahre als einer der ersten Menschen der Welt einer Geschlechtsumwandlung unterzog und dabei - zumindest teilweise - von seiner Ehefrau, der Künstlerin Gerda Wegener unterstützt wurde. Letztlich gingen die Rollen an Eddie Redmayne und Alicia Vikander. Der Film von Tom Hooper ist im wahrsten Sinne des Wortes wunderschön und visuell spürbar von der Kunst seiner Protagonisten und ihrer Zeit inspiriert, ist dabei allerdings mitunter so gediegen, dass der Blick in die psychologischen Abgründe zu kurz kommt. Auch dass der Fokus sich verstärkt von Lili auf ihre Noch-Ehefrau verschiebt, dürfte allen missfallen, die eher auf eine queer-politische Historie der Transsexualität gehofft hatten.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, dass dieses Wissen bewusst aus den Geschichtsbüchern herausgehalten wird?

Vikander: Natürlich. Transsexualität wird ignoriert, ausgeblendet, marginalisiert. Viele dieser Frauen und Männer stehen immer noch vor ganz ähnlichen Diskriminierungen wie damals Lili. Und das ist fast 100 Jahre her. In über 30 US-Bundesstaaten kann man noch immer seinen Job verlieren, wenn man sich als transsexuell outet. Über 45 Prozent aller Transsexuellen tragen sich mit Selbstmordgedanken, über 60 Prozent trauen sich kaum auf die Straße, weil sie Angst vor Belästigung und Übergriffen haben. Das ist die traurige Realität.

SPIEGEL ONLINE: Es gab aber auch aus der LGBTQ-Community durchaus Kritik an "The Danish Girl". Etwa, weil mit Eddie Redmayne die Hauptrolle nicht mit einem transsexuellen Schauspieler besetzt wurde.

Vikander: Kritik gibt es immer. Aber es gab in der Vorbereitung auch sehr viel Unterstützung von Transsexuellen und deren Angehörigen für unseren Film. Für mich selbst war auch ein ganz anderer Druck viel größer: Ich wollte dieser Frau, dieser Ehe und vor allem Gerdas Stärke in allen Nuancen gerecht werden.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker schreiben über Ihre Rollen häufig, dass es sich um "starke Frauen" handelt. Würden Sie ihnen zustimmen?

Vikander: Ich muss immer ein bisschen lachen, wenn Journalisten mich zu starken Frauen befragen. Wie genau lautet denn die Definition von "stark"? Für mich muss jemand nicht lautstark seine Meinung äußern, kein Pionier und nicht einmal sonderlich mutig sein, um als stark rüberzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie spiegelt sich diese leisere Idee von Stärke im Schauspiel?

Vikander: Was eine Figur im Film stark macht, ist eine komplexe, emotionale Darstellung, durch die sie wirklich greifbar, dreidimensional und nachvollziehbar wird. In der Vergangenheit wurden solche Rollen meistens für Männer geschrieben, während wir Frauen uns mit deutlich weniger Tiefe zufrieden geben mussten. Doch ich habe wirklich das Gefühl, dass sich in dieser Hinsicht gerade einiges ändert. Ich selbst weiß, dass ich auf gewisse Weise ohne Frage stark bin. Das muss man nicht zuletzt in meinem Job auch sein.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie!

Vikander: Wissen Sie, Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter, die selbst Schauspielerin ist, mich früher immer wieder gefragt hat, ob ich mir sicher sei, was meine Berufswahl angeht. Anfangs hat mich das genervt. Doch je mehr Erfahrung ich gesammelt habe, desto mehr verstehe ich sie. Man darf die Schauspielerei nicht nur mögen, sondern man muss sie aus tiefstem Herzen lieben. Sonst hat man nicht die Kraft, in diesem Beruf zu bestehen. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht auch Selbstzweifel habe, mich ständig hinterfrage, immer wieder Angst davor habe, unsicher oder gehemmt zu sein. Und bei jeder Rolle aufs Neue verdammt nervös bin.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie diese Unsicherheit auch im zweiten großen Bereich Ihrer Arbeit - bei dem Glamour-Part mit den roten Teppichen, Foto-Shootings und Werbeverträgen?

Vikander: Ich habe das Glück, Menschen um mich herum zu haben, die mir vieles abnehmen und mich erden - ich glaube, ich kann mit dem Part gut umgehen. Wobei wir den Begriff "Glamour" im Bezug auf meinen Job gerne weglassen können.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Vikander: Als Jugendliche blätterte ich auch durch die Magazine und dachte, dass Hollywood eine Welt aus Luxus und Schönheit sei. Heute würde ich gerne allen jungen Mädchen laut zurufen, dass Hollywood nur eine Illusion ist. Selbst meine Freunde, die mich neulich bei den Dreharbeiten zum neuen "Bourne"-Film besucht haben, waren einigermaßen erschüttert. Die standen da zwischen bergeweisen alten Pappbechern und ein paar unbequemen Klappstühlen und fragten: "Das ist hier ist also deine Welt?" Glamourös ist wirklich meist nur die halbe Stunde auf dem roten Teppich. Und auch die nur, weil man da tolle Kleider und Make-Up trägt.


Im Video: Der Trailer zu "The Danish Girl"

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1. Hallo Leute,
Eugenius4 06.01.2016
neben dem REUTERS Foto ist Blindtext! ;)
2. Leider ist Hollywood keine Illusion!
megamekerer 06.01.2016
Hollywood ist bittere Realität, die ganze Glamur, sündhaft teures Leben, alles, sogar der Villa von John Taravolte, wo ein Boing 707 vor dem Haus parkt und das Anwesen über eigene Landebahn verfügt, alles sind auch zum großen Teil von unsere Steuergelder finanziert, die gute Journalisten werden zeigen wie unsere Steuergelder in der Taschen der große Hollywood Firmen landen! Spon sollte sich lieber dieses Thema annehmen!
3. @megamekerer
levelup 06.01.2016
Was genau hat Ihr geistiger Erguss mit Frau Vikander zu tun? "Unsere Steuergelder" ist auch so ein törichter Ausdruck, wenn er ohne jeglichen Bezug verwendet wird.
4. Echt jetzt?
lexik 06.01.2016
Lili Elbe war ganz gewiss kein "Mann, der zur Frau wird". Warum sollte ein Mann so etwas mit sich machen lassen? Lili Elbe war einfach eine Frau, die wegen ihrer körperlichen Attribute von Eltern und Staat dem falschen Geschlecht zugewiesen wurde und sich deshalb sowohl mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit als auch mit ihrer körperlichen Inkongruenz herumschlagen musste.
5. Nein!
jhea 07.01.2016
Hollywood ist eine Illusion! Hätte uns das nur einer VORHER gesagt!
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