Polit-Satiriker Iannucci "Bittere Zeiten haben immer Humor hervorgebracht"

Erst "Veep", jetzt "The Death of Stalin": Hinter den schärfsten Politiksatiren steckt Armando Iannucci. Vom aufrührerischen Potenzial der Comedy hält der Brite indes nicht viel - und Trump findet er auch nicht lustig.

Armando Iannucci
Concorde

Armando Iannucci

Ein Interview von


Zur Person
    Armando Iannucci, geboren 1963 in Glasgow, wurde Anfang der Neunziger mit der Radio- und TV-Comedy "Alan Patridge" berühmt. Seine Polit-Satireserie "The Thick of It" lief von 2005 bis 2012 erfolgreich in der BBC, für das Drehbuch der Filmfortsetzung "In the Loop" wurde Iannucci 2009 für den Oscar nominiert. Für den US-Bezahlsender HBO schuf er 2012 die Satire "Veep" mit Julia Louis-Dreyfus als inkompetenter Vizepräsidentin der USA. Die Serie hat über 60 Preise gewonnen, u.a. fünf Emmys für Louis-Dreyfus. Nach der vierten Staffel gab Iannucci seine Rolle als Showrunner auf. Sein neuer Film "The Death of Stalin" läuft seit dem 29. März in den deutschen Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Iannucci, Ihr Name steht für einige der bösesten Polit-Comedys der Gegenwart. War eine Filmkomödie über Stalin da noch eine Herausforderung für Sie?

Iannucci: Ich habe mich mit "The Death of Stalin" auf ungewohntem Terrain bewegt. Ich hatte noch nie eine historische Geschichte erzählt, noch dazu eine, in der es um reale Figuren geht. Außerdem waren meine Serien im Vérité-Stil gehalten, sehr unmittelbar und schnell. Und dann stand ich natürlich auch vor der Herausforderung, dass dieser Stoff nicht ausschließlich eine Komödie ist, sondern im Grunde von Situationen erzählt, die höchst tragisch sind.

SPIEGEL ONLINE: "The Death of Stalin" handelt von grauenvollen Ereignissen, von einer Machtriege, die um die Nachfolge des Diktators Stalin konkurriert, während der halbtot in seiner Datsche liegt. Hatten Sie Bedenken, mit dem Film Zuschauer vor den Kopf zu stoßen?

Iannucci: Wir machen uns ja gerade nicht lustig über die Millionen von Menschen, die damals gefoltert und ermordet wurden. Das Leiden und die Gefahr sind in "The Death of Stalin" immer spürbar, das haben wir nicht unter den Teppich gekehrt. Im Gegenteil wollte ich konkret zeigen, welche Folgen die Dummheit und das Chaos hinter den Mauern der Regierungsgebäude für das Leben von Menschen außerhalb hatten. Und wir haben den Film auch ein paar Menschen zukommen lassen, die damals unter Stalin verhaftet wurden. Er hat, so war das Feedback, allen gefallen, weil sie ihn als ebenso wahrhaftig wie kathartisch erlebt haben.

Fotostrecke

6  Bilder
"The Death of Stalin": Hauen und Stechen und Sterben

SPIEGEL ONLINE: Was reizt Sie als Satiriker so sehr an dem Thema Politik?

Iannucci: Es ist faszinierend, wie universell und zeitlos der politische Betrieb ist. Gewisse Mechanismen funktionieren dort immer gleich, ob in den USA 2018, im Russland der Fünfziger oder im alten Rom. Ich denke gerne an diese Geschichte, deren genaue Beteiligte mir natürlich gerade entfallen sind. Jedenfalls gab es in der Gefolgschaft eines römischen Kaisers zwei erbitterte Feinde, von denen der eine das Gerücht streute, der andere wolle den Kaiser ermorden. Stimmte natürlich nicht, doch sobald der Kaiser davon hörte, wollte er seinerseits den vermeintlichen Attentäter aus dem Weg räumen lassen. Und der wusste sich nicht anders zu helfen, als letztlich sein Leben zu retten, indem er tatsächlich den Kaiser umbrachte. Er machte also am Ende genau das, was er zunächst als Absicht weit von sich gewiesen hatte. Und genau so etwas passiert immer wieder in der Politik, überall.

SPIEGEL ONLINE: Weil Macht korrumpiert?

Iannucci: Eher, weil auch die Macht nur in der Hand von Menschen liegt. Von ganz normalen Menschen, die genauso fehlbar und eitel und am eigenen Ego zu packen sind wie wir alle.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie selbst denn das komödiantische Potenzial des Politikbetriebs entdeckt?

Iannucci: Ich muss das aus der anderen Richtung her beantworten. Politik fasziniert mich schon seit meiner Jugend. Damals habe ich mit Spannung jede Wahl verfolgt und war mir deren Wichtigkeit früh bewusst. Das Thema ist also eines, mit dem ich mich gut auskenne - und als Autor schreibt man immer am besten über Dinge, die man kennt. Ich habe also nicht angefangen über Politik zu schreiben, weil ich es witzig fand, sondern weil ich nicht anders als komödiantisch schreiben kann. Sprich: Was immer ich angehe, wird humorvoll. Ein politisches Drama würde ich einfach nicht zu Papier bringen können.

SPIEGEL ONLINE: Die große britische Comedy hat ihre Wurzeln in den Thatcher-Jahren. Kein Zufall, oder?

Iannucci: Natürlich nicht. Bittere Zeiten haben immer schon den Humor in den Menschen hervorgebracht. Darüber haben wir ja gerade im Stalin-Kontext schon gesprochen. Das eigentlich Interessante im Kontext von Thatcher und Comedy ist aber aus heutiger Sicht etwas anderes.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Iannucci: An ihrem Beispiel zeigt sich ganz klar, dass Comedy nicht unbedingt die Kraft hat, etwas zu verändern. Denn all die links denkenden Komiker, die sich damals Thatcher vorgeknöpft haben, konnten nicht verhindern, dass sie dreimal wiedergewählt wurde. Sogar mit wachsender Mehrheit. Man sollte also nicht dem Irrglauben erliegen, politische Comedy würde wirklich zu einem Umdenken der Menschen führen können.

Im Video: Der Trailer zu "The Death of Stalin"

Concorde

SPIEGEL ONLINE: Damit können wir direkt die Brücke schlagen in die Ära Trump. Welche Rolle kommt Ihrer Meinung Humoristen heute zu?

Iannucci: Die Lage ist, zumal in den USA, aktuell eine ganz neue. Denn Trump hat quasi den klassischen Nachrichtenmedien die Legitimation abgesprochen, indem er sie als Fake News verunglimpft. Die massentaugliche Analyse seiner Politik fällt dadurch mehr denn je in die Zuständigkeit von Komikern. John Oliver, Bill Maher oder Samantha Bee sind es, die heute genau auseinandernehmen, was er sagt und tut. Dafür beschäftigen sie ganze Rechercheteams. Was sie sagen, ist natürlich oft witzig, aber vor allem wahr. Durch Trump sind sie heute fast eher Journalisten als Komiker.

SPIEGEL ONLINE: Einfach nur Scherze über Trump zu machen, ist also zu wenig?

Iannucci: Ich finde es schwierig, mich über Trump lustig zu machen. Weil ich ihn erschreckend und abstoßend finde, nicht amüsant. Abgesehen davon sollte man ihn nicht zur Witzfigur machen, denn damit verharmlost man ihn und macht ihn quasi bekömmlicher. Es ist ein Fehler, Trump als dumm und lachhaft abzutun, ist er doch in Wahrheit eher auf ungewöhnliche Weise durchaus intelligent und vor allem instabil und narzisstisch. Das macht ihn gefährlich!

SPIEGEL ONLINE: Vieles, worüber man in "The Thick of It", "Veep" oder nun "The Death of Stalin" als Absurdität gelacht hat, scheint in Zeiten von Trump wie selbstverständlich Realität geworden zu sein. Sehen Sie sich als politischen Propheten?

Iannucci: Nichts von dem, was ich mache, ist prophetisch, und es ging mir auch nie darum vorherzusagen, wohin sich der Polit-Betrieb entwickeln wird. Das Einzige, was ich mache, ist, die menschliche Natur sehr genau unter die Lupe zu nehmen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
alex_kuznetsoff 06.04.2018
1. Stalin war sehr lustig
1945 lachten die Deutschen laut.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.