"The Descent" Frauen am Rande des Höhlenkollers

In "The Descent" wird erstmals das unterirdische Höhlensystem zum Schauplatz einer finsteren Horrorfilm-Handlung. Dem britischen Regisseur Neil Marshall gelingt das Kunststück, sein durchweg weibliches Personal trotz miserabler Beleuchtung glänzen zu lassen.

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Es gibt junge Städter, die geben viel Geld aus und nehmen extreme Strapazen auf sich, um die wenigen unerschlossenen Ecken der Welt auszukundschaften. Die moderne verzagte Großstadtseele sehnt sich nach Grenzüberschreitung und Landnahme. Und wenn alle Berggipfel mit Fähnchen abgesteckt sind und sämtliche Seerouten abgesegelt, bleibt den Hobby-Entdeckern eben nur noch der Weg ins Innere der Erde.

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"The Descent": Horror unter Tage
Die Höhlensysteme sind die letzten schwarzen Flecken unseres Planeten. Was man da wohl findet? Sich selbst, wenn man Glück hat. Sämtliche verdrängten Ängste, wenn man Pech hat.

Mit "The Descent" wird nun erstmals im großen Stil dieses regelrecht unausgeleuchtete Terrain für den Horrorfilm vermessen. Die unterirdischen Arterien bilden ein Abenteuergelände, in dem extreme Enge und monströse Abgründe direkt aufeinander folgen können. Ein idealer Parcours des Schreckens also, Klaustrophobie und Höhenangst liegen nur einen Schritt auseinander. Eben noch müssen sich die Höhlenkraxlerinnen im Film durch einen verjüngenden Wurmgang zwängen, da klafft auch schon eine gigantische Felsspalte vor ihnen auf. Das schwache Licht ihrer Helmlampen vermag die Tiefe nicht auszuleuchten, aber ein ins schwarze Nichts geworfener Stein macht klar: Hier muss es mehr als 100 Meter hinab gehen.

Regisseur Neil Marshall versteht sich gerade in der ersten Hälfte der düsteren Kletterpartie auf den Horror der Auslassung. Doch der suggestive Minimalismus à la "Blair Witch Project" wendet sich bald in ein durchkomponiertes Höllentableau, für das der Brite mit sicherer Hand Anleihen bei unzähligen Klassikern des Genres vornimmt. Marshall selbst bezeichnet sein Werk als "Deliverance goes underground". "Deliverance", das ist der englische Originaltitel von "Beim Sterben ist jeder Erste", John Boormans Survivalschocker aus dem Jahr 1972. Darin geht es um eine Gruppe Städter, die bei einer Kanutour durchs amerikanische Hinterland von Hillbillys gejagt werden.

Wie sein Landsmann Boorman wählte auch Marshall für sein Entzivilisierungsszenario Amerika als Setting. "The Descent" wurde zwar zum Großteil in den schottischen Highlands gedreht, soll aber im Appalachengebirge North Carolinas spielen. Statt einer Gruppe Männer unternehmen hier ein paar weibliche Extremsportfans die Stadtflucht.

Im Zentrum steht die traumatisierte Sarah (Shauna MacDonald), die ein Jahr zuvor bei einem Autounfall Mann und Kind verloren hat und nun ausgerechnet unter der Erde ihr Weltvertrauen zurückgewinnen will. Vorbereitet wurde die Exkursion von der toughen Juno (Natalie Mendoza) - die bei der Organisation allerdings vom Ehrgeiz getrieben wurde, eine Höhle zu erkunden, die auf keiner Karte verzeichnet ist. Verkompliziert wird die Situation noch durch den Umstand, dass die eine mit dem Gatten der anderen vor dessen Tod eine Affäre hatte. Die Höhlentour erscheint so als Abstieg in die eigenen Abgründe.

Bei Boorman werden die überheblichen Städter bald vom retardierten Landvolk verfolgt, bei Marshall begegnen sie nun unter Tage einigen sensuell und intellektuell noch weiter zurückentwickelten Lebewesen: Eine Kolonie kalkweißer Kreaturen haust in der Höhle. In der ewigen Nacht haben sich ihre Sinnesorgane zu Rudimenten zurückentwickelt, alles Restzivilisatorische ist sowieso aus ihrer Lebenswelt getilgt. Gespeist wird, was ihnen zwischen die spitzen Beißer kommt. Blutlachen und Kadaver bilden ein feucht-morsches Ambiente; Leben und Sterben sind hier zwei Aspekte desselben Kreislaufs.

Marshall inszeniert dieses Biotop des Grauens mit einigen kunstvollen Kniffen. Dafür bezieht er sich gerne auf den italienischen Kannibalen-Trash eines Ruggero Deodatos oder auf die psychotischen Parallelwelten von Lucio Fulci. Im gedimmten Licht scheinen kurz auch Motive von Wes Craven und John Carpenter auf. Doch stets stehen die Referenzen im Dienst der Handlung. So wie jenes, dass die Heldin des Films in einem Bad aus Blut versinken lässt. Da steht sie dann wie einst Brian De Palmas "Carrie" - durch die Taufe im Blut befreit von allen zivilisatorischen und psychologischen Bekümmernissen.

"The Descent" ist ein exzellenter Schocker, extrem perfide in seiner Erzählweise, aber weitgehend frei von Zynismus. Neil Marshall beherrscht die Kunst, das Schwarz der Leinwand als bedrohliche Projektionsfläche in Szene zu setzen. Mit jedem Flackern der Fackeln und Funzeln werden die Urängste der Zuschauer heraufbeschworen. Gelegentlich weiß man nicht, ob die Leinwand tatsächlich schwarz ist - oder ob man gerade im Schaudern die Augen zugekniffen hat. Schön, dass die Produktion im Gegensatz zu Marshalls Vorgängerwerk "Dog Soldiers" seinen Weg in reguläre Lichtspielhäuser geschafft hat und nicht nur als DVD oder Video zirkuliert. Denn wahrlich: "The Descent" ist ein Lichtspielwerk. Dieser Film mit seinem bescheidenen, aber extrem effizienten Lichteinwurf entwickelt seine volle Wirkung nur im Kino, dieser Höhle der Imagination.




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