Kino-Drama "The Diary of a Teenage Girl" Noch ganz schön jung - und doch überlebensgroß

Minnie erlebt ihren ersten Sex - mit 15 und mit dem Lover ihrer Mutter. So heikel, so aufreibend sind die Situationen in dem Teendrama "The Diary of a Teenage Girl", das seiner Hauptfigur ganz nah kommt.

Von Carolin Weidner

Sony Pictures

Die erste Einstellung: ein Hintern, auf ganzer Bildfläche präsentiert. Er gehört zu Minnie Goetze (Bel Powley), die gerade ihren ersten Sex erlebt hat. Das erzählt sie, während sie einen Park in San Francisco durchquert, beschwingt, stolz, auch ein wenig verunsichert: "Aber ich frage mich, ob sich meine Brust klein anfühlte."

Minnie Goetze ist 15 Jahre alt, die Freizügigkeit der Siebziger hat einen Höhepunkt erreicht. Der Lebensrhythmus ihrer Mutter Charlotte (Kristen Wiig) ist von vielen kleinen Drinks, Hasch-Partys und Monroe (Alexander Skarsgård) strukturiert, mit dem sie eine Art Liebesbeziehung führt. Jener Monroe, der zufällig auch für Tochter Minnies sexuelle Initiation verantwortlich ist. So weit, so heikel. So aufreibend!

Marielle Hellers Spielfilm, der beim Sundace-Festival Premiere hatte und auch auf der diesjährigen Berlinale zu sehen war, ist ein erweckendes, ein erhebendes Debüt. Eines, das mitzureißen und zu erfassen versteht, das einen fortspült wie Minnie, die von diesem Monroe nicht lassen kann - und dem es ebenfalls nicht gelingt, dem unwiderstehlichen, asymmetrischen Gemenge ein Ende zu bereiten.

Dabei gelingt es Regisseurin Heller, Jahrgang 1979, sowohl Minnies Perspektive im Fokus zu behalten, als auch eine Draufsicht auf das im Verborgenen stattfindende Verhältnis zwischen Teenagerin und erwachsenem, na ja, zumindest ausgewachsenem, Mann zu gewähren.

Angefangen hatte alles mit einer harmlosen Kabbelei. In einem Diner biss Minnie Monroe in den Finger. Ein ungestümes Spiel, dessen Unschuld sich schnell in eine erotische Spannung erhebt. Die Blickwechsel lassen keinen Zweifel. Brandon Trosts Kamera zeigt die ohnehin schon riesigen Augen des Mädchens noch ein ganzes Stück größer, während Monroe das Lachen beim Fingersaugen doch ziemlich schnell vergeht. Die verbalisierte Konsequenz: eine Erektion. Die löst bei Minnie aber keinen Fluchtimpuls aus, sondern eine gewisse Feierlichkeit.

Nach dem Sex das Polaroid-Foto

Wenig später kommt es zum ersten Sex in Monroes stilsicher eingerichteter Siebzigerjahre-Junggesellenbude. Minnie lässt sich von ihm anschließend mit ihrer Polaroid-Kamera ablichten. Ihr irgendwie entrückt, aber auch beseelt dreinschauendes Gesicht klebt fortan am Spiegel ihres Zimmers. Monroe geht indessen blitzartig zur Tagesordnung über. Was bedeutet: Cartoon-Sessions mit einer Schale Cornflakes im Hause Goetze; windiger emotionaler Beistand für die psychisch labile Charlotte.

Dass das alles nicht gutgehen kann, ist zu erahnen. "The Diary of a Teenage Girl" zeigt jedoch kein Interesse am Moralisieren, der Film lebt von den Situationen. Sie werden zudem kommentiert durch Zeichnungen Minnies, die sich als respektable Comic-Zeichnerin erweist. Jene Bilder, verkoppelt mit den auf Kassette eingesprochenen Tagebuch-Skizzen, ergeben einen Zugang zum Erleben Einer, die aufgewühlt ist und haltlos.

Das amorphe Umfeld verwehrt dabei jeglichen Beistand: Gleichaltrige befinden sich in ähnlich orientierungslosen Zuständen, die jüngere Schwester Gretel ist zwar irgendwie super, aber an einer anderen Schwelle, und Vater Pascal, ein Künstler in New York, verabredet sich mit seinen Töchtern allenfalls auf einen Espresso. Lediglich Aline Kominsky, eine auch real existierende Künstlerin und Comic-Produzentin, bietet Minnie ein ideelles Zuhause.

Hellers Film erinnert damit ein wenig an Andrea Arnolds "Fish Tank" von 2009, der sich der 15-jährigen Mia (Katie Jarvis) und dem wesentlich älteren Connor (Michael Fassbender) annahm. Beide Regisseurinnen stellen ihren Mädchen potenziell errettende Instrumente zur Verfügung. Und können vor Schmerz doch nicht bewahren.

Im Falle von "The Diary of a Teenage Girl" ist es sogar ein sehr expressiver Schmerz. Seine Eindringlichkeit erhält er aufgrund der Distanz, die der Film eben nicht herstellt. Minnie Goetze ist zum Anfassen nah, überlebensgroß. Das ist vom ersten Bild an klar. Und das ist gut.

Im Video: Der Trailer zu "The Diary of a Teenage Girl":

The Diary of a Teenage Girl

USA 2015

Regie: Marielle Heller

Drehbuch: Marielle Heller

Darsteller: Bel Powley, Alexander Skarsgård, Kristen Wiig

Verleih: Sony

Länge: 102Minuten

Start: 19. November 2015

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