Kinothriller "The Drop" Blut wird fließen

Dass es Ärger geben wird, ist klar. Schließlich gehört ihre Bar längst der Mafia. Doch wie sich in dem furiosen Thriller "The Drop" mit Tom Hardy die Konflikte hochschaukeln, ist so überraschend wie spannend.


Ein Brite, ein Belgier, ein Amerikaner und eine Schwedin gehen in eine Bar. Klingt wie der Auftakt zu einem schlechten Witz, ist aber die sträflich verknappte Beschreibung von Michaël R. Roskams fulminantem Thriller "The Drop".

Nach einem Drehbuch von Romanautor Dennis Lehane - der hier eine eigene Kurzgeschichte adaptierte - hat der belgische Regisseur ("Bullhead") mit internationaler Besetzung einen ur-amerikanischen Genrefilm gedreht, den man in dieser puristischen Form fast gar nicht mehr im Kino erwartet: Schnörkellos, gradlinig und voll Spannung, die sich aus einer pointierten Erzählung und komplexen Figuren speist.

Da wäre Bob Saginowski (Tom Hardy), der als Barkeeper in Brooklyn arbeitet und jeden Morgen zur Frühmesse in die Kirche geht: Auf den ersten Blick ist Bob ein Mann, dessen bedächtiges Auftreten unklar lässt, ob es intellektueller Behäbigkeit oder großer Selbstbeherrschung geschuldet ist. Umso aufbrausender ist sein Cousin Marv (James Gandolfini), früherer Besitzer und jetziger Geschäftsführer der Bar. Die trägt zwar noch Marvs Namen, gehört aber de facto der tschetschenischen Mafia. Das Lokal dient als "drop bar", in der Wettgelder und sonstige illegale Einnahmen deponiert werden.

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Während der verbitterte Marv mit dieser Handlangertätigkeit hadert, wird Bobs Aufmerksamkeit zumindest kurzzeitig in andere Richtungen gelenkt: Auf dem Heimweg entdeckt er in einem Mülleimer einen misshandelten Pitbull-Welpen und macht dabei Bekanntschaft mit Nadia (Noomi Rapace), die in der Nähe wohnt. Gemeinsam kümmern sie sich um das verletzte Tier. Nadia überzeugt Bob, den Hund zu behalten, und über Dogsitting und Einkäufe in der Zoohandlung kommen er und Nadia sich vorsichtig näher.

Doch der Mann soll keine Ruhe finden: Erst überfallen zwei Maskierte die Bar und erbeuten deponiertes Geld, was sowohl einen rabiaten Interessenvertreter der Mafia namens Chovka (Michael Aronov) als auch den Polizeiermittler Torres (John Ortiz) auf den Plan ruft. Zudem wird Bob von dem unheimlichen Eric Deeds (Matthias Schoenaerts) bedrängt, der sich in zunehmend bedrohlichen Begegnungen als gewalttätiger Vorbesitzer des Hundes und obendrein als Nadias psychopathischer Ex-Freund entpuppt.

Abgetrennte Gliedmaßen, angeschraubte Beine

Es ist klar, dass es angesichts dieser diversen Konfliktlinien zu einer fatalen Konfrontation kommen muss. Doch wer unter den Protagonisten wann, wie und warum für Verheerungen sorgt, das gehört zu den großen Überraschungen von Roskams grandios stimmiger Gangsterballade.

Seinen drastischen Momenten, in denen etwa abgetrennte Gliedmaßen entsorgt werden oder sich ein todgeweihter Dieb mit einer überdimensionalen Schraube im Bein festgenagelt am Boden eines Lieferwagens wiederfindet, setzt der Film immer wieder leise, grimmig-poetische Alltagsszenen entgegen. Manchmal scheint darin die stete Ahnung von Schuld und Gewalt sogar einer zaghaften Hoffnung auf Vergebung und Liebe zu weichen. Doch sicher kann man sich dessen nie sein.

Dorthin folgt man gebannt den Schauspielern, die ihre oft verblüffend gewendeten Rollen mit Leidenschaft ausfüllen: Matthias Schoenaerts ("Der Geschmack von Rost und Knochen") sorgt als pathologischer Stalker am Rande des kompletten Überschnappens für Beklemmung, während Noomi Rapace überzeugend eine sichtbar versehrte und dennoch mitfühlende Überlebenskämpferin gibt. James Gandolfini erinnert derweil mit seiner raumgreifenden Verkörperung des tragisch getriebenen und durchtriebenen Marv einmal mehr schmerzlich daran, was für ein Verlust sein Tod im vergangenen Jahr war.

Ihr eindrucksvolles Spiel lässt Tom Hardy nur noch mehr glänzen. Sein Bob Saginowski ist das trügerisch friedliche Auge des Orkans, und genauso glaubwürdig mit einem kleinen Hund im Arm wie mit der Pistole in der Hand. Hardy verleiht dieser enigmatischen und doch unmittelbar anrührenden Figur eindringlich Gestalt und bringt sie damit auf Augenhöhe mit den großen, gebrochenen Helden des Genrekinos. Nach seiner phänomenalen Ein-Mann-Tour-de-Force im psychologischen Drama "No Turning Back" unterstreicht diese überragende Leistung erneut, dass er derzeit zu den aufregendsten Charakterdarstellern gehört.

Als begeisternder Thriller weiß "The Drop" natürlich um den richtigen Effekt, wenn irgendwann die Waffen sprechen. Aber dank Bob Saginowski versteht man nun auch, wie beredt die Stille vor und nach den Schüssen sein kann.

The Drop - Bargeld

USA 2014

Regie: Michaël R. Roskam

Buch: Dennis Lehane

Mit: Tom Hardy, Noomi Rapace, James Gandolfini, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spector, James Frecheville

Produktion: Fox Searchlight Pictures

Verleih: Fox Deutschland

Länge: 106 Minuten

Start: 4. Dezember 2014

FSK: ab 12 Jahren

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
billy pilgrim 05.12.2014
1.
dieser sensationelle film hat mir wieder ein bißchen hoffnung gegeben, dass sich das erzählen im amerikanischen filmbetrieb nicht ausschließlich nur noch auf serien erstreckt. und was für ein fulminanter letzter film (fast hätte ich 'abgang' gesagt) für den großen james gandolfini! den spoiler in den letzten zwei abschnitten des textes hätte man aber vielleicht vermeiden können.
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