Erotikdrama "The Duke of Burgundy" Strenges Drehbuch der Lust

In Peter Stricklands "The Duke of Burgundy" widmen sich Frauen mit gleicher Hingabe Fetisch-Inszenierungen und Insektenkunde. Eine sinnlich-surreale Hommage an das Siebzigerjahre-Erotik-Kino.

Salzgeber

Von Thomas Willmann


Es gab schon etliche Versuche, das Geruchskino zu etablieren - mehr oder weniger ernst, immer aufwendig. Peter Strickland hat nun die eleganteste Lösung gefunden, ganz ohne Zerstäuberanlagen und "Scratch & Sniff"-Karten: Im Vorspann von "The Duke of Burgundy" prangt schlicht die Angabe "Perfume by Je suis Gizella".

Freilich fiktiv, legen einem diese Worte dennoch die Vorstellung eines Dufts über diesen Film - intensivieren das Gefühl, dass man dessen Welt mit allen Sinnen fassen kann: Ein geradezu synästhetisches Erlebnis, bei dem das Licht fast zu riechen ist, die Geräusche wie zu schmecken sind, die Bilder taktil.

"The Duke of Burgundy" ist gewiss ein Film über Fetischismus und erotische Fantasien. Doch er erlöst seine Figuren, ihre Körper, vom Begehren des Blicks. Lust empfindet er vielmehr am Kino selbst, an den Sinnesreizen eines speziellen Genres.

Und zwar an den Filmen aus jener kurzen Epoche um die Siebziger, als besonders in Europa neue künstlerische Freiheiten sich mit erwachter sexueller Freizügigkeit paarten. Als die Grenzen verschwammen zwischen Kunst und Pornografie, Experimental- und Exploitationfilm.

Durch "The Duke of Burgundy" weht und webt die Erinnerung an die Filme Jess Francos, Jean Rollins, Walerian Borowczyks - und, selbstverständlich, Buñuels "Belle de jour". Die Erinnerung an deren goldblasses Herbstlicht, deren somnambule Gestelztheit. Und deren luftig-melancholische Musik, die Cat's Eyes auf dem Soundtrack so schön wiederauferstehen lässt, wie es heute wohl sonst nur Get Well Soon vermochte.

Im Zentrum der Erzählung stehen Cynthia (Sidse Babett Knudsen) und Evelyn (Chiara D'Anna). Lernt man sie anfangs kennen, scheint Cynthia eine strenge Hausherrin und Evelyn ihr gedemütigtes Hausmädchen zu sein. Doch die beiden sind ein Paar, und die Machtverhältnisse komplexer, als es ihr erotisches Ritual vermuten lässt.

Es wäre irreführend, ihre Liebe eine "lesbische S/M-Beziehung" zu nennen. Zu sehr ist da die Sprache getränkt vom Kontext realer Gesellschaft, Geschlechterpolitik. Die hermetische Welt von "The Duke of Burgundy" ist aber nicht die unsere.

Männer gibt es keine in ihr. Dafür mit großer Selbstverständlichkeit in einem Auditorium Schaufensterpuppen, die zwischen dem lebendigen Publikum sitzen - eine Verneigung vor Alain Robbe-Grillets Surrealismus. Und die spezielle Spielart des Begehrens der Protagonistinnen scheint keinesfalls außergewöhnlich. Dafür spricht jedenfalls die exzellente Auftragslage der mondänen Schreinerin (Fatma Mohamed), die in einer der trocken humorvollsten Szene des Films für Evelyn als Geburtstagsgeschenk ein Bettkasten-Gefängnis zimmern soll.

Die Fetischmöbel-Diva scheint dabei die einzige Frau, die einer handwerklichen Tätigkeit nachgeht. Alle übrigen verbringen die Zeit neben erotischen Inszenierungen allein mit Schmetterlingsforschung - das aber mit derselben Hingabe, demselben Kribbeln. Selbst Evelyns Safeword zitiert - wie übrigens auch der Filmtitel - den Namen einer Falter-Art.

Es ist eine Obsession, die vermutlich auch Regisseur Peter Strickland teilt. Mit nur drei Spielfilmen hat er sich in den inneren Kreis der derzeit einzigartigsten, spannendsten Filmemacher geschlichen. Und auf allen drei Tonspuren krabbeln Insektengeräusche.

Stricklands Debut "Katalin Varga" gelangte 2009 unter dem Tarnmantel des realistischen Dramas in den Berlinale-Wettbewerb. Aber schon diesem weiblichen Rachefeldzug in den Karpaten hat er die Anmutung eines Märchen- und Vampirfilms abgetrotzt. "Berberian Sound Studio" machte dann kein Hehl aus seinen Genre-Wurzeln, zollte dem italienischen Giallo-Horror vielschichtig-spöttischen Tribut.

Stricklands Werk spannt einen ganz eigenen Kosmos auf

Da ging es um einen verklemmten Tonmeister und somit auch um die Verbindung von Körperlichkeit und Geräuschen. Der spürt Strickland ebenso im Kunstkontext nach, als Mitglied der Sonic Catering Band - in deren Performances die Klänge von Essenszubereitung zu seltsamen Hörwerken geformt werden. Wenig Wunder also, wenn er zudem für den Konzertfilm zu Björks naturlauschendem "Biophilia"-Projekt kongenialer Regisseur war.

Stricklands Werk spannt einen ganz eigenen Kosmos auf - bei aller bewussten Entlegenheit und Hermetik ist es durch seine Sinnlichkeit unmittelbar zugänglich: so nerdig wie erdig.

"The Duke of Burgundy" aber stellt selbst für ihn eine neue Evolutionsstufe dar: Indem Strickland scheinbar ganz in die abstrakte Welt eines Genres abtaucht, kommt er einer menschlichen Wahrhaftigkeit am nächsten.

Denn der selbst so detailperfekt inszenierte Film durchbricht Evelyns minutiös ausgetüftelte Drehbücher der Lust. Er erkundet, was geschieht, wenn das Kopfkino kollidiert mit realen Körpern, mit den Schwächen und Bedürfnissen einer echten Person. Wenn die strafende Herrin im Schlaf schnarcht; wenn Kreuzweh und Mückenstiche dem gewollten, lustvollen Schmerz in die Quere kommen; wenn Korsett und dominantes Kostüm eingetauscht werden gegen den bequemen Pyjama.

In erotischer Terminologie würde man sagen, die devote Evelyn betreibe rigoroses "Topping from the bottom": Obwohl sie im Spiel die unterwürfige Position einnimmt, kontrolliert sie jeden Aspekt des Szenarios. Doch man muss keineswegs ihre speziellen Fantasien teilen, um das viel allgemeinere Phänomen wiederzuerkennen: Dass Menschen oft ihre fertigen Skripte im Kopf haben und sich in der Liebe jemanden herbeihoffen, der die Rolle der oder des Ersehnten möglichst textgetreu ausfüllt.

Die Dynamik zwischen der etwas älteren Cynthia und der jungen, fordernden Evelyn ist auf unzählige andere Konstellationen übertragbar: Wie sehr verleugnet man sich selbst, um den Wünschen des Gegenübers zu entsprechen? Wie sehr ist das echter Liebesdienst, wie sehr nur getrieben von Verlustangst? Wieviel Kompromiss zwischen den Bedürfnissen ist nötig, wieviel möglich?

Davon handelt - nie naiv, aber hoffnungsvoll - "The Duke of Burgundy" wirklich. Und so entpuppt sich aus dem Kokon der cleveren Hommage an eine spezielle Art erotischen Kinos schließlich ein großer, weiser Film über die Liebe an sich.

I m Video: Der Trailer von "The Duke of Burgundy"

The Duke of Burgundy

Großbritannien 2015

Regie: Peter Strickland

Drehbuch: Peter Strickland

Darsteller: Sidse Babett Knudsen, Chiara D'Anna, Eugenia Caruso, Monica Swinn, Fatma Mohamed, Kata Bartsch, Eszter Tompa

Produktion: Rook Films, Pioneer Pictures

Verleih: Salzgeber & Company Medien

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Start: 3. Dezember 2015

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
boblinger 03.12.2015
1. Oh
Toll, danke für den Tipp!
Hofheimer 04.12.2015
2.
Bei der Vorschau sind mir die Augen zugefallen. Die Szenen erinnerten an ein Kammerspiel.
gekreuzigt 04.12.2015
3. Verklemmte Erotik
künstlerisch verpackt. Gruselig.
Abel Frühstück 04.12.2015
4.
Großartiger Film, sehr kunstfertig, obwohl er nicht ganz an den Vorgänger "Berberian Sound Studio" heranreicht.
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