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Roadmovie "The End of the Tour": Unterwegs mit einem Genie

Von Andreas Busche

"The End of the Tour": Mit Bandana und Nickelbrille Fotos
Sony Pictures Home Entertainment

Unendlicher Spaß war die gemeinsame Reise von Autor David Lipsky und Schriftsteller-Enigma David Foster Wallace wohl nicht. Regisseur James Ponsoldt macht aus dem Befindlichkeits-Clash zweier Literaten dennoch ein amüsantes Roadmovie.

"Wie viele Schriftsteller hat der 'Rolling Stone' in den letzten zehn Jahren interviewt?", fragt David Lipsky seinen Redakteur in James Ponsoldts Film "The End of the Tour". Die Frage ist rhetorisch gemeint, die Antwort lautet: null. "Das liegt vielleicht daran, dass der 'Rolling Stone' keine Schriftsteller interviewt", entgegnet der Redakteur schnippisch. Es gebe in jeder Generation aber auch nur einen Schriftsteller wie diesen, meint Lipsky und knallt ihm einen Artikel über David Foster Wallace auf den Schreibtisch. "Lass mich die Geschichte machen!"

Es ist fraglich, ob der "Rolling Stone", der in der Vergangenheit selbst einige talentierte Popautoren beschäftigte, einen herausragenden Schriftsteller wie Wallace damals wirklich übersehen hat. (Lipsky schrieb später, dass die Idee für das Porträt auf "Rolling Stone"-Herausgeber Jann Wenner zurückging). Unbestritten wurde David Foster Wallace mit seinem experimentellen Roman "Infinite Jest" (deutscher Titel: "Unendlicher Spaß") zum ersten Rockstar im nordamerikanischen Literaturbetrieb seit Douglas Coupland. Und was macht der "Rolling Stone" mit Rockstars (siehe Cameron Crowes "Almost Famous")? Er steckt sie mit seinen besten Schreibern in einen Tourbus. In diesem Fall eine Lesetour. Rock'n'Roll.

Zwischen Bewunderung und Neid

Ponsoldts Film handelt von dieser Begegnung am Ende von Wallaces landesweiter Lesetour mit "Infinite Jest". Seine Erinnerungen an die fünf Tage on the road mit Wallace im Jahre 1996 veröffentlichte Lipsky vierzehn Jahre später in dem Buch "Although of Course You End up Becoming Yourself". Der "Rolling Stone" hatte seinen Artikel damals dann doch abgelehnt. Nachdem sich Wallace 2008 umgebracht hatte, kramte Lipsky seine alten Interviewtapes wieder hervor.

Die Kritiken waren weitgehend positiv, doch viele Wallace-Fans bezichtigten ihn damals der Leichenfledderei und als einen Schriftsteller, dessen literarische Sternstunde schon eine Weile zurücklag, und der nun versuche, noch einmal auf Kosten eines deutlich begabteren Autors abzukassieren. "The End of the Tour" ist gegenüber solcher Kritik immun, auch weil Jesse Eisenberg ("The Social Network") seinen David Lipsky als sozial unverträgliches Nervenbündel spielt, dessen bloßer Anblick körperliches Unbehagen bereitet. In den Gesprächen, die er im Film mit Wallace (Jason Segel) führt, schwankt er zwischen Bewunderung und Neid, seinen eigenen Roman "Art Fair" drückt er dem berühmteren Kollegen zum Abschied in die Hand.

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  • The End of the Tour

    Regie: James Ponsoldt; Darsteller: Jesse Eisenberg, Jason Segel.

    DVD; 10,49 Euro.

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"The End of the Tour" ist ein Roadmovie, das zwischen seine zwei Protagonisten ähnlich viel Distanz bringt wie zwischen die Stationen ihrer gemeinsamen Reise. Lipskys nervöser Finger am Aufnahmeknopf löst bei Wallace eine Art Pawlowschen Reflex aus: Jeder Satz wird dreimal gewendet und hinterfragt, er verbringt viel Zeit damit, über das Verhältnis von Eigen- und Fremdwahrnehmung nachzudenken.

Jason Segel hat sich mit Wallaces Markenzeichen, Bandana und Nickelbrille, seiner Figur äußerlich angeeignet, aber irgendwie wirkt er auch in der Rolle des "Jahrhundertgenies" wie ein Charakter aus dem Repertoire seines einstigen Förderers Judd Apatow. Die Dialoge während langer Autofahrten durch verschneite Landschaften und in Wallaces Haus in der Einöde des amerikanischen Westens mäandern im Stil einer Bromantic Comedy. Lipsky und Wallace sind sich irgendwie sympathisch, aber ihre Gemeinsamkeiten beschränken sich letztlich darauf, dass sie sich als Autoren über ähnliche Fragen Gedanken machen - wenn auch letzterer auf deutlich verstiegenere Antworten kommt.

Unterschiedliche Literaten-Befindlichkeiten

Man sollte also keine tiefgründige Charakterstudie erwarten, dafür ist "The End of the Tour" - nicht nur gemessen an Wallaces Opus Magnum - zu konventionell erzählt. Aber Indie-Filmer Ponsoldt ("Smashed"), der zurzeit gerade Dave Eggers Bestseller "Der Kreis" verfilmt, gewährt rechtzeitig zum 20-jährigen Jubiläum von "Infinite Jest" einige humorige Einsichten in die Gedankenwelt eines literarischen Wunderkinds, dem die Begeisterung seiner Fans immer etwas suspekt war. Einmal gesteht Wallace, dass er Skrupel habe, seinen Ruhm für sexuelle Abenteuer mit weiblichen Fans auszunutzen. Lipsky beginnt hinter solchen banalen Äußerungen, ein Kalkül zu vermuten, mit dem Wallace seine intellektuelle Überlegenheit verbirgt.

Die komplizierte Dynamik zwischen den beiden Charakteren sorgt im Verlauf der Reise für Reibungen zwischen unterschiedlichen Literaten-Befindlichkeiten. Lipsky leidet unter einem Minderwertigkeitskomplex, während Wallace zunehmend paranoid wird. Im Kern dreht sich der Film um die Frage, was der Erfolg aus einem Menschen macht. Vom Hocker haut einen diese Erkenntnis nicht gerade. Aber als Fußnote unter ein kaum entschlüsseltes Schriftstellerleben ist "The End of the Tour", gerade weil er so unambitioniert wirkt, sympathischer als ein Großteil der hochgezüchteten Biopics, die jedes Jahr ins Oscar-Rennen geschickt werden.

Der Film ist seit dieser Woche als BluRay und DVD erhältlich.

Im Video: Der Trailer zu "The End of the Tour"

"The End of the Tour"

USA 2015

Regie: James Ponsoldt

Drehbuch: Donald Margulies

Darsteller: Jesse Eisenberg, Jason Segel, Anna Chlumsky, Joan Cusack, Mamie Gummer, Mickey Sumner

Verleih: Sony Pictures Germany

Produktion: Modern Man Films; Anonymous Content; Kilburn Media

Länge: 110 Minuten

FSK: 0 Jahre

Start: 17. März 2016

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