"The First Avenger: Civil War" Showdown unter Freunden

Man muss es ja nicht gleich Bürgerkrieg nennen, aber das Duell zwischen Iron Man und Captain America ist wirklich spektakulär - und macht aus "Civil War" unter der Hand den besseren Avengers-Film.

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Kurz bleibt Captain America (Chris Evans) stehen. Dann fängt er zögerlich an zu rennen - auf seinen Gegner zu, auf Iron Man ( Robert Downey junior ). Denn es hilft ja alles nichts: Wenn Iron Man einen dabei aufhalten will, die Welt vor einer Armee aus psychopathischen Auftragskillern zu schützen, dann muss man auch gegen einen geschätzten Avengers-Kollegen zum Angriff übergehen.

Und weil man sich dabei am besten Unterstützung holt, laufen nicht nur Captain America und Iron Man gegeneinander auf, sondern auch noch Hawkeye gegen Black Widow, Scarlet Witch gegen Vision, War Machine gegen Winder Soldier, Ant-Man gegen Black Panther und Falcon gegen Spider-Man. Daraus folgt dann das, wonach es klingt: die besten Action-Sequenzen des "Marvel Cinematic Universe" Phase 1, 2 und auch schon 3, denn die wird mit diesem Film eingeläutet.

Bis es zu dem sensationellen Showdown kommt, muss "The First Avenger: Civil War" allerdings einiges an Erzählstoff aufbringen. Es muss zu einem Avengers-Einsatz kommen, der so viele Zivilisten das Leben kostet, dass die Vereinten Nationen beschließen, das selbst ernannte Super-Sondereinsatzkommando mit einem völkerrechtlichen Abkommen unter ihre Kontrolle zu bringen. Daraus muss sich das Zerwürfnis unter den Avengers ergeben, denn Iron Man und Black Widow ( Scarlett Johansson ) sind dafür, ihre Einsätze künftig mit einem politischen Mandat legitimieren zu lassen, während Captain America und Falcon (Anthony Mackie) eben dies fürchten: durch die Einwilligung zu Handlangern politischer Interessen zu werden. Daraufhin muss wiederum die Lagerbildung erfolgen, in deren Zuge nicht nur alte Avengers rekrutiert werden, sondern mit Chadwick Boseman als Black Panther und Tom Holland als Spider-Man auch noch zwei neue Superhelden-Darsteller eingeführt werden.

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Dritter "Captain America"-Film: Avenger gegen Avenger

Mitunter fühlt es sich wie Arbeit an, wie die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely, die schon die Bücher für die ersten zwei "Captain America"-Filme verfasst haben und zurzeit an den nächsten zwei "Avengers"-Filmen schreiben, den "Bürgerkrieg" zwischen den Superhelden vorbereiten: Vorgeschichte um Vorgeschichte wird hier gewissenhaft zusammengetragen, ohne dass die größere Erzählung unmittelbar erkennbar würde.

Der Titelheld kommt zu kurz

Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass "Civil War" auf ein halbes Dutzend anderer Filme aus dem "Marvel Cinematic Universe" vorbereiten muss - unter anderem das Spider-Man-Reboot "Homecoming" (geplant für Juli 2017), den ersten "Black Panther"-Film (Frühjahr 2018) sowie die Avengers-Filme "Infinity War 1 + 2" (2018 und -19).

Die erzählerische Geschlossenheit, die den Vorgängerfilm "The Winter Soldier" auszeichnete, fehlt hier also, "Civil War" franst gezwungenermaßen aus. Das enttäuscht, denn "The Winter Soldier" hatte die Erwartungen an einen Captain-America-Film in verblüffende Höhen getrieben. Aus dem biederen Cap hatte der Film kurzerhand den tragischsten Helden des Marvel-Kosmos gemacht, so herzzerreißend schwer tat sich das Avengers-Urgestein mit seinem neuen Leben in der Gegenwart. Nachdem er ein halbes Jahrhundert im Kälteschlaf verbracht hatte, war seine große Liebe Peggy Carter zum Pflegefall gealtert und sein bester Freund Bucky zum Public Enemy No. 1 mutiert. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, brachen mit der Enttarnung von Hydra auch noch die Fundamente seiner politischen Überzeugung weg.

"Ich vertraue mehr auf Menschen denn auf Systeme - und bislang haben mich die Menschen selten enttäuscht", sagt Captain America folgerichtig im neuen Film. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem sein Antrieb wirklich verständlich wird - ausgerechnet der Titelheld kommt in diesem Film psychologisch zu kurz.

Aber am besten versteht man "Civil War" eh als dritten Avengers-Film, denn letztlich steht die Gruppendynamik unter den Rächern im Vordergrund. Und hier zeigen sich auch die wahren Qualitäten des Films, denn Avenger gegen Avenger - das bedeutet eigentlich Gut gegen Gut, also ein Kampf ohne echten Gegner. Die Russo-Brüder Joe und Anthony, die schon bei "The Winter Soldier" Regie geführt haben, wissen das jedoch bestens für ihre Zwecke zu nutzen.

Gestatten, neuer Spider-Man!

Zum einen entledigt sie der "Bürgerkrieg" von der mühsamen Pflicht, einen Bösewicht zum Endgegner aufzubauen (von denen bei Marvel eh alle bis auf Loki enttäuschten). Zum anderen lädt es die Duelle zwischen den Avengers mächtig auf, denn hier wird wirklich auf Augenhöhe gekämpft - und jeder Punch trifft potenziell den Richtigen. Auch wenn die Sympathien der Zuschauer von den Regisseuren letztlich auf ein Lager gelenkt werden, kann man sich so die meiste Zeit einfach nur an den furiosen Schlagabtauschen erfreuen.

Geschickt setzen die Russos dabei die neuen Superhelden ein, um die Dynamik innerhalb der verkrachten Heldentruppe voranzutreiben. Chadwick Boseman bringt als Black Panther eine neue lauernd-bedrohliche Ernsthaftigkeit mit ein, Tom Holland als Spider-Man lockert die Gruppe dagegen mit bubenhaftem Charme und viel zu viel aufgeregtem Geplapper während seines ersten Kampfes auf. Nach der Etablierung von Langeweiler Captain America als charismatischem Helden gelingt den Russo-Brüdern damit ein zweiter Geniestreich: Fast kann man schon wieder Interesse für eine Spider-Man-Neuauflage aufbringen.

Bei allem Held-gegen-Held-Wirrwarr hat "Civil War" auch noch eine Rahmenhandlung. Mit Helmut Zemo ( Daniel Brühl ) tritt eine Figur auf den Plan, die an wichtige Informationen aus dem Leben von Caps bestem Freund Bucky aka The Winter Soldier kommt. Viel hat Brühl dabei nicht zu spielen, doch seinen wenigen Szenen verleiht er entscheidendes Gewicht: Sein Zemo ist weniger tobender Gegner als eine perfide Kraft, die den Zusammenhalt unter den Avengers langsam zersetzt.

Ob sie ihr widerstehen können, ist eine rhetorische Frage - schließlich bestreiten die Avengers noch mindestens zwei gemeinsame Filme. Aber ob einen das noch interessiert? So ganz kann man sich nicht vorstellen, was nach "Civil War" noch kommen soll. Mehr Superhelden in einem einzigen Film geht nicht, und bessere Action auch nicht. Womöglich sollte man jetzt aus dem "Marvel Cinematic Universe" aussteigen - es wäre auf einem echten Höhepunkt.

Im Video: Der Trailer zu "The First Avenger: Civil War"

"The First Avenger: Civil War"

    USA 2016

    Regie: Anthony Russo, Joe Russo

    Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely

    Darsteller: Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Sebastian Stan, Anthony Mackie, Don Cheadle, Jeremy Renner, Chadwick Boseman, Paul Bettany, Elizabeth Olsen, Paul Rudd, Tom Holland, Frank Grillo

    Produktion: Marvel Studios, Marvel Entertainment, The Walt Disney Company France, Vita-Ray Productions LLC

    Verleih: Walt Disney Germany

    Länge: 148 Minuten

    Start: 28. April 2016

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