Eastwood-Film "Jersey Boys" Frankie und die Fönwellenfrauen

Songs wie "Big Girls Don't Cry" machten die Four Seasons in den Fünfzigern groß - dann stolperten sie über Mafia-Verbindungen. Ein Musical über das Drama der "Jersey Boys" war bereits ein Broadway-Hit. Jetzt startet Clint Eastwoods Filmadaption.


Eigentlich habe er sich "Frankie Valley" nennen wollen. "Valley mit einem Ypsilon", tönt der dunkelhaarige Typ gegenüber seiner Begleitung, mit der er in einer Milchbar in New Jersey sitzt. Die Frau gibt sich unbeeindruckt: "Ypsilon ist ein Scheißbuchstabe. Du brauchst einen richtigen Vokal am Ende. Wir sind Italiener!"

Dass seine designierte Ex-Frau dem Sänger Frankie Valli, der als Frances Castellucio in Newark, New Jersey, geboren wurde, seinen Künstlernamen verpasst, ist eine typische Biopic-Anekdote. Filmporträts über Musiker und Bands gehören zur US-amerikanischen Film-Kernkompetenz: Nirgends lassen sich Historie und Entertainment so wunderbar und weitgehend schmerzfrei (und damit massenkompatibel) verbinden wie in einem auf Tatsachen beruhenden Film über die Größen der amerikanischen Unterhaltungsmusik.

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Biopic "Jersey Boys": Oldtimer, Kunstnebel, Model-Make-up

Der Jazzliebhaber, Hobbymusiker, Schauspieler und Regisseur Clint Eastwood hatte mit einem Film über den Altsaxofonisten Charlie Parker bereits 1988 seiner Leidenschaft gefrönt: In "Bird" erzählte er sensibel vom gigantischen Talent und den ebenso gigantischen privaten und drogeninduzierten Problemen des einflussreichsten aller Saxofonisten.

Für "Jersey Boys" adaptierte Eastwood nun das gleichnamige Musical über Frankie Vallis Band Four Seasons, das 2005 am Broadway uraufgeführt und 2006 mit vier Tony Awards ausgezeichnet wurde. Sein Film kommt am Donnerstag in die Kinos.

Aus dem Armtsviertel an die Spitze

Frankie Valli, das bekannteste Mitglied der Four Seasons, lebte in dem an New York grenzenden Bundesstaat New Jersey. Dort machten italienischstämmige Einwohner die größte Gruppe der Zuwanderer aus. Anfang der Fünfzigerjahre bewegte sich Valli in den üblichen Teenager-Bahnen dieser Zeit: Zwischen seinem Job im Friseursalon, in dem er die Bekanntschaft des lokalen Mafiapaten (Christopher Walken) machte, ein paar Einbrüchen mit seinen Jungs und dem Versuch, als Musikstar aus dem Viertel herauszukommen wie einst Frank Sinatra, das große Vorbild aller "Jersey Boys".

Eastwood lässt sich viel Zeit, die Vorgeschichte der Four Seasons, aus deren Doo-Wop-Arrangements Vallis einzigartiges Falsett stets hervorstach, aufzublättern - und zu erzählen, wie die Gruppe erst durch die Bekanntschaft mit dem außergewöhnlichen Songwriter Bob Gaudio (Erich Bergen) mit Hits wie "Sherry", "Walk Like a Man" und "Big Girls Don't Cry" zu ihrer Form fand.

Er hat sich zudem entschlossen, nicht - wie ansonsten im Musical üblich - Songs als Handlungsträger oder Handlungsillustrationen einzusetzen, sondern baut die Lieder nur dann ein, wenn die Band tatsächlich auf der Bühne oder im Aufnahmestudio zusammenkommt. Wie im Bühnenstück lässt er jedoch wechselnde Bandmitglieder (alle außer Valli selbst) in die Kamera und zum Zuschauer sprechen und die Ereignisse kommentieren und erklären.

Der eigentliche Plot des Films, der vom noch höchst fidelen Valli selbst mitproduziert wurde, unterscheidet sich jedoch nur wenig vom am Reißbrett konstruierten Durchschnitts-Biopic: Junge Band will aus dem Armutsviertel heraus, ein findiger Produzent (Mike Doyle als schmissig-homosexueller Plattenboss Bob Crewe) fordert den "eigenen Sound" ein, die Band schafft es bis an die Spitze.

Stark ausgeleuchtete Oldieshow

Dann gibt es private Probleme (in diesem Fall wegen der halbkriminellen Machenschaften des von Vincent Piazza gespielten Bandleaders Tommy DeVito, der einem Unterweltler horrende Summen schuldet), und alles droht den Bach runterzugehen. Doch mit dem richtigen Hit zur richtigen Zeit (hier das für Valli die Rettung bedeutende "Can't Take My Eyes off You") kriegt man die Kurve - inklusive Versöhnung mit der Tochter, um die sich Valli eigentlich nie gekümmert hat.

Schon dem ansonsten hervorragenden "Bird" konnte man ein merkwürdiges Verhaftetsein in der Produktions- anstatt der Handlungszeit vorwerfen: Man sah dem in den Vierzigern und Fünfzigern spielenden Film stets stark die Achtziger an. Ebenso wirkt auch "Jersey Boys" trotz teilweise von der Musicalbühne übernommener, musikalisch und darstellerisch tadelloser Schauspieler wie eine Fernsehwerbung für einen Oldiesampler - eben nicht wirklich authentisch. Mit ein paar Accessoires möchte man eine ganze Ära evozieren: Saubere Oldtimer schieben sich durch kulissenartige Straßenszenen, der Rauch in der Kneipe sieht aus wie von einer Nebelmaschine eingeblasen. Atmosphärisch besonders schwach wirken Maske und Kostüme der Frauenfiguren, die mit ihrem frisch geföhnten Beyoncé-Big Hair, dem Supermodel-Make-up und den gleichförmigen Gesichtern und Figuren auch jeden Beauty Contest gewännen.

Musikalisch sind zwar die lang ausgespielten Songs ein Genuss, der Rest der Filmmusik plätschert dagegen eher flach und mit einem wie aus einem Neunziger-Jahre-Soundkatalog gepulten Bassdrumkick durch die Geschichte. Dabei war daran - neben Eastwoods Musikersohn Kyle - der Original-"Fours Seasons"-Songwriter Gaudio selbst beteiligt.

Eastwood scheut zudem jegliche kritischen Untertöne und zeigt alle Darsteller als "Ersguterjunge": allen voran Valli, der die Schulden seines alten Kumpels Tommy übernimmt, weil der ihn ja einst "von der Straße geholt" hatte. Das wirkt angesichts der doch recht braven Vallischen Familiensituation als Motiv ein wenig unausgegoren. Und dass Frauen ausschließlich als eroberungswürdige Deko stattfinden, spiegelt zwar eine prüde und oberflächliche Fünfzigerjahre-Haltung. Aber in einem 2014 erscheinenden Film, der diese Zeit retrospektiv behandelt, könnte man genau diese Haltung in der Konstruktion der Figuren doch durchaus brechen, und sie damit einem modernen Publikum bewusst machen. So wirkt der Film in seiner Aussage altmodischer als er sein müsste.

Jersey Boys

    USA 2014

    Sprache: Englisch

    Regie: Clint Eastwood

    Buch: Marshall Brickman, Rick Elice

    Darsteller: John Lloyd Young, Vincent Piazza, Christopher Walken, Erich Bergen, Mike Doyle

    Produktion: GK Films/Warner Bros.

    Verleih: Warner Bros.

    Länge: 134 Minuten

    Start: 31. Juli 2014

  • Offizielle Website zum Film

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grabowa 31.07.2014
1. Video
Das Video ist ja total witzig: a capella? Nö. Und "statisch"? Wir befinden uns in den 60ern. Epileptische Zitteraalzuckungen in fragwürdiger Garderobe kamen später auf.
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