Globales Publikum Hollywood schmiedet Kino-Allianz mit China

Chinesische und US-Filmkonzerne wollen gemeinsam das große Geld machen: Produktionen wie "The Great Wall" mit Matt Damon sollen beide Milliardenmärkte erschließen. Dafür sind auch Kompromisse mit den Zensoren nötig.

Universal Pictures

Von Nina Rehfeld


Wenn in dieser Woche mit "The Great Wall" Matt Damons neuer Actionfilm in die Kinos kommt, markiert dies auch einen Meilenstein in der komplizierten Partnerschaft zwischen China und Hollywood. Erstmals macht hier Chinas Mann fürs Opulente, Zhang Yimou ("Hero", "House of Flying Daggers"), einen englischsprachigen Film. Erstmals kommt ein Hollywood-Blockbuster in die Kinos, der vollständig in China gedreht wurde und eine vorwiegend chinesische Besetzung hat. Und erstmals erreicht eine amerikanisch-chinesische Co-Produktion solche Ausmaße: Mehr als 150 Millionen Dollar hat "The Great Wall" verschlungen.

China gilt den Studiobossen und Filmmoguln in Hollywood seit Jahren als gelobtes Land. Schon jetzt machen Hollywoods Studios 70 Prozent ihrer Umsätze in Übersee, wobei China den Schlüsselmarkt der Zukunft darstellt. Denn das Land verfügt selbst über einen enormen Kinobinnenmarkt, der bis Ende 2017 Prognosen zufolge zum größten der Welt heranwachsen und dann auch die bisher dominanten Amerikaner (Boxoffice 2015: elf Milliarden Dollar) in den Schatten stellen wird.

In Hollywood ist manchen angesichts des auszuschöpfenden Potenzials ganz kribbelig: 48,7 Prozent wuchs der chinesische Filmmarkt allein in 2015, und das, obwohl weder die Verbreitung von Leinwänden noch der Besucheranteil bisher annähernd an die amerikanischen Verhältnisse heranreichen, wie Jim Gianopulos, vormaliger Vorstand von Fox Filmed Entertainment, bei einer Podiumsdiskussion im April in Beverly Hills anmerkte. Es gebe hier "enormes Potenzial", so Gianopulos.

Anbiederung oder Annäherung?

Es herrscht also Goldgräberstimmung in Hollywood - aber noch sucht man nach Wegen, die hier lagernden Reichtümer optimal auszuschöpfen. 2015 wurden am chinesischen Boxoffice 6,78 Milliarden Dollar umgesetzt. Mehr als ein Drittel der Einnahmen stammten aus amerikanischen Filmen. Das klingt enorm - ist aber ein Rückgang, denn 2014 lag der amerikanische Anteil noch bei satten 45,5 Prozent.

Wie hoch der jeweils ausfällt, darüber entscheidet die chinesische Medienbehörde SARFT, die Radio, Fernsehen, Film und Internet überwacht. Sie setzt fest, wie viele ausländische Filme pro Jahr in China starten dürfen - zurzeit sind es 34 pro Jahr - und behält sich auch die Hoheit über die Programmierung dieser Filme vor. Und sie setzt scharfe Zensurbestimmungen durch, welche die Förderung konfuzianischer Werte, politischer Stabilität und sozialer Harmonie verlangen sowie Sex, Gewalt, Drogen und Alkohol tabuisieren.

In der Comic-Adaption "Doctor Strange" wurde die Figur des "Ancient One" (gespielt von Tilda Swinton) von einem tibetischen Mann in eine keltische Frau umgewandelt, um Chinas Zensoren nicht zu provozieren
Disney/ Marvel

In der Comic-Adaption "Doctor Strange" wurde die Figur des "Ancient One" (gespielt von Tilda Swinton) von einem tibetischen Mann in eine keltische Frau umgewandelt, um Chinas Zensoren nicht zu provozieren

Die bloße Ausdehnung von Hollywood ins Reich der Mitte ist daher ein ziemlich schwieriger Drahtseilakt. Bisher spielt man dort vor allem über Bande mit - so adaptierte Fox seinen Hit "Bride Wars" erfolgreich für den chinesischen Markt, und Alibaba plant ein Remake von "Nachts im Museum". "Iron Man 3" wurde in China in einer Version veröffentlicht, die chinesische Alibi-Figuren und Nebenstorys beinhaltete (Stark wird von einem chinesischen Arzt gerettet). Der "Star Wars"-Ableger "Rogue One" macht sich mit den chinesischen Superstars Donnie Yen und Jiang Wen in der Besetzung beliebt, und die Fortsetzung von "Die Unfassbaren", der in Übersee doppelt soviel einspielte wie am heimischen US-Boxoffice, biederte sich mit dem chinesischen Regisseur Jon Chu und dem taiwanischen Star Jay Chou und der Location Macau an.

Aber für die Zukunft stellt sich die Frage, inwiefern China Lektionen aus Hollywood zum Filmemachen für ein weltweites Publikum mitnehmen und inwieweit Hollywood Filme für einen enormen chinesischen Markt hervorbringen kann. Das gab der Banker Dominic Ng von der chinesischen East West Bank zu bedenken, der als Schlüsselfigur in den Finanzdeals zwischen Hollywood und China gilt.

Erzählen für ein globales Publikum

Bislang allerdings biss man sich an der Konstruktion von Geschichten die Zähne aus, die "kulturspezifische Filmsyntax und Erzählstrukturen weltweit zu übersetzen vermögen", wie Bob Simonds bemerkte, dessen Studio STX Entertainment 2015 mit der chinesischen Produktionsfirma Huayi Bros. einen Co-Produktionsdeal über Dutzende von Projekten abschloss. "The Great Wall", ein Stück über eine Handvoll Europäer, die gemeinsam mit der chinesischen Armee während der Song-Dynastie entsetzliche Monster an der chinesischen Mauer bekämpfen, gilt vielen als Prototyp eines solchen kulturübergreifenden Blockbusters.

Chinas Auslandsfilm-Quote wird im Februar neu verhandelt und soll voraussichtlich auf 44 erweitert werden; allerdings hat China für diese Erweiterung vor allem Arthouse-Filme im Blick, die den heimischen Markt weit weniger unter Druck setzen als Hollywoods Mega-Blockbuster. Denn China kann zwar auf erzählerischem und ästhetischem Niveau mit Hollywood konkurrieren - nicht aber im Hinblick auf die bombastischen Effekte, die als Lockmittel für die Massen gelten.

Regisseur Zhang Yimou bei den Dreharbeiten zu "The Great Wall"
Universal Pictures

Regisseur Zhang Yimou bei den Dreharbeiten zu "The Great Wall"

Zhang Yimou, der Regisseur von "The Great Wall", überbrückt diese Kluft insofern, als dass seine Filme wie "Raise the Red Lantern" oder "Hero" zwar Preise auf internationalen Filmfestivals abräumen, zugleich aber in ihrer optischen Opulenz an Hollywoods Vorliebe fürs visuelle Spektakel appellieren. Seine größte Herausforderung sei gewesen, den Film nicht nur für ein chinesisches Publikum, sondern für Zuschauer weltweit ansprechend zu machen, sagte Zhang, der kein Englisch spricht, auf einer Pressekonferenz im vergangenen Sommer. "Wenn dieser Film Erfolg hat, könnte sich ein ganz neuer Raum für amerikanisch-chinesische Co-Produktionen eröffnen, und andere Formen der Zusammenarbeit inspirieren", so Zhang.

Längst haben Hollywoods Größte strategische Partnerschaften geschlossen, um sich den chinesischen Markt besser erschließen zu können. Steven Spielbergs Amblin Partners gab im Oktober eine Partnerschaft mit dem chinesischen Konzern Alibaba bekannt, die Amblin den Vertrieb seiner Produkte auf dem chinesischen Markt erleichtern und Alibaba die Tür zu Hollywoods Studios öffnen soll.

Investitionen in Kinos, Studios und Galas

Bereits 2015 rief Warner Bros. mit Flagship Entertainment ein Joint Venture mit China Media Capital ins Leben und kündigte unter anderem ein chinesisches Remake von "Miss Undercover" an. Perfect World Picture, der Filmzweig von einem der größten Videospielproduzenten Chinas, stellte Investitionen von 500 Millionen Dollar in fünfzig Filme der Universal Studios in Aussicht. Und der Milliardär Wang Jianlin, der als reichster Mann Chinas gilt und Chinas Mega-Konglomerat Dalian Wanda vorsteht, macht kein Geheimnis aus seinem Wunsch, eines der großen Hollywoodstudios kaufen zu wollen.

"The Great Wall": Kurzkritik
  • Universal Pictures
    Ein bisschen "Herr der Ringe", ein bisschen "Robin Hood": "The Great Wall", das neue Fantasy-Spektakel von Chinas Michael Bay Zhang Yimou ("Hero") versucht sich auf Basis eines von namhaften US-Autoren verfassten Skripts am Brückenschlag zwischen Hollywood und Chinas wachsendem Kinomarkt: Matt Damon spielt einen westlichen Söldner, der im Land der Mitte das sagenumwobene Schwarzpulver ergaunern will. An der Großen Mauer gerät er in einen uralten Konflikt zwischen Chinas edelsten Kriegern und einer Armee widerlicher grüner Alien-Bestien, die mit ihren Reißmäulern alles verschlingen, was sich ihnen in den Weg stellt. Fasziniert von einer so wagemutigen wie schönen Generalin (Tian Jing), lernt das Bogenschützen-Ass aus dem Westen, dass Habgier nicht alles ist, sondern wahrer Reichtum im Kollektiv und im Vertrauen in eine gemeinsame Sache liegt. So beeindruckt die Schlacht an der chinesischen Firewall weniger durch monströse Schauwerte als durch ihr Propaganda-Getöse. Andreas Borcholte

Wang hat bereits enormen Einfluss auf dem amerikanischen Filmmarkt: "The Great Wall" wurde von Legendary East, dem Hongkonger Zweig von Legendary Entertainment ("The Dark Knight", "The Hangover") produziert, das im vergangenen Jahr für 3,5 Milliarden Dollar von Wanda geschluckt wurde. Wanda gebietet unter anderem über ein Imperium von Hotels, Einkaufszentren und Unterhaltungskonzernen und betreibt neben Chinas größter Kinokette auch die AMC- und Carmike-Filmtheater in den USA. Damit ist der chinesische Konzern auch amerikanischer Branchenführer.

Außerdem ist ein Marketing-Deal mit Sony Pictures, das Wanda zu Kapitalbeteiligungen in kommenden Sony-Blockbustern berechtigt, bereits in trockenen Tüchern. Sogar in Hollywoods großen Gala-Shows mischt Wang inzwischen mit: Für eine Milliarde Dollar hat Wanda im November Dick Clark Productions gekauft, die unter anderem die Golden Globes produzieren.

Im Video: Der Trailer zu "The Great Wall"

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Aber dem Schulterschluss zwischen Hollywood und China könnte auch eine neue politische Stimmung in den USA im Weg stehen. Im September pochten 16 Mitglieder des Abgeordnetenhauses darauf, chinesische Investitionen in der amerikanischen Filmindustrie genauer zu überprüfen, und der designierte US-Präsident Donald Trump stellte recht ungeniert einen Handelskrieg mit China in Aussicht. Soeben hat er einen scharfen Chinakritiker zum Vorsitzenden seines Nationalen Handelsrates ernannt. Wanda-Chef Wang Jianlin ließ Trump kürzlich über Chris Dodd, den Vorsitzenden der Motion Picture Association of America (MPAA), die Botschaft zukommen, dass etwaige Bestrebungen, chinesische Investitionen in den USA zu beschränken, die Jobs von 20.000 Amerikanern gefährden könnte.

Unterdessen befürchten Branchenexperten, dass Hollywoods Liebesaffäre mit China auch neue Maßstäbe für den amerikanischen Film setzen könnte. So mahnte die "Los Angeles Times" im Oktober unter der Überschrift "Hollywoods gefährliche Besessenheit mit China", Hollywoods Autoren müssten sich womöglich schon bald den Anforderungen der chinesischen Zensurbehörden beugen, um einem Blockbuster den dortigen Marktauftritt zu ermöglichen.

"Schon jetzt kann kein Film mehr Kassenrekorde brechen, wenn er nicht in China gezeigt wird, und er kann nicht in China gezeigt werden, wenn er nicht von Pekings Zensoren abgenommen wird", schrieb die "Times". Wohl nicht zufällig rette China im Kino mittlerweile die Welt, so die Zeitung mit Verweis auf "2012" und "Der Marsianer". chinakritische Filme dagegen wie "Sieben Jahre in Tibet" oder "Kundun" sehe man schon seit Langem nicht mehr.



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qex 10.01.2017
1. Bitte nicht
Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass Hollywood den Großteil der Welt mit hochgezüchteten 0815 Blockbustern überschwemmt, und damit ihrem eigenen Markt und Anderen jede Chance auf echten Ausdruck nimmt... jetzt breitet sich diese stumpfe Art Filme zu machen auch noch aus.
bluemetal 10.01.2017
2. Eigentliches Problem
Das größte Problem, das der Author politiscj korrekt verschweigt ist, dass die wenigsten Europäer oder Amerikaner einen Film mit nur oder überwiegend Asiastischen Darstellern überhaupt erst sehen wollen: Denn man kann sich mit den Protagonisten schwerer identifizieren und tut sich anthropologisch bewiesen schwer deren Gesichter zu lesen oder auseinander zu halten. Die oftmals übertriebene schauspielerische Theatralik tut ihr übriges und ist nicht wirklich jedermanns Geschmack.
sabrina1111 10.01.2017
3. Zensur? Kommt die nicht aus Trump-Land?
Vielen Dank für den interessanten Beitrag - nur das Zensur-Thema ist langsam doch ein alter Schuh, zumal in den USA gerade der Twitter-Zensor par excellence an die Macht kommt, die Medien beschneidet, internationalen Handel diktieren will usw. Und Todesstrafe haben die Staaten sowieso. Also wenn schon Rede von Zensoren, dann bitte auch gleichmäßig verteilen! In den USA retten die Filmstars jawohl schon länger die Welt - und keinen hatten hat es gestört.
mariomeyer 10.01.2017
4. @bluemetal #1
Na, da haben wir wohl den Text nicht richtig verstanden, was? Es geht darum, dass Hollywood-Blockbuster sinisiert werden, so dass sie den Zensoren genehm sind und in China gezeigt werden dürfen. Das bedeutet, dass nicht mehr rein US-amerikanische Werte propagiert werden, sondern tendenziell volksrepublikanische. Somit breiten sich also nicht die uns seit Jahrzehnten vertrauen Filmchen weiter aus, sondern sie werden mit einer Prise regime-konformem Mist angereichert, auf dass wir alle in den Genuss rotchinesischer Propaganda kommen. Ich will gar nicht wissen, wo das hinführt. Ich stelle mir aber schon die Frage, ob Hollywood zu ähnlichen Kompromissen bereit wäre, wenn die NSDAP auch heute noch Europa unterjochen würde. Wahrscheinlich. Für Geld macht man in Hollywood offenbar alles. Anmerken möchte ich außerdem noch, dass ich mich erinnern kann, vor ein paar Wochen hier bei SpOn gelesen zu haben, dass sich der Kinomarkt in China letztes Jahr leicht rückläufig entwickelt hat. Somit müsste man das große Potential des Marktes vielleicht ein Stück weit nüchterner betrachten.
winterwoods 10.01.2017
5. Unsinn
Dass Westler keine Filme mit asiatischen Protagonisten sehen möchten, ist unsinnig: Seit Jahren schon erfreuen sich viele Filme dieser Machart großer Beliebtheit und gewinnen immer mehr Fans: Hero, The Raid, Tiger & Dragon, Fearless, Ip Man uva. uva. - wobei sich das chin. Kino nun von seinen Martial Arts-Fundamenten endlich zu lösen beginnt. Ganz besonders unsinnig: Die fast schon AfD-hafte Kommentar-Bemerkung, Westler könnten asiatische Gesichter nicht lesen - als Mensch, der schon viel auf dieser Welt unterwegs war, kann ich getrost sagen: Solche Behauptungen gehören in die Märchenbücher. Gerade das Gesicht ist die wahre Universalsprache - da wir in Wahrheit alle gleich fühlen. Aber zurück zum asiatischen Film: Gerade in den letzten Jahren hat er unglaubliche ästhetische Wucht entwickelt - eine Schönheit voll unglaublicher Kraft und Farbintensität (was er mit Bollywood gemein hat). Gerade hier spielt der asiatische Film seine bisher größte Stärke aus - in der ästhetischen Wucht, wobei Ästhetik hier eben nicht nur explodierende Stadtviertel sondern unglaublich geniale Farbkompositionen und märchenhafte Kulissen udn Szenarien meint - Hollywood wird es schwer haben, hier in Zukunft mit zu halten. Eine weitere Stärke des asiatischen bzw. vor allem chinesischen Kinos: Die moralische Kraft - durch die konfuzianischen Werte wird diese nämlich noch lebendig gehalten, was sich in den Filmen widerspiegelt - während westliche Filme immer mehr den Zerfall und die Dekadenz widerspiegeln (Bandenwesen, abgehalfterte Helden, Hoffnungslosigkeit, Zombie-Filme etc.).
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