Doku-Thriller "The Green Prince" Mein Leben als Verräter

Er verriet seine Leute, um das Töten zu beenden: Der Sohn eines Hamas-Führers spionierte für den israelischen Geheimdienst. Der packende Film "The Green Prince" erzählt die abenteuerliche Geschichte von Mosab Hassan Yousef.

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"Mit Israel zu kollaborieren, ist die größte Schande, die du in meiner Kultur auf dich laden kannst", sagt der nur schemenhaft zu erkennende Mann in einem abgedunkelten Raum. Seine eigene Mutter zu vergewaltigen, sei nichts dagegen.

Dann fällt Licht auf das Gesicht des Palästinensers Mosab Hassan Yousef, ein freundlich aussehender Mittdreißiger mit großen dunklen Augen, markanten Brauen, sinnlichem Mund. Fast zehn Jahre hat er für den israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet spioniert, hat Familie und Freunde verraten - und zahlreiche Anschläge auf Israel verhindert. Hinzu kommt: Yousef ist der Sohn von Scheich Hassan Yousef, einem der Gründer der Hamas und einer ihrer wichtigsten Anführer im Westjordanland.

Seine beeindruckende Geschichte erzählt er - im Wechsel mit seinem damaligen Führungsoffizier beim Schin Bet - in Nadav Schirmans preisgekröntem Doku-Thriller "The Green Prince", der jetzt in der englischen Originalversion mit Untertiteln ins Kino kommt.

Und erzählen kann er.

Eindringlich spricht er in die Kamera, berichtet davon, wie er 1996 als 17-Jähriger versuchte, Waffen zu kaufen, um sich an den israelischen Soldaten zu rächen, die seinen Vater verschleppt hatten. Wie er dabei von den Israelis verhaftet wurde. Wie er unter Folter, zunächst zum Schein, dann aber aus freien Stücken kollaboriert habe, nicht mehr wissend, wer schlimmer war: Die Israelis oder die Hamas. Weil er Leben retten wollte.

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Doku-Thriller "The Green Prince": Zwei professionelle Lügner berichten
Geringfügig anders klingt das bei Yousefs damaligem israelischen Führungsoffizier Gonen Ben Itzhak. Der Fachmann für das Anwerben von Feinden, der stets einen wohlwollenden Gleichmut ausstrahlt, sei sich von Anfang an sicher gewesen, dass es bei Yousef klappen würde. Man müsse eben Schwächen und Bedürfnisse des Gegenübers herausfinden und ausnutzen.

Eben noch Spion, jetzt Terrorismusverdächtiger

Was folgt, klingt wie aus einem Agentenroman: Sein nichts ahnender Vater macht Yousef zum Assistenten, schnell wird der junge Spion so zum wertvollsten Informanten für die Israelis. Seine Arbeit führt zu Verhaftungen von Hamas-Kadern und verhindert zahlreiche Selbstmordattentate. Damit ihr Schützling nicht auffliegt, schickt der Geheimdienst ihn mehrfach ins Gefängnis, inszeniert sogar eine groß angelegte Razzia, bei der sein Elternhaus in Schutt und Asche gelegt wird.

"The Green Prince" - eine deutsch-israelisch-britische Co-Produktion, die Yousefs Decknamen zum Titel hat - erlaubt einen flüchtigen Blick hinter die Kulissen des Nahostkonflikts. Doch das eigentlich Bewegende an dem Film ist die Geschichte zweier Menschen, ehemaliger Feinde, die, während sie eine Welt aus Lügen und Betrug erschaffen, lernen, einander zu vertrauen. Itzhak mutiert zum väterlichen Freund, dessen Verantwortungsgefühl ihn so weit bringt, seinen Job zu riskieren.

Wie weit ihre Freundschaft geht, zeigt sich Jahre später. Der zum Christentum konvertierte Yousef hat sich inzwischen in die USA abgesetzt, soll dort aber als potenzieller Terrorist abgeschoben werden - was einem Todesurteil gleichkommt. Itzhak, mittlerweile Anwalt in Tel Aviv, eilt zur Rettung in die Staaten und bestätigt Yousefs obskure Spionagegeschichte - und setzt dabei sein eigenes Leben aufs Spiel.

Regisseur Schirman widmet sich nach "Der Champagner-Spion" (2008) und "In the Dark Room" (2013) bereits zum dritten Mal einer zwischenmenschlichen Beziehung im Kontext von Geheimdienst und Terror. Dieses Mal verarbeitet der in Frankfurt lebende Israeli den Stoff aber wesentlich konsequenter zu einem geradlinigen Thriller.

Und weil alles nur auf zwei "Talking Heads" basiert und Archivmaterial Mangelware war, drehte er ordentlich nach. So werden nachgespielte Szenen, Wackelkamera-Aufnahmen oder Bilder aus einer Art Drohnenperspektive zur Emotionalisierung in die Monologsequenzen geschnitten. Nicht immer ist klar zu unterscheiden, welche Aufnahmen authentisch sind. Eine effektvolle Ausleuchtung der beiden Figuren und ein immer wieder bedrohlich anschwellender Ton sorgen zusätzlich für Suspense.

Zugunsten der Dramatik verzichtet Schirman allerdings auf Nachfragen oder allzu große Komplexität. Yousef und Itzhak erzählen unwidersprochen ihre Version. Und auch wenn die Geschichte im Großen und Ganzen stimmt, so hat es doch zumindest bei Yousef mitunter den Anschein, als neige er in seiner Erzählfreude zur Ausschmückung und lasse sich selbst stets in gutem Licht dastehen. Dass Yousef auch Gefallen an seinem gefährlichen Job fand und an der Bedeutung, die ihm die Israelis beimaßen, wie sein Buch "Sohn der Hamas", auf dem der Film basiert, nahelegt, ist höchstens zu erahnen.

Und so bleibt einem nichts übrig, als gespannt an den Lippen von Yousef und Itzhak zu hängen, während im Kopf die Frage herumspukt: Wer wäre eigentlich besser in der Lage, uns etwas vorzumachen, als ein Ex-Spion und ein Ex-Geheimdienstler?

The Green Prince

    Deutschland, Israel, Großbritannien 2014

    Buch und Regie: Nadav Schirman

    Mit: Mosab Hassan Yousef, Gonen Ben Yitzhak

    Produktion: A List Films, Telepool, Passion Pictures Limited, Red Box Films

    Verleih: Rapid Eye Movies

    Länge: 95 Minuten

    Start: 27. November 2014

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
SanchosPanza 27.11.2014
1. Spannend!
Spannende Geschichte, habe das Buch schon bestellt. Vielen Dank für diesen Hinweis!
Freischärler 27.11.2014
2. Man faßt es nicht
Das Thema dieses "packenden Films" hätte man eher als Anknüpfung an Gestapo-Zeiten erwartet.Einfach widerlich!
olivervöl 27.11.2014
3. Nicht überprüfbar
Wie bei anderen Geheimdienst-Geschichten auch ist diese Story kaum verifizierbar. Es kann stimmen, oder auch nicht. Kann jemand, der vom israelischen Geheimdienst gefoltert wurde und dessen Leben heute von dessen Schutz abhängt, die volle Wahrheit berichten? Das würde mich doch sehr wundern.
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