"The Hateful 8"-Stars im Interview "Wahnsinn, was da alles passiert!"

Sieben Männer und eine Frau - in seinem Western "The Hateful 8" entwirft Quentin Tarantino ein brutales Abbild der US-Gesellschaft. Hier erklären der Regisseur und seine Hauptdarstellerin, warum es sich lohnt, den Film gleich mehrmals anzusehen.

  Schauspielerin Leigh, Regisseur Tarantino (in Berlin): "Wir lieben Dich alle sehr, Quentin!"
AFP

Schauspielerin Leigh, Regisseur Tarantino (in Berlin): "Wir lieben Dich alle sehr, Quentin!"

Ein Interview von


Zur Person
Quentin Tarantino, 1963 in Knoxville, Tennessee geboren, ist einer der einflussreichsten US-Filmregisseure der letzten 20 Jahre. Zu seinen größten Erfolgen zählen "Pulp Fiction", "Inglourious Basterds" und "Django Unchained". "The Hateful 8" ist sein achter Film.

Jennifer Jason Leigh, 1962 in Hollywood geboren, wurde in den Achtziger- und Neunzigerjahren mit Filmen wie "Heart of Midnight", "Letzte Ausfahrt Brooklyn" und "Weiblich, ledig, jung sucht..." zur gefragten Charakterdarstellerin. Für ihre Rolle in "The Hateful 8" ist sie erstmals für einen Oscar nominiert.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Tarantino, woher wussten Sie, dass Jennifer Jason Leigh die richtige Besetzung für die Rolle der Daisy Domergue in "The Hateful 8" ist? (Unsere Filmkritik lesen Sie hier)

Tarantino: Das war ziemlich interessant! Als wir mit dem Casting anfingen, fühlte es sich plötzlich an, als würden wir eine Neuauflage von "Reservoir Dogs" im Wilden Westen machen, eine Art Rückfall in die Neunziger. Auch die männlichen Darsteller, die ich bis dahin gecastet hatte, waren ja in dieser Zeit groß oder bekannt geworden. Da war mir klar, dass auch die Darstellerin der Daisy aus diesem Jahrzehnt stammen musste. Sie durfte da keine Außenseiterin sein, es musste sich so anfühlen, als hätten diese Charaktere auch schon vor 15 oder 20 Jahren ein gemeinsames Abenteuer erleben können.

SPIEGEL ONLINE: Die Rolle war heiß begehrt in Hollywood. Angeblich war neben Hilary Swank und Robin Wright auch Jennifer Lawrence kurzzeitig im Gespräch…

Tarantino: Ja, aber dann kam Jennifer Jason Leigh zu den Auditions und las aus dem Skript. Das ist ja bei dieser Rolle keine einfache Sache, man konnte nicht einfach nur eine Szene lesen, man musste gleich den Charakter als Ganzes darstellen. Jennifer erinnerte mich sofort daran, was für eine kompromisslose Schauspielerin sie ist. Ich veranstaltete daraufhin ein privates Jennifer-Jason-Leigh-Festival und guckte mir noch einmal alle ihre Filme an, von "Heart of Midnight" bis "Mrs. Parker". Kann ich nur jedem empfehlen! Sie ist eine tolle Charakterdarstellerin und in der Lage, den ganz großen Auftritt abzuliefern. Und genau das brauchte ich für Daisy.

SPIEGEL ONLINE: Mrs. Leigh, Sie haben offensichtlich alles richtig gemacht. Wie sind Sie diese schwierige Rolle angegangen?

Leigh: Ich war schon begeistert, dass ich überhaupt zum Vorsprechen gehen durfte. Niemand schreibt solche fantastischen Frauenrollen wie Quentin Tarantino, es macht großen Spaß, sie sich anzusehen. Noch besser ist es natürlich, selbst eine von ihnen spielen zu dürfen. Das war wie Weihnachten für mich, und Weihnachten ist in unserer Familie eine große Sache. Als ich sechs war, schenkte mir meine Mutter ein Kochbuch, das hieß "Kochen ist ein Kinderspiel", und mit Quentin zu arbeiten, erinnerte mich daran.

SPIEGEL ONLINE: Dass Schauspielerei ein Kinderspiel ist?

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"The Hateful 8": Killerspiel im Kurzwarenladen
Leigh: Ja, Kindern ist beim Spielen bewusst, dass sie eine Fantasie erschaffen, aber dennoch versenken sie sich total und mit Ernsthaftigkeit in dieses Spiel hinein. Warum können sie das? Weil sie sich sicher fühlen. Genauso ist es mit Quentin: Du fühlst dich so frei und geliebt und unterstützt. Und er ist die ganze Zeit dabei und spielt mit. Ich hatte noch nie ein so großartiges Erlebnis bei einem Dreh. Wir lieben Dich alle sehr, Quentin!

SPIEGEL ONLINE: War es nicht abschreckend, die einzige Frau in einem reinen Männerensemble sein zu müssen, die noch dazu ständig verprügelt wird und die meiste Zeit mit Handschellen an Kurt Russell gekettet ist?

Leigh: Nein, im Gegenteil. Das ist doch eine Rolle, die man nur einmal im Leben angeboten bekommt. Außerdem kam mir eines sehr gelegen: Daisy hat gar nicht so viel Dialog wie die anderen, sie kommuniziert vieles einfach nur mit ihrer Mimik. Ich wusste, wie das geht. Ich bin privat eher introvertiert und daher schon seit meiner Kindheit gewohnt, klar zu machen, was ich möchte, ohne dabei meinen Mund aufzumachen. Es ist ein großer Teil meiner eigenen Persönlichkeit. Aber normalerweise kosten Regisseure das nicht so aus wie Quentin.

Tarantino: Als Jennifer sich komplett in die Rolle eingefunden hatte, definierte sie den Charakter durch pure Körpersprache. Nun sind meine Filme ja alle so gut, dass man sie sich immer mehrmals ansehen sollte, aber was es in diesem Fall so besonders lohnenswert macht: Jennifer zuzusehen, wie sie uns an der Nase herumführt. Was an Daisys Verhalten ist echt, und was ist nur Scharade? Ich habe den Film jetzt bestimmt zwölfmal gesehen, aber selbst mir fallen immer wieder tolle Sachen auf. Achten Sie mal auf Daisy in der Szene, wenn Kurt Russell die Waffen der Anderen auseinandernimmt! Wahnsinn, was da alles passiert!

SPIEGEL ONLINE: Jennifer wurde als beste Nebendarstellerin für einen Oscar nominiert, bei den Hauptkategorien - vor allem Regie, Drehbuch und "bester Film" - wurde "The Hateful 8" jedoch ignoriert, im Gegensatz zum thematisch ganz ähnlich gelagerten, vielfach gefeierten "Django Unchained" vor zwei Jahren. Wie erklären Sie sich das?

Video-Feature: Tarantino-Western "The Hateful 8":

Tarantino: Es gab gute Chancen für eine Nominierung als bester Film, und um ehrlich zu sein, hatte ich fest mit einer Nominierung für das beste Drehbuch gerechnet. Ist nicht passiert. Aber hey: Wenn man einen trostlosen, groben und zynischen Film über Amerika macht, muss man sich nicht wundern, wenn die Reaktion ist: Das ist uns jetzt aber zu grob, zu trostlos und zu zynisch! Ich hoffe, dass ihr in Europa das vielleicht mehr zu schätzen wisst.

SPEGEL ONLINE: Dabei könnte man doch eigentlich sagen, dass "The Hateful 8" ein politisch sehr korrekter Film ist, wenn es um die aktuell viel diskutierte Diversität in Hollywood-Filmen geht: Der Hauptdarsteller ist schwarz, es gibt einen Mexikaner und sogar eine Frau über Vierzig...

Leigh: Absolut! Und genau um diese Dinge geht es ja auch in dem Film!

Tarantino: Ohne zu didaktisch zu klingen: Minnie's Haberdashery, der Schauplatz des Films, wird mehr oder weniger zum Abbild Amerikas, je mehr sich die Seelen-Abgründe der Figuren im Verlauf dieser stürmischen Nacht offenbaren.

SPIEGEL ONLINE: Es geht ganz klar um Rassismus und die Vormachtstellung des weißen Amerikas. Am Ende können sich aber alle zumindest auf eines einigen: dass Daisy Domergue ein Biest ist. Geht es also in Wahrheit auch um die Rolle der Frau in der Gesellschaft?

Tarantino: Das ist mir vom Ansatz her ein bisschen zu akademisch. Aber natürlich ist Daisy der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Wenn Kurt Russells Charakter, der Kopfgeldjäger John Ruth, sie zu Beginn einfach erschossen hätte, wäre das ganze Szenario gar nicht entstanden. Das Ding ist: Ich hätte auch einen 150 Kilo schweren Kerl an Ruth ketten können, und alle hätten ihm dasselbe angetan, was Daisy erleiden muss. Aber indem ich eine Frau nehme, eine zierliche wie Jennifer noch dazu, wird es komplizierter, verstörender. Es verändert den Blick des Publikums. Wenn ein großer Kerl eins mit dem Pistolengriff über die Rübe bekommt, lachen Sie. Aber wenn das gleiche einer Frau angetan wird… Das ist es, was ich mit dem Genre-Kino mache: Ich erzähle Ihnen Geschichten, die Sie schon tausendmal gehört haben, und dann verkompliziere ich sie mit Aspekten wie Rassismus oder Gender.

Leigh: Das Tolle ist dabei, dass Daisy dabei nie sexualisiert wird. Sie wird von den Männern zu keinem Zeitpunkt anders behandelt, nur weil sie eine Frau ist: Sie ist eine von ihnen. Für mich ist das das Gegenteil von Misogynie oder Sexismus.

Tarantino: Mir war es wichtig, dass man sich den Film komplett aus Daisys Perspektive ansehen kann. Sie wird übel misshandelt, das ist unerträglich, ja. Aber warum geht John Ruth eigentlich so brutal mit ihr um? Es wird ja nie gesagt, was sie verbrochen hat oder wofür sie steckbrieflich gesucht wurde.

Leigh: Außerdem ist Ihnen bestimmt aufgefallen, dass es in einer Szene für einen kurzen Moment so aussieht, als hätte Daisy Engelsflügel.

Das Interview mit Jennifer Jason Leigh und Quentin Tarantino führten wir am 26. Januar in Berlin.

Trailer ansehen: "The Hateful 8":

The Hateful 8

USA 2015

Regie: Quentin Tarantino

Drehbuch: Quentin Tarantino

Darsteller: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Walton Goggins, Michael Madsen, Bruce Dern, Démian Bishir, Channing Tatum

Produktion: The Weinstein Company

Verleih: Universum/Disney

Länge: 169 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Start: 28. Januar 2016

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
a.weishaupt 27.01.2016
1. Character
Ein "character" in einem Film ist und bleibt auf Deutsch eine Figur, auch wenn sich der Anglizismus inzwischen auf breiter Front durchgesetzt hat. Ansonsten hat der Artikel leider einiges von der US-typischen Selbstbeweihräucherung ("simply amazing"..."awesome"..), das man aus deren merkwürdigen "Making Ofs" kennt.
Rubyconacer 27.01.2016
2. 70mm-Qualität endlich wieder
Das Herstellen des Films ist für wahre Cineasten gedacht. Leider gibt es nur wenige 70mm-Kinos (Berlin Zoo-Palast, den Royal-Palast gibt es leider nicht mehr), die den Film so zeigen konnen, wie er gedacht ist. Digitalprojektoren vergisst man dagegen ganz schnell.
muttisbester 27.01.2016
3. hmmmm, schnee western
ich hab erst den Western mit di Caprio gesehen, und muss sagen: Wahnsinn! Ein Meisterwerk, das einen Oscar verdient, vor allem der Hauptdarsteller. Ich schätze, dass der Film "the Revenant" auch der Grund ist, weshalb der Tarentinofilm nicht für die Oscars nominiert wurde - denn zwei Schnee-Western wären sicherlich zu viel des Guten. Aber wenn der Tarentinofilm auch nur halb so gut wie "the Revenant" ist, dann glaube ich wieder an gute Hollywoodfilme - denn Starwars war ja wohl unterirdisch!
brooklyner 27.01.2016
4.
Ich habe den Film Anfang Januar gesehen und fand ihn ganz gut, wusste gar nicht, dass der hier erst jetzt anläuft. Der Film ist aber sicher nicht, wie von Tarrantino beschrieben, sein bester. Es taucht wieder diese laute blonde Frau auf, die in death proof die Wortführerin der Stuntfrauen ist, an deren Wortschwällen Tarantino wohl einen Narren gefressen hat. Auch das ganze wie Reservoir Dogs als Kammerspiel in einem Raum zu veranstalten, hat was, obwohl ich da im Vergleich den Lars von Trier Fim Dogville besser fand. Es lohnt sich sicher, den Film gesehen zu haben, ein Muss ist er aber nun auch nicht wirklich.
alyeska 27.01.2016
5. Tarantino ... Immer gut!
Werde ihn mir anschauen. Glaube aber nicht das er Revenant toppt!
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