"The Hunger Games": "Twilight" ausgedämmert - jetzt kommen die Teen-Gladiatoren

Von David Kleingers

Brot, Spiele, Sponsorenverträge: Im Endzeit-Spektakel "Hunger Games" kämpfen Pubertierende als Gladiatoren in Unterhaltungs-Shows. Jetzt kommt die erste Verfilmung von Suzanne Collins' Bestseller-Trilogie ins Kino - ein grandioses Teen-Drama, neben dem "Twilight" wie Kinderkram wirkt.

Teenage-Antiutopie "The Hunger Games": Pubertät in der Postapokalypse Fotos
Studiocanal

Dieses Mädchen ist nicht aus Freude an der Natur im Wald unterwegs. Routiniert holt sie zunächst Pfeil und Bogen hervor, die in einem hohlen Baumstamm versteckt sind. Kurz darauf entdeckt sie ein Reh, nimmt es ins Visier und wartet auf den Moment für den Schuss. Der kommt in diesem Fall zwar nicht, aber wenn Hollywoods Nachwuchshoffnung Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen in einer der ersten Szenen auf das Tier zielt, dann offenbart ihr Gesicht mehr als die Entschlossenheit einer Jägerin. In ihrem Blick findet sich eine Ahnung davon, was der Akt des Tötens jenseits der Nahrungsbeschaffung bedeutet - gerade als Teenager in einem diktatorischen Zukunftsstaat, der bei der Hatz zwischen Rehen und Menschen keinen Unterschied macht.

Zugleich liegt ein Versprechen in diesem Blick, welches die Verfilmung von Suzanne Collins' Bestseller im weiteren Verlauf einlöst. Denn sie ist viel besser, als sie sein müsste. Schließlich war es angesichts des immensen kommerziellen Erfolgs der Vorlage eigentlich nur eine Formsache, dass Hollywood sich des 2008 veröffentlichten Romans annimmt. "The Hunger Games" - in Deutschland als "Die Tribute von Panem" erschienen - ist ein Buch, das man mit 14 Jahren heiß und innig liebt. Es ist aber auch eines, das man als Leser jenseits der 30 nicht verschämt verstecken muss: Die Geschichte der 16-jährigen Katniss, die in einer postapokalyptischen Welt aufbegehrt, entspinnt sich in einem atemlosen Tempo.

In ihrer einfachen, aber effektiven Prosa streift Collins zudem diverse politische und ethische Fragen, vom Wesen des Totalitarismus bis hin zur Inszenierung der Wirklichkeit in den Medien. All dies wird zwar keineswegs durchdrungen, aber immerhin mit einnehmender Dringlichkeit adressiert, was den Roman und seine zwei Fortsetzungen über das Mittelmaß dystopischer Science-Fiction-Literatur hebt.

Medienspektakel auf Leben und Tod

Vor allem aber hat "The Hunger Games" - ab nächsten Donnerstag in unseren Kinos - mit Katniss Everdeen eine wunderbar lakonische Erzählerin und widerständige Heldin, die bestens als generationsübergreifende Identifikationsfigur geeignet ist. Kurzum, es scheint so oder so ausgemacht, dass die Verfilmung der Trilogie gehörig Umsatz machen wird. Aber, und das ist die erfreuliche Neuigkeit im oft ermüdenden Reigen des Franchise-Kinos, unter der Regie von Gary Ross überzeugt die Adaption als cleveres Drama, das sein Publikum ernst nimmt.

Ein paar Texttafeln genügen dem Film zur Einführung: In den Ruinen des früheren Nordamerikas existiert die Nation Panem, bestehend aus einem hochtechnisierten und wohlhabenden Regierungsviertel, der Capitol, und zwölf äußeren, rigide abgeriegelten Distrikten. Deren Bewohner arbeiten in der Rohstoffförderung oder produzieren Waren für die Privilegierten der Hauptstadt.

Der offiziellen Geschichtsschreibung zufolge führte ein gescheiterter Aufstand gegen dieses Feudalsystem in der Vergangenheit zur Vernichtung des 13. Distrikts sowie zur Einführung der "Hunger Games": Alljährlich werden in einer perfiden Lotterie aus jedem Distrikt je ein Junge und ein Mädchen im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren ausgewählt. Die insgesamt 24 "Tributes" werden in die Capitol verbracht, wo sie in einem landesweit übertragenen Spektakel auf Leben und Tod gegeneinander kämpfen müssen. Der grausame Crossover aus Gladiatorenkampf, öffentlicher Exekution und Casting-Show endet erst, wenn nur noch ein Jugendlicher lebt.

Sponsoren in der Kampfzone

Was der Einschüchterung der Massen und zugleich dem Entertainment der Herrschenden dienen soll, wird für die 16-jährige Halbwaise Katniss aus dem zwölften Distrikt zur Lebensprüfung. Denn als ihre jüngere Schwester Primrose für die Hunger Games ausgelost wird, meldet sich die verzweifelte Katniss an ihrer Stelle als Freiwillige. Vor den blutigen Spielen werden die Tributes mit einem medienwirksamen Image versehen und dem Präsidenten (Donald Sutherland) präsentiert. Wer die Gunst des Publikums hat, darf später in der Arena eventuell auf die Hilfe von Sponsoren hoffen, die Hilfsmittel in die Kampfzone schicken.

Wenn Panem die Superstars sucht, um sie später telegen zu opfern, dann schlägt im Film die Stunde der Nebenrollen. Woody Harrelson punktet als trunksüchtiger Trainer Haymitch Abernathy, der die Underdogs Katniss und Peeta für den Showdown präpariert. Stanley Tucci gibt mit Gusto und neonfarbener Rokokofrisur den Fernsehmoderator Caesar Flickerman, der für die human interest storys sorgt. Und selbst Lenny Kravitz macht als Modeberater Cinna eine ziemliche gute Figur.

Gary Ross zeigte 1998 mit "Pleasantville", dass er sich auf die satirische Betrachtung der TV-Dramaturgie versteht. Ebenso pointiert wird hier vorgeführt, wie Katniss und Peeta sich die Celebrity-Kultur im dekadenten Panem zunutze machen. Dass die Medienmanipulation allerdings auch ungeahnte emotionale Nebenwirkungen hat, merken beide spätestens als Kontrahenten in der Arena.

Wenn der Überlebenshorror der "Hunger Games" beginnt, erinnert man sich an Kinji Fukasakus kontroversen Schulkinder-Shootout "Battle Royale" (2000), aber auch an antiautoritäre Science-Fiction wie Michael Andersons "Logan's Run" (1976). Jennifer Lawrence wiederum erdet das hektische , brutale Geschehen. Schon in "Winter's Bone" vermittelte sie glaubhaft die physische und psychische Belastbarkeit ihrer Figur. Ihrer Katniss nimmt man jederzeit ab, dass sie sich zum Schlafen in einer Baumkrone festbindet.

Der Weg zum Widerstand führt dabei auch über das kulturelle Gedächtnis und Folklore. Visuell und akustisch betont der Film den Gegensatz zwischen den pompösen Ritualen und Stilmixen der Capitol und Katniss' Festhalten an einer alternativ überlieferten Geschichte. So wird etwa ihre Anstecknadel mit dem Motiv des Mockingjay, eines Vogels mit besonderer Verbindung zur vergangen Rebellion in Panem, wieder zu einem subversiven Symbol. Laute Fanfaren kündigen den Despoten an, den Soundtrack für Katniss dagegen prägen Americana-Klänge von Bands wie The Low Anthem oder The Decemberists.

Und smarte Folk-Heldinnen, die sich gegen Unrecht auflehnen und nebenbei eingefahrene Rollenbilder aufmischen, kann es im Kino gar nicht genug geben.

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insgesamt 45 Beiträge
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    Seite 1    
1. alte Idee...
c_c 16.03.2012
aber immer wieder geil. Auch wenn in der Realität die Versklavung mit sehr viel mehr Perfidie abläuft und, bisher, auch niemand umgebracht wird, sind solche dunklen Dystopien immer wieder inspirierende Mahnmale und Lupen auf die Realität sowie Warnungen vor dem, was sein könnte. Aber Bücher wie Todesmarsch oder Menschenjagd haben das thema schon vor eienr gefühlten Ewigkeit perfektioniert. Dennoch.. die bklemmende aber auch herausfordernde Atmosphäre (es gibt IMMER eine Chance!) ist einfach faszinierend. Manchmal habe ich Ideen...
2.
Atheist_Crusader 16.03.2012
Teenager, die von nem diktatorischen Regime gezwungen werden, einander umzubringen? Öhm... ja... Battle Royale anoyne?
3. leider vom autor...
tobilino 16.03.2012
...des artikels komplett "vergessen" (hormone?),aber in diesem film (habe ihn als preview in hamburg gesehen) besonders erwähnenswert: josh hutcherson als männlicher gegenpart in der arena. er spielt die hier so hochgelobte aktrice deutlich an die wand.
4. Alles nur geklaut...
bikersplace 16.03.2012
Zitat von sysopBrot, Spiele, Sponsorenverträge: Im Endzeit-Spektakel "Hunger Games" kämpfen Pubertierende als Gladiatoren in Unterhaltungs-Shows.
Na da hat aber jemand m.E. nach bei Stephen King geklaut - liest wie ein Mischung aus Todesmarsch und Menschenjagd (Running Man).
5. "neben dem "Twilight" ...
Tahlos 16.03.2012
...wie Kinderkram wirkt." jetzt mal ehrlich "Twilight" IST Kinderkram, dazu benötigt es garkeine vergleichenden Filme. Das besagt ersteinmal garnichts über den besprochenen Film. Wenn es tatsächlich keine anderen Vergleiche geben würde, könnte man sich das sowieso gleich sparen. "Battle Royale" oder "Logans Run" sind schon etwas aussagekräftiger.
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"The Hunger Games - Die Tribute von Panem"

USA 2012

Regie: Gary Ross

Drehbuch: Gary Ross, Suzanne Collins

Darsteller: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Liam Hemsworth, Woody Harrelson, Lenny Kravitz, Elizabeth Banks, Stanley Tucci, Donald Sutherland

Produktion: Nina Jacobson, Jon Kilik

Verleih: Studiocanal

Länge: 142 Minuten

FSK: 12 Jahre

Start: 22. März 2012

Offizielle Website zum Film