Oscar-Favorit "The Imitation Game" Hat der Mann nicht schon genug gelitten?

Der tolle Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle, acht Nominierungen: Das Biopic "The Imitation Game" um den genialen Codeknacker Alan Turing, der als Homosexueller verfolgt wurde, ist perfekte Oscar-Ware. Leider.

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Oscar bait, also Oscar-Köder, heißen in der Branche Filme, die offensichtlich auf den Geschmack der Academy abzielen. Meist Biopics über weiße Männer, die bereits als Helden gelten oder bei denen es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie als Helden anerkannt werden. Und meist hat der Protagonist psychische Probleme, ist körperlich behindert oder hat seinen Körper durch Gewichtsverlust oder Muskelaufbau drastisch verändert.

"The Imitation Game" ist so ein Oscar-Köder. Er handelt vom britischen Mathematiker Alan Turing, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich dazu beitrug, die Kommunikation des deutschen Militärs zu entschlüsseln. Nach dem Krieg wurde er wegen homosexueller Aktivitäten verurteilt und höchstwahrscheinlich in den Suizid getrieben. Heutzutage gilt Turing, dem einige Biografen Merkmale einer Autismus-Spektrum-Störung zuschreiben, als einer der wichtigsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, die britische Regierung entschuldigte sich 2009 offiziell für seine Verfolgung, die Queen begnadigte ihn posthum 2013.

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"The Imitation Game": Ein Genie wird ausgebeutet
Kein Wunder also, dass die Academy am vergangenen Donnerstag wie wild angebissen hat: "The Imitation Game" ist acht Mal für den Oscar nominiert, unter anderem für die beste Regie (Morten Tyldum), den besten Hauptdarsteller (Benedict Cumberbatch), die beste Nebendarstellerin (Keira Knightley) und als bester Film.

Die vielen Nominierungen sind nicht allein wegen ihrer Berechenbarkeit ärgerlich, sie gehen an einen Film, der nur vorgibt, den Menschen Alan Turing und seine Verdienste zu würdigen. "The Imitation Game" betreibt die Exotisierung Turings weiter und geht fahrlässig mit biografischen Details um.

Zwei Außenseiter verloben sich

Bletchley Park, 1939. Nur mit Mühen erreicht Turing (Benedict Cumberbatch), dass er für die staatliche Code- und Dechiffrierungsstelle rekrutiert wird. Zwar ist er ein angesehener Mathematiker mit einem Doktorgrad aus Princeton. Doch sein unbeholfenes Sozialverhalten lässt ihn als ungeeignet für das streng geheime Projekt zur Entschlüsselung von Deutschlands Codierungsmaschine Enigma erscheinen.

Und tatsächlich finden Turing und seine Kollegen (u.a. Matthew Goode, Allen Leech, Matthew Beard) schwer als Team zusammen. Der Code der Enigma ist eigentlich geknackt, da die Einstellungen aber täglich wechseln, kommen die Wissenschaftler mit der Entschlüsselung der deutschen Nachrichten rein zeitlich nicht hinterher. Turing hat eine Maschine gebaut, die diese Arbeit in Rekordzeit erledigen soll. Doch sie funktioniert nicht, jeden Abend um Punkt 18 Uhr, wenn sich die Enigma-Einstellung ändert, ist die Arbeit eines Tages in Bletchley Park wieder umsonst gewesen.

Trost findet Turing allein bei seiner Kollegin Joan Clarke (Keira Knightley), einer ausgezeichneten Mathematikerin, die als Frau in Bletchley Park nur durch besonderen Einsatz von Turing aufgenommen wird. Obwohl Clarke um Turings Homosexualität weiß, verloben sie sich: Als Zeichen der gemeinsamen Stärke erscheint es ihnen nur passend.

Zwölfjährige mit Lebensweisheiten

Eingefasst wird die Erzählung von den Jahren in Bletchley Park, von denen die Weltöffentlichkeit erst in den Siebzigerjahren erfahren durfte, von Rückblenden in Turings Schulzeit und Vorblenden in die Zeit, als ihn eine chemische Kastration, der er nach seiner Verurteilung zugestimmt hatte, körperlich schwächt. Aus der Schulzeit heben Regisseur Tyldum und Drehbuchautor Graham Moore eine Liebesgeschichte zwischen Turing und seinem Mitschüler Christopher hervor. Die endet nicht nur - wie bei homosexuellen Beziehungen in Hollywood-Standardware noch immer typisch - mit dem Tod von Christopher. Die Episode wird auch noch dafür genutzt, um den zwölfjährigen Jungen kurz vor seinem Tod zu Turing sagen zu lassen: "Manchmal sind es die Menschen, von denen man es sich am wenigsten vorstellen kann, die etwas leisten, das unvorstellbar ist."

Dieselben Worte wiederholt Joan Clarke schließlich, als sie Turing 1954 in dessen chaotischem Zuhause in Cambridge aufsucht - wo sie genauso aufgesagt klingen. Wie sehr Turing unter der chemischen Kastration leidet, zeigt "The Imitation Game" deutlich. Doch dass sein Leiden damit endet, dass er in einen mit Cyanid vergifteten Apfel beißt, blendet der Film aus. Die Kontroversen um Turings Tod scheinen zu heikel gewesen zu sein: Manche zweifeln an, dass es sich um Suizid gehandelt hat, viele stimmen dem Biografen Andrew Hodges darin zu, dass Turing mit seinem Tod sein Lieblingsmärchen "Schneewittchen" imitiert hat.

Von so einer falschen Pietät ist der Film durchzogen, am eklatantesten in den Szenen in Bletchley Park. Wiederholt betont der Film, dass Turing aufgrund seiner Homosexualität sozial isoliert war. Im Bett mit einem anderen Mann wird er aber nicht gezeigt. Seine Vereinzelung wird so stark stilisiert, dass man sich fragt, wie Turing es geschafft hat, jemals in die Nähe eines anderen Schwulen zu kommen. Nur bezeichnend, dass der Film zudem einen Subplot frei erfindet, in dem Turing von einem Doppelagenten mit seiner Homosexualität erpresst wird. Schwulsein - das ist bei "The Imitation Game" nichts Gelebtes, sondern nur ein plot point.

Viele der aktuellen Oscar-Kandidaten - von "American Sniper" über "Foxcatcher" bis "Selma" - haben wahre Geschichten als Vorlage. Sie alle werden kritisch wegen möglicher historischer Ungenauigkeiten diskutiert, die größte Kontroverse hat sich an der Darstellung von US-Präsident Lyndon B. Johnson im Rassismusdrama "Selma" entzündet, die einige Kritiker in den USA als zu negativ und verzerrend empfanden. Warum "The Imitation Game" bislang nur einen Bruchteil der Kritik abbekommen hat, befremdet. Bei diesem Film stimmen nicht nur Kleinigkeiten nicht, hier stimmt das große Ganze nicht.

The Imitation Game

UK 2014

Regie: Morten Tyldum

Buch: Graham Moore nach einem Buch von Andrew Hodges

Darsteller: Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Matthew Goode, Rory Kinnear, Mark Strong, Allen Leech

Produktion: Black Bear Pictures, Bristol Automotives

Verleih: Square One Entertainment

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 22. Januar 2015

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Kritischer Kritikleser 22.01.2015
1. Fiktion
Auch in einem Film über eine ehemals real existierende Persönlichkeit ist Fiktion erlaubt, auch wenn sie nicht schmeckt.
zorga 22.01.2015
2. Hä?
Zwar weiß ich jetzt, was in dem Film passiert, aber inwieweit das der Realität entgegensteht weiß ich nicht. Einzig, das wohl die Erpressung erfunden ist, aber sonst? Was soll so ein Artikel?
urbansonnet 22.01.2015
3. Falsche Besetzung
Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich finde es durchaus wichtig, dass die Schauspieler in einem Biopic den realen Personen ähnlich sehen und das ist hier mal wirklich nicht der Fall. Ich bin wirklich ein großer Cumberbatch Fan, aber hier ist er wahrlich falsch gecastet. Die Vermutung liegt nahe, dass ihm der Vorzug gegenüber geeigneteren Schauspielern (z.b. Dominic Cooper) gegeben wurde, um den Wert des 'Oscar Baits' zu erhöhen. Hat ja auch gut geklappt. Alles in allem, hoffe ich trotz allem, dass dieser Film wenigstens ein bisschen der Person Turing und seinen Verdiensten Achtung zollt und vor allem, dass Turing, seine Leistungen und sein Schicksal in das Bewusstsein der Menschen gebracht wird.
querollo 22.01.2015
4. Haben wir denselben Film gesehen?
Bin ich ein dummer, oberflächlicher Mensch, weil ich den Film wunderbar finde? Offenbar. In dem Film, den ich gesehen habe, war das zentrale Thema nämlich nicht Homosexualität, sondern die Schwierigkeiten des Andersseins im Allgemeinen. Turing wurde ja nicht primär als Schwuler abgelehnt, sondern weil er anders war als andere. Man mag Menschen nicht, die der Masse nicht folgen. Und das ist der Grund, warum Turing nicht gemocht wird. Er dekodiert nicht, wie es sich gehörte, sondern sucht einen eigenen Weg. Das ist anders und darum abzulehnen. Er stellt die Sache in den Vordergrund und nicht Personen. Ganz anders. Ganz schlecht. Es ist also kein Wunder, dass die für ihre Zeit so ganz andersartige Joan Clarke zu dem Ergebnis kommt, dass sie und Turing ein exzellentes Paar abgeben würden. Sie wünscht sich eine Ehe, die anders ist, mit einem Mann, der anders ist und sie anders sein lässt. Dass Turing das ablehnt, obwohl es ihn hätte retten können, auch das ist sehr anders. Kurz: ich verstehe Ihren Wunsch nach Bettszenen mit Cumberbatch, liebe Hannah Pilarczyk, dem Film allerdings hätten sie nichts Gutes hinzugefügt.
nariu 22.01.2015
5. Ein Gigant
Es reicht schon den Wikipedia Eintrag über Alan Turing zu lesen - man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dieser Mann hat (auch ohne die Enigmaentschlüsselung) unglaubliches geleistet und sein Potential nicht einmal annähernd ausgeschöpft. Zur Filmkritik: Ja, die notwendigen Zutaten für die Oskarverleihung sind bekannt. Auch muss ein Film sein Geld einspielen. Was soll schon dabei herauskommen als wenigstens gute Unterhaltung? Als Cumberbach Fan werde ich wohl reingehen. Ich hoffe dass wenigstens die Turing-Anekdoten mit der nicht passenden Fahrradkette und der Gasmaske gegen Pollenallergie mit dabei sind.
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