Thriller mit Nicole Kidman Eine schreckliche Lust an der Qual

Ein Menschenbild, mehr als finster: "The Killing of a Sacred Deer" mit Colin Farrell und Nicole Kidman erzählt eine mythische Vergeltungsgeschichte - düster und sadistisch.

Alamode

Von Ekkehard Knörer


Haben der Herr Doktor und die Frau Doktor Sex, dann legt sie sich rücklings und längs, den Kopf über den Bettrand drapiert. Sie liegt da wie eine Tote oder Betäubte, so dass sich der Mann, der Chirurg ist, über sie hermachen kann, als wäre, was er an ihr nun verübt, eine Operation.

Was immer Steven Murphy (Colin Farrell), sehr bärtig, und seine Frau, die Augenärztin Anna (Nicole Kidman), da tun, wenn sie es treiben: von Zärtlichkeit oder Leidenschaft keine Spur. Wie immer bei Yorgos Lanthimos soll oder darf man ruhig verallgemeinern. So sind die Verhältnisse unter den Menschen, so lautet die Diagnose in seinem bisher unerträglichsten Film "The Killing of a Sacred Deer".

Dabei reiht sich das jüngste Werk nur zu passgenau in das Oeuvre des griechischen Regisseurs, der in den letzten Jahren eine atemberaubende Autorenfilmerkarriere auf den internationalen Festivals hingelegt hat. Stets handelt es sich um Versuchsanordnungen nach seinen ganz eigenen Regeln. Stets ist das Menschenbild mehr als finster.

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"The Killing of a Sacred Deer": Spaß am Opfern

Schon in "Dogtooth", seinem Durchbruch, hat er die Kleinfamilie als Hort sadistischer Torturen gezeichnet. In "The Lobster" ging es romantischen Paarvorstellungen an den Kragen. Kaltblütig wird im neuen Film nun gleich alles Zwischenmenschliche als hoffnungslose Angelegenheit denunziert.

Mit dem Blick auf ein offenes schlagendes Herz beginnt es. Man hört Sakrales aus Johann Sebastian Bachs "Stabat Mater". Hoch ist der Ton. Und scharf der Kontrast. Eine Einstellung später gehen zwei Ärzte, einer ist Steven, einen Krankenhausgang entlang und unterhalten sich über Uhrenarmbänder. Sie sprechen seltsam kühl, fast roboterhaft. So reden fast alle.

Überhaupt ist, was Menschen in diesem Film tun, ausnahmslos leicht oder schwer pathologisch. Kein Wunder, dass auch die Kamera gerne von zu weit oben oder unten und mit verzerrenden Linsen das, was man sieht, auf Distanz hält. Dazu passt die vorzugsweise neutönerisch-klirrkalte Musik, kein Original-Score, sondern als zusätzliches Kühlaggregat zur ohnehin regierenden zwischenmenschlichen Kälte jeweils dazukuratiert.

Beklemmung folgt auf Beklemmung

Steven hat einen Fehler gemacht. Sagt jedenfalls Martin (Barry Keoghan). Er ist der Sohn eines Mannes, der unter Stevens operierenden Händen verstarb. Die beiden treffen sich am Ufer des Flusses der nicht näher bestimmten amerikanischen Stadt, in der der Film spielt. (Gedreht ist er zum größten Teil in Cincinnati, Ohio.) Eine Art Freundschaft, denkt man zunächst. Sie sprechen über Uhrenarmbänder. Steven macht Martin Geschenke. Martin sucht Steven im Krankenhaus auf. Er lädt Steven nach Hause ein, zu seiner Mutter (Alicia Silverstone), alle fühlen sich unwohl, es scheint, als wolle er sie mit Steven verkuppeln.

Dann drängt er sich in Stevens Haus und verdreht dessen Tochter den Kopf. Eine seltsame Annäherung erst, dann ein Aufdrängen und Eindringen, zunehmend sinister. Es dauert nicht lang, dann wird klar: Es geht Martin um die Zerstörung des kleinfamilialen Glücks.


"The Killing of a Sacred Deer"
Großbritannien, Irland 2017

Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthymis Filippou
Darsteller: Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Alicia Silverstone, Raffey Cassidy, Sunny Suljic, Bill Camp, Anita Farmer Bergman
Produktion: Element Pictures, Film4, A24
Verleih: Alamode Film
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 121 Minuten
Start: 28. Dezember 2017


Falls man von Glück reden kann. Nähe und Wärme spürt man von Anfang an nicht, wenn die Familie Murphy gemeinsam am Essenstisch sitzt. Das ist eines der vielen Probleme des Films. Was schon vergletschert ist, vergletschert immer nur weiter. Beklemmung folgt auf Beklemmung.

Die Versuchsanordnung, die einem vorgesetzt wird, ist dabei nicht realistisch zu nehmen. Wie sich die Figuren verhalten, ist psychologisch wenig plausibel. Alle gehen gemessenen Schritts in ihr Unglück. Hier und da ein Zusammenbruch, aber auch das wird mit äußerster Nüchternheit registriert. Martin ist der Teufel persönlich, oder zumindest ein Rachegott ohne Mitleid. Er verlangt von Steven, eines seiner Familienmitglieder zu töten, als Ausgleich für den Tod des Vaters. Andernfalls droht er, Stevens Familie zu vernichten - und zwar auf dem Wege der Parapsychologie. Detailliert beschreibt er die Stufen zum Abgrund: Lähmung, Blut in den Augen, dann Tod.

Womöglich das schlechte Gewissen

Es dauert nicht lang, da zeigen sich bei Sohn und Tochter Lähmungserscheinungen. Die kalt servierte Rache nimmt ihren Lauf. Erklärungen verweigert der Film. Die von ihm entworfene Welt hat ihre eigenen, völlig undurchsichtigen Kältegesetze. Der Film urteilt nicht über die Figuren, er verweigert nur einfach alle menschlichen Kategorien: Empathie, Moral, aber auch allegorischen Sinn gibt es nicht.

Zwar bezieht er sich im Titel auf die griechische Tragödie (Euripides' "Iphigenie auf Aulis"), zwar gibt es vielleicht Schuld, denn womöglich war Steven bei der Operation, die zum Tod von Martins Vater geführt hat, betrunken. Versuchsweise kann man Martin als Verkörperung von Stevens schlechtem Gewissen verstehen. Nur führt das nicht weit, denn die ständige Steigerung des Psychoterrors überschießt alles begreifliche Maß. Es bleibt nur eins: eine schreckliche Lust an der Qual.

"The Killing of a Sacred Deer" entwirft eine Welt, in der Menschen einander auf entmenschte Art benutzen und hassen. Er erzählt eine Geschichte, die über eine gnadenlos brutale Bestrafungsfantasie nicht hinausführt. Vermutlich begreift sich Yorgos Lanthimos als eiskalt diagnostizierender Arzt. Da aber was er vorführt mit der Welt, in der wir leben, wenig zu tun hat, geht die Diagnose ins Leere. Mehr noch: sie fällt zurück auf den, der sie stellt.

Im Video: Der Trailer zu "The Killing of a Sacred Deer"

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