"The Last Radio Show" Altmans letzte Augenblicke

"The Last Radio Show" ist Robert Altmans letzter Film. Wie passend, dass das Ensemble-Drama rührend, aber unsentimental vom langsamen Sterben des amerikanischen Radio-Programms "A Prairie Home Companion" erzählt: Ein Klassiker nimmt in Würde Abschied.

Von Birgit Glombitza


Es ist sein letzter Vorhang. Darauf hat der deutsche Verleih prompt und marktstrategisch reagiert als er nach Robert Altmans Tod im November letzten Jahres "A Prairie Home Companion" in "Robert Altman's Last Radio Show" umtaufte. Schließlich ist mit dem nicht zu überbietendem "Letzten" immer auch ein Geschäft zu machen. Robert Altman kann es - auch posthum - nur recht sein. Denn mit diesem Film, den man im Frühjahr 2006 bereits auf der Berlinale und damit Monate vor seinem Tod als eine von langer Hand geplante Abschiedsvorstellung sehen und verstehen konnte, hat Altman mit Geschick, Eleganz und Würde die Regie über seine eigenes Vermächtnis übernommen.

"A Prairie Home Companion", das ist der melancholisch, amüsierte Abgesang auf das eigene Zerstreuungsgewerbe. Auf seinen billigen Glitzer, sein zu grelles Make-up und seine Kunst, sich immer wieder aufs Neue ernst zu nehmen. Mit routiniert leichter Hand und ungebrochener Lust an Experimenten und Improvisation choreographierte der 81-Jährige erneut ein Großensemble. Dieses Mal dirigierte Altman einen besonders wuseligen Mikrokosmos, den er in den Kulissen der titelgebenden Radio-Live-Show angesiedelt hat, die nach vielen Jahren ihre letzte Vorstellung gibt. Die Show gibt es in Amerika tatsächlich, sie läuft seit mehr als 30 Jahren überaus erfolgreich.

Moderiert wird "A Prairie Home Companion", im Leben wie im Film, vom amüsant frotzelnden Garrison Keillor, der auch das Drehbuch verfasst hat. Neben der Kunst hat er auf der Bühne noch Züchterzahlen, Rezepte, Erntetipps, Gebete, Wettervorhersagen und jede Menge Werbe-Jingles ans Volk zu bringen. Seine Gäste sind prollige Cowboy-Duos (Woody Harrelson und John C. Reilly) mit hemmungslos schlechten Witzen, in die Jahre gekommene Country-Starlets und singende Schwestern, die es nie zum ganz großen Publikum geschafft haben. "A Prairie Home Companion" ist ihre große Show ohne die sie womöglich ganz auf den Bühnen der Schützenfeste und Goldenen Hochzeiten des Mittleren Westens verschwinden würden. Sie sind musikalische Handelsvertreter einer vergangenen Epoche, für die es eine Ehrensache ist, sich von ihrem Publikum im Saal, aber auch von allen Truckern, Altenheimen und Hausfrauen am Radio anständig zu verabschieden.

Altman, das Genie der Abschweifung und der Gleichzeitigkeiten, arrangierte das Treiben auf und hinter der Bühne zu einem schönen, zutiefst menschlichen Potpourri aus verblassten Träumen und nicht unterzukriegenden Sehnsüchten. In den Garderoben, auf den Gängen oder beim schon obligatorischen Eiersalat der tatterigen Catering-Dame - überall herrscht Geträller und Geplapper. Die alte Maskenbildnerin, die sich immer noch anzieht wie ein Teenager, zupft pausenlos hier und da etwas zurecht.

Und schließlich schneien Meryl Streep und Lily Tomlin herein, die letzten Überlebenden des Johnson-Sister-Quartetts, sich gegenseitig ständig ins Wort fallen, weil sie sich viel zu gut kennen um noch aufeinander zu hören. Nur einmal, als Yolanda von dem Tag erzählt, als ihre kleine Schwester beim Ladendiebstahl erwischt wurde und das Herz des schockierten Vaters daraufhin versagte, lässt Streep das glöckchenhafte Lachen ihres Charakters ein bisschen dunkler ausfallen. Dass bei all dieser Unordnung immer wieder die Tragik des Lebens durchblitzt, beschert diesem Film seine schönsten Momente. Altmansche Augenblicke eben, in denen sich mit großer Kunst das Unzusammenhängende, das Unvorhergesehen und das Absichtliche miteinander verschränken.

Die Johnson Sisters hätten eine zweite Carter Family werden können. Oder auch nicht, wer weiß das schon? Mittelmaß, das zeigt Altman mit seinem Film, ist nicht das Ende. Eher schon der Suff. "Wenn du den Schlauch an den Auspuff machst, erwarte keinen Toast zum Frühstück. Du bist der Toast...", singt Yolandas Tochter Lola (Lindsay Lohan) mit (noch) grundloser Zerknirschtheit. Yolanda selbst begegnet dieser pubertären Absturz-Koketterie mit mokanter Nachsicht. Das Sterben und Verschwinden gehört hier von Anfang an dazu.

Aber es gibt keinen Grund zur Bitterkeit. Immerhin erzählt "A Prairie Home Companion" gänzlich unamerikanisch und mit großem Witz von einer Show, die ausnahmsweise einmal nicht weitergehen muss. Nicht etwa, weil sie zu kauzig und ramschig geworden wäre und sich selbst überlebt hätte. Sondern weil fürs Erste alles erzählt, besungen, belacht und beweint scheint. Neue Investoren schleichen schon herum, die Nachbarsender spielen die schnellere Musik. Das Gebäude soll abgerissen werden. Neue Parkplätze werden gebraucht...

Ein hübscher Engel des Todes schwebt bald hinter den Kulissen. Und irgendwann ist ein alter Mann ohne viel Aufhebens in der Garderobe gestorben. Nichts Großes, kein Drama – "A Prairie Home Companion" ist ein ebenso melancholischer wie schmunzelnder Blick zurück und ein wunderschöner Abschied vom Publikum. Es gibt wohl kaum jemanden, der während dieser 105 Minuten nicht hin und wieder vor Rührung kräftig schlucken müsste.



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