"The Long Walk Home" Australiens gestohlene Generation

Bis in die siebziger Jahre verschleppte die australische Regierung so genannte Mischlingskinder von Weißen und Aborigines in Umerziehungsheime. Das eindrucksvolle Kino-Drama "The Long Walk Home" erzählt die Geschichte dreier Mädchen, die sich nicht umerziehen lassen wollen - und 1500 Meilen durch die Wüste fliehen.

Von Daniel Haas


Flucht am Kaninchenzaun: Gracie (Laura Monaghan, l.), Daisy (Tianna Sansbury, M.) und Molly (Everlyn Sampi)
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Flucht am Kaninchenzaun: Gracie (Laura Monaghan, l.), Daisy (Tianna Sansbury, M.) und Molly (Everlyn Sampi)

"Diese Leute machen mich krank!" sagt das Aborigine-Mädchen Molly (Everlyn Sampi) und meint damit gerade jene Kolonialherren, an deren Wesen doch die Welt der Ureinwohner genesen soll. Gemeinsam mit ihren beiden Schwestern wird sie deshalb den "long walk home", den weiten Weg nach Hause antreten.

Bis 1976 raubte die australische Regierung Aborigine-Müttern ihre Kinder, insofern diese "Mischlinge" waren. Die Kids wurden in Schulheime deportiert und dort für ein Leben als Fabrikarbeiter oder Haushaltshilfe abgerichtet. Hintergrund dieser inhumanen Praxis war eine Mischung aus missionarischem Eifer und pädagogisch verbrämtem Rassismus. Die halbweißen Kinder sollten vor den Niederungen der schwarzen Kultur gerettet und in einem als Kulturförderung kaschierten Züchtungsprojekt so lange mit anderen Hellhäutigen "gekreuzt" werden, bis sich das angeblich minderwertige Genmaterial verflüchtigt hatte.

Molly, Daisy (Tianna Sansbury) und Gracie (Laura Monaghan) sind Kinder dieser "Gestohlenen Generation". Ihren Familien entrissen, werden sie in ein 1500 Meilen entferntes Heim verschleppt. Hier herrscht das strenge Regiment von A.O. Neville, der 1931 als Chefadministrator der Umsiedlungsbehörde fungierte. Vernarrt in seinen Masterplan der kulturellen Sublimierung zerstört er unzählige Schicksale. "The Long Walk Home" erzählt die Geschichte der drei Mädchen als Zweikampf mit diesem Mann, dem Darsteller Kenneth Branagh mit kühler Sachlichkeit eine gespenstische Grausamkeit verleiht.

Pädagogisch verbrämter Rassismus: Heimleiter Neville (Kenneth Branagh, r.) sorgt für Zucht und Ordnung
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Er ist gefährlich und voller Strapazen, der lange Marsch nach Hause. Und er verläuft 1500 Meilen entlang des "Rabbit Proof Fence" (so der Originaltitel des Films), des Sicherheitszauns, der sich quer durch Australien zieht und die Anbauflächen des Landes vor gefräßigen Kaninchen schützen soll. Doch nicht nur geographische Leitlinie ist dieser Zaun, sondern auch die Grenze, an der Gut und Böse, Wahr und Falsch aufeinander treffen. Hier lauern Nevilles Schergen den Kindern auf, hier treffen sie jene Menschen, die ihnen helfen und Unterschlupf gewähren.

Am Ende steht das Wiedersehen mit der Familie, und doch ist es nur ein Etappensieg und kein richtiges Happy-End. Noch zweimal werden die Mädchen ihren Familien entrissen, um die Strapazen der Flucht erneut auf sich zu nehmen. Das erfährt man im Epilog, der zudem Videobilder zweier alter Frauen zeigt. Sie sind die realen Vorbilder, deren Leid der australische Regisseur Phillip Noyce ("Der stille Amerikaner") auf Zelluloid gebannt hat. Spätestens hier offenbart sich zugleich Stärke und Schwäche des ehrgeizigen Projekts: Verdichtet die Fiktionalisierung der empirischen Vorlage die Geschichte zum packenden Drama, so entzieht sie das Sujet gleichzeitig dem Zugriff politischer Kritik. Im Sinne einer humanistischen Anklage, als welche sich Noyces Film verstehen muss, wäre die Dokumentation die dringlichere Form gewesen.

"The Long Walk Home" ("Rabbit Proof Fence"). Australien 2002. Regie: Phillip Noyce. Buch: Christine Olsen nach dem Buch von Doris Pilkington. Darsteller: Everlyn Sampi, Tianna Sansbury, Kenneth Branagh, Laura Monaghan, David Gulpilil; Produktion: Olsen Levy, Hanway, Australian Film Commission, Australian Film Finance Corporation; Miramax Films; Verleih: Arsenal; Länge: 94 Min.; Start: 29. Mai 2003



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