Sex-Schnurre "The Look of Love": Möpse für Millionen
Hätten sie sich nur bedeckt gehalten: Michael Winterbottoms "The Look of Love" über den britischen Rotlicht-Unternehmer Paul Raymond kann sich allenfalls für die nackten Brüste seiner Darstellerinnen, aber nicht für die eigene Geschichte interessieren.
Wie man einen intelligenten Film übers Pornogeschäft drehen kann, darüber haben sich in den vergangenen 20 Jahren viele schlaue Regisseure Gedanken gemacht. Paul Thomas Anderson hat in "Boogie Nights" den familiären Zusammenhalt im Business herausgearbeitet, Milos Forman mit "Larry Flynt" auf die komplizierten Verbindungen zwischen Meinungsfreiheit und Pornografie hingewiesen, Joseph Gordon Levitt in "Don Jon" (Kinostart 7.11.) untersucht, wie Pornos unser Sexleben beeinflussen, Rob Epstein und Jeffrey Friedman in "Lovelace" (noch ohne deutschen Verleih) die von Gewalt geprägte Lebensgeschichte der legendären Pornodarstellerin Linda Lovelace erzählt.
Nur Michael Winterbottom hat sich für sein Biopic über den britischen Rotlicht-Unternehmer Paul Raymond das Nachdenken gespart und mit "The Look of Love" sowohl einen der doofsten Filme des Subgenres als auch einen der schlechtesten Filme seiner Karriere gedreht.
Nackte Frauen in Sixties-Interieurs
Ohne Not reduziert Winterbottom das Leben von Raymond, der 1958 den ersten Stripclub Großbritanniens eröffnete und durch seine Erotikbars und -zeitschriften zum reichsten Mann des Landes wurde, zur lustigen Vintage-Schnurre mit Möpsen. Raymonds Aufstieg im Soho der sechziger Jahre ist nie Sittenbild einer berüchtigt Sex-aversen Nation, sondern allein Folie dafür, nackte Frauen und bunte Sixties-Interieurs zu größtmöglichen Schauwerten zu arrangieren.
Nun hätte man sich bei einem thematisch wie qualitativ unbeständigen Regisseur wie Winterbottom vielleicht nicht die größten Hoffnungen machen dürfen, dass ihm ausgerechnet mit diesem Film die Rückkehr zu alter Form gelingt. Doch sein erstes Biopic "24 Hour Party People" (2002) über den Musik-Impressario Tony Wilson war einer seiner besten Filme überhaupt. Für Comedian Steve Coogan bedeutete die Rolle als Wilson sogar den Durchbruch als Kinodarsteller. Als Winterbottom ihn in "The Look of Love" als Paul Raymond besetzte, konnte man sich also durchaus auf eine Fortsetzung des Spaßes freuen.
Der Geist einer Auftragsarbeit fürs Privatfernsehen
Während "24 Hour Party People" von der unmittelbaren Begeisterung für die Rave-Szene von "Madchester" geprägt war und sich deren anarchischer Partymodus in filmischen Spielereien wie der direkten Ansprache in die Kamera spiegelte, entbehrt "The Look of Love" jeder Art von Dringlichkeit. Basierend auf einem Drehbuch von Matt Greenhalgh, der bereits die ungleich interessanteren Biopics "Control" und "Nowhere Boy" schrieb, durchweht den Film der Geist einer Auftragsarbeit fürs Privatfernsehen.
Für ein Minimum an Tiefe soll der Ansatz sorgen, dass Raymond zu Beginn des Filmes um seine Tochter Debbie trauert, die an einer Überdosis gestorben ist. Unter dem Eindruck ihres Todes lässt er die Stationen seines Lebens passieren. Doch um Mitleid mit einem Millionär beim Zuschauer zu entfachen, der sein Geld mit Immobilien und Frauenkörpern machte, hätten sich alle Beteiligten deutlich mehr ins Zeug legen müssen - nicht zuletzt auch Steve Coogan. Wie so häufig unter einer schwachen Regie nutzt er die Gelegenheit, ohne größere Anstrengung durch einen Film zu segeln. Die schwierigen Charakterzüge seiner Figur nimmt er allenfalls zur Kenntnis, an ihrer darstellerischen Auslotung ist er erkennbar nicht interessiert.
Zu monieren, dass "The Look of Love" die gesellschaftlichen Kontroversen um Pornografie und Prostitution ungenügend abbildet, wäre deshalb zu viel der Ehre. Ein Film, für den sich schon seine Macher kaum interessieren, hat diese Art von Ansprüchen nicht verdient.
"The Look of Love", ab 29. August im Kino. Regie: Michael Winterbottom. Mit: Steve Coogan, Anna Friel, Simon Bird, Tamsin Egerton, Imogen Poots.
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