Kino-Doku "The Look of Silence" Ohrenbetäubende Stille

Mindestens 500.000 Menschen sind in den Sechzigern in Indonesien grausam ermordet worden. Der Film "The Act of Killing" zeigte die Täter, ließ sie sprechen. Der Nachfolger "The Look of Silence" zeigt nun die Opfer - sie schweigen.


In einem alten Röhrenfernseher ist ein Mann zu sehen, der sich mit den Heldentaten seiner Vergangenheit brüstet. "Ich habe ihnen die Bäuche aufgeschnitten, die Gedärme quollen heraus", erzählt er mit sichtlicher Begeisterung.

Seine Frau springt als Komparsin ein, mit ihr stellt er nach, wie genau er seine Opfer damals festhielt und folterte. "Einige wollten fliehen. Sie stürzten einen Abhang hinunter. Unten auf den Steinen platzten ihre Köpfe auf." Über das Gesicht des Mannes huschen Befriedigung und Stolz.

Der Mann auf dem Bildschirm nahm an den Massakern von 1965 und 1966 teil, bei denen in Indonesien mindestens 500.000 Menschen getötet wurden. Wahrscheinlich gehen die wahren Opferzahlen in die Millionen, genau weiß das niemand. Die meisten Getöteten waren angebliche Kommunisten. Das Interview mit dem Mörder nahm der Filmemacher Joshua Oppenheimer im Jahr 2003 auf, als er einen Film über die Opfer von damals plante, ein Projekt, das er bald abbrechen musste. Zu gefährlich wurde die Situation für das Filmteam. Denn die Mörder von damals wurden nicht nur nie bestraft. Sie gelten bis heute als Helden und gehören zum indonesischen Establishment.

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"The Look of Silence": Das Schweigen der Opfer
Oppenheimer änderte seine Strategie. Aus einem Film über die Opfer wurde einer über die Täter. Das war ohne Schwierigkeiten machbar, schließlich brüsteten die sich mit ihren Taten. "The Act of Killing" erschien 2012 und wurde weltweit gefeiert. Aber, so schreibt Oppenheimer im Presseheft zu dem nicht minder beeindruckenden Nachfolger "The Look of Silence": "Ich wusste, dass ich noch einen weiteren Film machen musste: über die Überlebenden. Wir verstehen nicht einmal ansatzweise, was es bedeuten muss, ein Leben zu führen, das so von Gewalt erschüttert wurde."

Und so kommt es, dass vor dem Fernseher ein junger Mann sitzt, der den Killer auf dem Bildschirm still beobachtet. Hunderte dieser von Oppenheimer geführten Interviews hat er sich im Lauf der Jahre angesehen. Denn Adi will verstehen, was damals passiert ist. Er kam erst nach 1966 zur Welt, aber er ist auf immer mit den Massakern verbunden. Sein Bruder Ramli wurde damals getötet. Nicht heimlich wie alle andern, sondern in aller Öffentlichkeit. Aus Versehen, weil ihm während der Folter die Flucht gelang. Als er sich halbtot zum Haus seiner Eltern schleppte, blutete er aus Wunden am ganzen Körper. Seine verzweifelte Mutter wollte ihn retten, aber kurz darauf kamen Soldaten und schleiften ihn fort.

Adis Familie leidet bis heute unter dem Trauma. Seine Mutter Rohani sagt, wäre er nicht geboren worden, hätte sie den Verstand verloren. Seine eigenen Kinder lernen in der Schule, Kommunisten seien grausam, weil sie keine Religion hätten. Die Helden von 1965/66 hätten Indonesien vor ihnen gerettet. Ramli gehörte nie der kommunistischen Partei an. Er wollte lediglich mit anderen Plantagenarbeitern eine Gewerkschaft gründen, um sich gegen ihre Ausbeutung zu wehren. Aber in Indonesien hat seine Familie bis heute keine Möglichkeit, das unfassbare Unrecht und das Leid, das ihr widerfahren ist, öffentlich zu machen.

Die Präsenz der Ermordeten wird fast physisch spürbar

Joshua Oppenheimer will "The Look of Silence" als Gedicht verstanden wissen, das vom Schweigen getragen wird. Wo "The Act of Killing", dieser hypnotische Bildertrip, die Grenzen der Dokumentation sprengte und sich tief in die Psyche der Täter fraß, gibt der Nachfolger der Stille Raum. Oppenheimer beobachtet zurückhaltend, schneidet bedächtig, kadriert in klaren Bildern. Das bedeutet aber nicht, "The Look of Silence" sei ein weniger intensives Erlebnis. Im Gegenteil: Der Film steht unter einer immensen Spannung, und im Verlauf wird die Präsenz der Ermordeten fast physisch spürbar. Die gespenstische Stille, die sie hinterlassen haben - sie ist ohrenbetäubend.

Es ist diese Haltung, dem aufgestauten Schmerz filmisch den Raum zu geben, den er sich im Leben nur versteckt nehmen darf, die Oppenheimers Film so unsagbar berührend macht. Aber sein Film bleibt nicht dort stehen. Er beobachtet, wie die Trauerverarbeitung jetzt, fast 40 Jahre später, endlich langsam beginnt. Wie ein sehr langwieriger, gefährlicher und unendlich schmerzhafter Prozess der Aufklärung anfängt, von dem niemand weiß, wie er enden wird. Adi, die Hauptfigur, ein in sich ruhender, ruhiger, bedächtiger Mann, stößt ihn an. Er trifft sich mit den Mördern von damals und konfrontiert sie mit seinem Schicksal.

Was er dabei erlebt, ist fast so verstörend wie der psychedelisch aufgeladene Irrsinn in "The Act of Killing". Ein Mörder von damals berichtet ihm, er sei bei all dem Töten damals nicht wahnsinnig geworden, weil er das Blut seiner Opfer getrunken habe. Ein Lokalpolitiker, der ebenfalls zu einer Killerschwadron gehörte, lacht Adi ins Gesicht. Fast immer kippen diese Gespräche, und Adi wird unterschwellig oder offen bedroht. "Wo wohnst du genau? Wie heißt du?", will ein Killer wissen. Und der Politiker sagt ganz unverhohlen: "Hör besser auf, diese Fragen zu stellen, sonst wird sich die Geschichte wiederholen!"

Bevor "The Look of Silence" in den indonesischen Kinos startete, verließ Adi mit seiner Familie seine Heimat Sumatra. Er wohnt heute in einem anderen, geheim gehaltenen Landesteil. Aber der Prozess der Aufklärung, den er angestoßen hat, wird sich wohl nicht mehr aufhalten lassen. Der Film lief - im Gegensatz zu "The Act of Killing" - ganz offiziell an und wurde von einem Großteil der Medien diskutiert. Bis heute zeigten ihn 32 von 34 Provinzen des Landes, immer wieder wird er neu aufgeführt. Die indonesische Gesellschaft scheint bereit für die Wahrheit zu sein.

Im Video: Der Trailer von "The Look of Silence"

The Look of Silence

Dänemark, Indonesien, Norwegen, Finnland, Großbritannien 2014

Regie: Joshua Oppenheimer

Produktion: Final Cut for Real, Spring Films, Piraya Films, Making Movies

Verleih: Koch Media

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 1. Oktober 2015

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Trondesson 29.09.2015
1.
Hoffentlich wird in dem Film auch darauf hingewiesen, daß Indonesien als Ganzes in seiner Geisteshaltung heute keinen Schritt weiter als damals ist. Motive und Opfer sind heute ein wenig anders, und auch die tatsächlich ausgeübte Gewalt tritt nur selten offen zutage, aber das Potential ist nach wie vor vorhanden.
wanderer777 29.09.2015
2. Nur Männer sind zu so etwas fähig...
Jedesmal, wenn ich über Folter, Gewalt, Fanatismus, Verstümmelung und das Aufschlitzen von Bäuchen lese, stelle ich mir vor, ob auch Frauen zu solchen Massakern fähig wären. Klare Antwort : NEIN. Es sind ganz klar Männer, die Krieg, Gewalt, Mord und Folter auf diesen Planeten bringen. Und das täglich und seit Jahrtausenden. Liegt es an einem Gen-Defekt das sie so wenig Empathie für Mitmenschen empfinden? Sind Männer eine "defekte" Spezies? Wie sähe eine Welt ohne sie aus? Frei von Fanatismus, Krieg und Gewalt? Ich bin es so leid...
pauschaltourist 29.09.2015
3.
@ Wanderer Die aktuellen Pferde-Ripper-Fälle sind von einer mehrfachen Wiederholungstäterin verübt worden. Auch mit Bäuche-Aufschlitzen etc.
mathias_roeder 29.09.2015
4. Dumm formuliert?
Mindestens 500.000 Menschen sind in den Sechzigern in Indonesien grausam ermordet worden. Der Film "The Act of Killing" zeigte die Täter, ließ sie sprechen. Der Nachfolger "The Look of Silence" zeigt nun die Opfer - sie schweigen. Was sollen die Opfer auch sagen wenn sie "grausam ermordet" wurden.....
Sebastian2212 29.09.2015
5. @wanderer
Es tut mir leid... Lesen Sie mal Berichte über weibliche KZ Aufseher(innen)... Oder die weibliche Sittenpolizei des IS (und den "Biter").. Dann sieht ihr Weltbild anders aus Auch Frauen sind grausam
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