The Man Who Wasn't There Die geniale Farce des farblosen Friseurs

Ein farbloser Held, ein Film in Schwarzweiß: Die Regie-Brüder Ethan und Joel Coen knöpfen sich den Film Noir vor und führen - elegant und mit böser Lakonie - eine amerikanische Mittelklasse-Existenz ad absurdum.

Von Daniel Haas


Friseur Ed Crane (Billy Bob Thornton) und Kunde Tolliver (Jon Polito): Haareschneiden wie autogenes Training
Constantin

Friseur Ed Crane (Billy Bob Thornton) und Kunde Tolliver (Jon Polito): Haareschneiden wie autogenes Training

Coolness - das war im Film immer Sache der Killer und Agenten, der gefährlichen Liebhaber und der Femmes fatales. Jetzt hat Coolness ein neues Gesicht: Es gehört Billy Bob Thornton. Thornton spielt Ed Crane. Und Crane ist Friseur. Wenn dieser Mann Haare schneidet, ist das wie autogenes Training: Nichts bringt ihn aus der Ruhe, auch nicht das rastlose Geplapper seines Kollegen. Wenn dieser Mann raucht, was er fast immer tut, ist das wie Bogart, nur lässiger, beiläufiger. Und wenn dieser Mann erpresst, einen Mord begeht und am Ende auf dem elektrischen Stuhl landet, ist das kein Drama, sondern ganz einfach der Lauf des Lebens. Denn Ed Crane ist der Mann, der nicht da ist.Joel und Ethan Coen haben einen Film Noir gedreht - heißt es. Das stimmt zwar nicht, ist aber ein Anfang, um diesen Geniestreich in Schwarzweiß einzuordnen. "The Man Who Wasn't There" ist eine geniale Improvisation über die Form des Vierziger-Jahre-Thrillers aus Hollywood. Eine Improvisation und eine Demontage. Denn in den großen Film Noirs der Wilders und Hustons meistern einsame Helden komplizierte Abenteuer, widerstehen verführerischen Schönen und bezwingen Gangster und Gauner. Im zehnten Film der Coens, der sich beim Cannes-Festival den Regiepreis mit David Lynchs "Mulholland Drive" teilte, verschwindet ein Mann allmählich in einer Geschichte, deren Logik so grausam wie banal, so einleuchtend wie verschlagen ist.
Frances McDormand als Cranes betrügerische Ehefrau: Das Leben implodiert
Constantin

Frances McDormand als Cranes betrügerische Ehefrau: Das Leben implodiert

Ed Cranes Leben hat den Charme einer Narkose: Tagsüber der ewig gleiche Blick auf zu frisierende Köpfe, abends ein karger Smalltalk mit Doris, der Ehefrau. Doris (Frances McDormand) betrügt ihren Mann mit ihrem Chef Big Dave (James Gandolfini). Dann taucht Tolliver (Jon Polito) auf: Er trägt Toupé, quasselt atemlos von seiner Vision - einem Reinigungsunternehmen im Jahre 1949 (!) - und beschwatzt Crane, einzusteigen. 10.000 Dollar Startkapital sind gefordert, und Crane weiß, wo man sie kriegt: Er erpresst Big Dave, doch der kommt ihm auf die Schliche. Es folgt ein Streit und Crane wird zum Mörder. Angeklagt wird jedoch seine Frau, und weil alle Beweise gegen sie sprechen, wird sie - trotz Schuldgeständnis ihres Mannes - verurteilt. Von da nimmt eine Katastrophe ihren Lauf, die eigentlich keine ist: Cranes Leben implodiert; eine Farce mit dem elektrischen Stuhl als grausiger Pointe.Der Held ist also kein Held, aber auch kein Anti-Held; er ist die personifizierte Blässe und insofern den Schatten verwandt, mit denen Kameramann Roger Deakins seine kunstvollen Stimmungen komponiert. Cool ist er im buchstäblichen Sinne: Erkaltet, tiefgefroren in einer Welt, die als einzige Perspektive die nächste Cocktailparty hat. Signifikant ist tatsächlich nur seine Abwesenheit, ein Paradoxon, das Billy Bob Thornton mit furioser Präzision verkörpert: Zwar kommentiert Crane als Off-Stimme die Geschichte, doch als Akteur seines Lebens erscheint er von Szene zu Szene teilnahmsloser.
Thornton als Bogart- Hommage: Gespenst einer sinnlosen Existenz
Constantin

Thornton als Bogart- Hommage: Gespenst einer sinnlosen Existenz

Wenn zum Beispiel sein Schuldgeständnis von Staranwalt Freddy Riedenschneider (Tony Shalhoub) nicht ernst genommen wird, "weil so einen Mist kein Geschworener glauben würde", dann wird Crane wieder ein bisschen unsichtbarer. Und wenn am Ende eine Klavier spielende Lolita (Scarlett Johannson) seinen aufrichtigen Respekt vor ihrer Kunst mit einer frivolen Offerte quittiert, dann ist Crane endgültig verschwunden in der Beliebigkeit eines zynischen Schicksals.Nach humorigen Genre-Travestien wie der Komödie "The Big Lebowski" oder dem Musical "O Brother, Where Art Thou?" haben Ethan und Joel Coen eine zwar amüsante, aber vor allem scharfsinnige Revision amerikanischer Kultur vorgelegt. Die postmoderne Rede vom fragilen Status des Subjekts, von der Erosion der Identität und gesellschaftlicher Rolle ist hier mit böser Lakonie zum Bild geworden. Denn mit Ed Crane verblasst der weiße Angelsachse zum traurigen Gespenst einer sinnlosen Existenz - cool wie Bogart und flüchtig wie ein Schatten."The Man Who Wasn't There". USA 2001. Regie: Joel Coen; Buch: Joel und Ethan Coen; Darsteller: Billy Bob Thornton, Frances McDormand, James Gandolfini, Tony Shalhoub, Scarlett Johannson; Länge: 116 Min.; Verleih: Constantin; Start: 8. November 2001



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