Geschwisterbeziehung Der Rockstar und sein peinlicher Bruder

Der Jüngere ist erfolglos, der Ältere ein Star: Der Dokumentarfilm "Mistaken for Strangers" zeigt am Beispiel von Matt Berninger, dem Sänger von The National, und seinem kleinen Bruder einen archetypischen Geschwisterkonflikt.


Matt Berninger haut mit seinem Schuh auf eine aus dem Boden ragende Eisenstange. Er steckt einen Sonnenschirm hinein und setzt sich in den viel zu niedrigen Klappstuhl. Seine übereinandergeschlagenen Beine sehen lächerlich lang aus. Geduldig wartet er auf sein erstes Interview mit Tom, seinem kleinen Bruder. "Wirst du nicht irgendwann... Auf Tour ist es tagein, tagaus… Wirst du… Macht dich das schläfrig auf der Bühne? Müde… müde auf der Bühne? Das ist meine Frage. Frage Nummer eins." Tom will einen Dokumentarfilm drehen, über Matts Band The National. Gedanken hat er sich im Vorwege nicht gemacht.

Dennoch kommt Toms Film jetzt in die deutschen Kinos: "Mistaken for Strangers" heißt er und ist alles andere als eine klassische Rockumentary, die Einblick in den Tour-Alltag gewährt. Stattdessen steht der Regisseur selbst und seine Beziehung zu seinem älteren Bruder, dem Frontmann der Band, im Mittelpunkt. Eine, man kann es ruhig verraten, spannungsreiche Beziehung.

Tom ist neun Jahre jünger als Matt. Seine Beine sind kurz, sein Bauch ist rund, und seine glatt herabhängenden Haare umrahmen sein vollbärtiges Gesicht. Der Mittdreißiger wohnt noch bei seinen Eltern in Cincinnati. Vor "Mistaken for Strangers" hat er Amateur-Splatter-Filme gedreht. Was Erfolg ist, kennt er nur durch Matt - den attraktiven Mann mit dem dunklen Anzug und dem wundervollen Bariton.

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Dokumentarfilm über The National: Dieser prätentiöse Schönling!

Der singt in der Band The National, einer Institution des Indie-Rocks. Ihre Musik ist pathetisch, aber nicht selbstgefällig; mal mitreißend, mal rührend. Der Durchbruch begann 2005 mit ihrem dritten Album "Alligator". Seit der Veröffentlichung ihrer vorletzten Platte "High Violet" vor vier Jahren ist ihr Erfolg größer denn je, statt in kleinen Clubs oder als Vorband der Editors spielen sie jetzt in ausverkauften Hallen und als Festival-Headliner neben Arcade Fire.

Rockstar vs. Stubenhocker

Tom hält Indie-Rock für "prätentiöse Scheiße" und hört lieber Heavy Metal. Dennoch wird er als Assistent des Tourmanagers für die bis dahin größte Tour von The National angeheuert. Eigentlich soll er ein Jahr lang mit unterwegs sein, Handtücher bereitlegen und Kabel tragen. Doch seine Reise endet nach acht Monaten - unfreiwillig, denn er wird gefeuert.

Tom benimmt sich wie ein Kleinkind, das weder Grenzen noch Scham kennt. Statt auf Tour mit anzupacken, verbringt er die meiste Zeit damit, die Bandmitglieder völlig planlos in allen möglichen Situationen zu filmen, auch unter der Dusche oder beim Schlafen. Obendrein stellt er ihnen unentwegt absurde Fragen wie "Nehmt ihr eure Geldbeutel mit auf die Bühne?" Die meiste Zeit will man ihn packen und schütteln. Verwunderlich, dass das während der Tour niemand getan hat. Zumindest nicht vor der Kamera.

"Ich wollte etwas Cooles machen, nicht immer dieselben langweiligen Fragen stellen. Aber ich bin wohl nicht besonders gut darin. Ich wusste ja noch nicht einmal, wo ich mit all dem hinwollte", sagt Tom beim Interview zum Film. Ohne Plan einen Dokumentarfilm zu drehen und dabei immer wieder zu scheitern: Das ist das Leitmotiv von "Mistaken for Strangers". Geklappt hat es am Ende doch. "Make up something to believe in your heart of hearts / So you have something to wear on your sleeve of sleeves" ("Erfinde etwas, um an dein Innerstes zu glauben/damit du es voller Überzeugung nach außen tragen kannst"): Tom Berninger hat sich die Textzeile aus dem titelgebenden Song "Mistaken for Strangers" vom vierten The-National-Album "Boxer" offensichtlich zu Herzen genommen.

Schlecht für die Fans, gut für die Band

"Niemand dachte ernsthaft, dass Tom je irgendetwas mit dem Material anstellen würde - deshalb war die Band zunächst besorgt, als ich erzählte, dass daraus tatsächlich ein Kinofilm werden soll", sagt Matt. Sein Blick ist ernst. "Als sie aber sahen, dass es um unsere familiäre Beziehung und die kreativen Kämpfe von Tom mit sich selbst geht, waren sie erleichtert. Ein Film nur über die Band hätte doch niemanden interessiert." Ach nein?

Für The-National-Fans ist "Mistaken for Strangers" wahrscheinlich enttäuschend: 75 Minuten lang sieht man einem larmoyanten Loser-Typen zu, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt, im Schatten seine Bruders steht und ihn um seinen Erfolg beneidet - nicht bösartig, aber zumindest so sehr, dass er nicht davor zurückschreckt, sich und sein Scheitern in den Mittelpunkt des Films zu stellen.

Immerhin: Ein bisschen witzig ist die Selbstdarstellung von Tom, der wie die lächerliche Version seines Bruders wirkt, dann doch. Und so schwankt man zwischen Sympathie und Fremdscham bis am Ende nur ein ungläubiges Kopfschütteln zurückbleibt. Kann man wirklich so sein? Oder ist das alles inszeniert? "Ja, der Film zeigt tatsächlich mein wahres Ich", sagt Tom. Und auch sein Bruder Matt pflichtet ihm bei. Keine Schauspielerei, kein gekünsteltes Heulen vor der Kamera. Alles echt.



Mistaken for Strangers

USA 2013

Regie: Tom Berninger

Produktion: Matt Berninger, Carin Besser, Craig Charland

Länge: 75 Minuten

Verleih: Neue Visionen Filmverleih

Start: 10. Juli 2014

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
831nl4u51 09.07.2014
1. The National
Berühmt bei US-Demokraten. Oder wo? Bin ja kein Kostverächter, wenn es um Indierock geht, habe den Namen dieser Truppe allerdings noch nie vorher bewusst gehört oder gelesen...Erste Infos gab mir eben die Wikipedia. Aber nen guten Job, der ihm vom Brüderlein Neid einbringt, hat er als Sänger.
qwertzuiopü1234 09.07.2014
2. National
Wer von the National noch nichts gehört hat, sollte lieber schweigen. Die Vorschau zum Film gefällt mir überhaupt nicht, trotzdem werde ich wohl reingehen
831nl4u51 09.07.2014
3. Ich schweige.
Aber ich tippe meine Meinung. Und als (u.A.) Musiker mit über 20 Jahren Erfahrung auf beiden Seiten (aktiv/passiv) des Rockbereiches lasse ich mir nicht sagen, dass eine Band nicht zu kennen mich meines Rechtes zum Kommentar verlustig gehen lässt. Auch wenn man als Fan glaubt, "seine" Band sei DAS Ding, die Jungs sind nicht bedeutender als die Beatles plus Zappa plus Beethoven. Und für mich fängt "berühmt" erst bei einem größeren Bekanntheitsgrad an, als The National ihn in meiner Gegend (Köln) zu haben scheinen. Gruß, ein anderer bärtiger Bariton. ;-)
haifischsee 09.07.2014
4. Wtf
Super Duper Held und Indiekenner. Die Band ist Mainstream. Also weiter Zappa hören und lieber nichts kommentieren. Den Film seh ich mir an. Ich mag die Truppe und der Bruder klingt nett verpeilt.
Eluja 10.07.2014
5.
Komme aus Köln, kenne The National. Habe sie auch schon einmal live gesehen. In Köln. Und einmal in Düsseldorf. Bin allerdings kein Musiker mit 20 Jahren Erfahrung. Heisst das, ich darf mir den Film nicht ansehen? Oder den Beitrag nicht kommentieren?
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