Neuer Film von Nicolas Winding Refn Angriff aufs Auge

In Cannes wurde "The Neon Demon" ausgebuht. Dabei schafft Nicolas Winding Refn mit seinem neuen Film das, was ihm mit "Drive" und "Only God Forgives" noch nicht gelang: ein Kino, das auf das reine Sehen abzielt.

Jesse (Elle Fanning) beim Shoot: Eine Welt des Sehens
Koch Films

Jesse (Elle Fanning) beim Shoot: Eine Welt des Sehens


Nicolas Winding Refn hat es auf das Auge abgesehen. Kein Wunder: Filmemacher haben es immer auf das Auge abgesehen. Sie machen die Welt sichtbar, bieten sie unseren Augen an, lassen sie im Sehen entstehen - das ist Kino!

Refn hat es aber noch in einem ganz anderen Sinne auf das Auge abgesehen: Ihm geht es nicht nur um den Zusammenhang von Auge und Sehen, er interessiert sich vor allem für das Auge als stoffliches Organ; für die Empfindlichkeit, die Reizbarkeit, die Dünnhäutigkeit - und letztlich für die Verwundbarkeit. In "Valhalla Rising" musste die Titelfigur mit einem Auge auskommen, das andere wurde ihm ausgestochen. In "Drive" bohrte man mit einer Gabel ins Auge. In "Only God Forgives" ritzten Rasierklingen die Augäpfel blind.

Im Video: Nicolas Winding Refn erklärt eine Schlüsselszene

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Und nun, in "The Neon Demon", wird abermals ein Auge zum Fluchtpunkt einer überaus qualvollen Situation - es wird gegessen und verschluckt. Die Referenz ist klar: 1929 haben Luis Buñuel und Salvador Dalí in "Ein andalusischer Hund" die wahrscheinlich immer noch prominenteste Einstellung gedreht, in der ein Auge brutal zu Schaden kommt. Auch dort war es eine Rasierklinge, die in Großaufnahme das Auge einer jungen Frau halbierte. Refns ganze Philosophie vom Kino scheint in dieser Einstellung untergebracht zu sein. In ihr kommt das Kino mit Gewalt auf sich selbst zurück. Das einzige Thema, das Refn interessiert, das war schon in "Drive" und in "Only God Forgives" so, ist das Sehen selbst, ist der Angriff auf das Sehen, ist die Gabel, die ins Auge sticht, ist das, was uns zum Wegsehen zwingt.

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"The Neon Demon": Models und Missgunst

"The Neon Demon" ist wieder ganz geprägt von dieser engen Philosophie, die bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes einige Buhrufe provozierte. Der Film handelt vorgeblich von jungen weiblichen Models in L.A., von Konkurrenz und Missgunst unter ihnen, von der Schönheit, die nicht alles ist, sondern das Einzige ist in ihrer Welt. Eine Welt, in der es unmittelbar um das Sehen geht, um das Glück, gesehen zu werden, und das Drama, nicht gesehen zu werden - eben eine Augenwelt!

Schüchtern spaziert das junge Mädchen Jesse (Elle Fanning) in diese Welt hinein, will ihre Schönheit verkaufen, ihren Modeltraum verwirklichen und geht - wie es einmal heißt - in dieser Welt auf wie die Sonne mitten im Winter. Refn meint es mit dieser Figur genauso überzogen planetarisch, wie es dieser Satz andeutet: Alles dreht sich um sie, jeder Blick wird auf sie gelenkt. Die Welt ernährt sich von ihrer Schönheit, die gleichzeitig alles austrocknet, was sich ihr an Rivalität in den Weg schiebt. Derart ausgetrocknet ist die Nebenbuhlerin Sarah (Abbey Lee), dass sie Jesse sogar an einer Stelle das Blut aus der klaffenden Wunde saugt.

Natürlich geht es dabei nicht im Geringsten um eine realweltliche Perspektive auf dieses spezielle Milieu und die Feindschaften, aus denen es gebaut ist, auch und erst recht nicht um eine wendungsreiche Dramaturgie oder ein konkretes Handlungsgeschehen. Hier geht es nicht um junge Mädchen, nicht um Outfits, nicht um Laufstege; es geht nicht um psychologische Komplexität, nicht um Figuren, die wichtige Motive und Pläne hätten, nicht einmal um die Machtverhältnisse zwischen Fotografen und Models; es geht einzig und allein um das Kino selbst, um die Essenz des Kinos, um das Sehen - um die Essenz, wie sie Refn versteht.

Mit "The Neon Demon" ist der Filmemacher an jenem Punkt angekommen, den er mit "Drive" und "Only God Forgives" nur in Aussicht stellte: in einer an allen Fronten nach Außen hin verriegelten Selbstgenügsamkeit. Ein Kino, das nichts will außer sich selbst. Ein egoistisches Kino, das nur sich selbst schön findet, das sich an sich selbst nicht satt sehen kann, so sehr, dass es beinahe an sich selbst erstickt - siehe jene emblematische Szene mit dem Auge.

Damit vollzieht Refn eine Verabsolutierung der Metaebene, in der alles aufgeht: jede Bewegung, jeder Charakter, sogar der Ton, der dröhnende, scheppernde Soundtrack. Für den Filmemacher sind wir Zuschauer Geiseln. Er zwingt uns zuzusehen, zwingt uns in die Zeitlupen, in grelles Licht, in abstrakte Räume, in das Blitzlicht von Fotokameras, in das Scheinwerferzucken der Nachtclubs. Und dann, mitten in diesem Reizgeschehen - nichts anderes ist Schönheit für Refn: ein bloßes Reizgeschehen - sticht er zu.

"The Neon Demon" ist kein Angebot an das Denken. Die Frage, was uns dieser Film sagen möchte, versandet automatisch und unmittelbar. Dieser Film geht nur auf das Auge los. Schönheit ist, was Augen schmecken. Augen ganz für sich allein, ohne Anschluss an das Gehirn, ein pures Sehen; das ist die Fantasie dieses Films: ein Entkleiden unserer Augen. Nicht etwas sehen, sondern Sehen überhaupt! Und je nackter die Augen desto verwundbarer sind sie. In dieser Spannung ist "The Neon Demon" das Beben, das "Drive" und "Only God Forgives" nicht zustande brachten.

"The Neon Demon"

    USA/DK/F 2016

    Regie: Nicolas Winding Refn

    Buch: Nicolas Winding Refn, Mary Laws, Polly Stenham

    Darsteller: Elle Fanning, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Christina Hendricks, Keanu Reeves, Karl Glusman, Desmond Harrington

    Verleih: Koch Media

    Produktion: Space Rocket Nation / Motel Movies

    Länge: 113 Minuten

    Start: 23. Juni 2016

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