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Thriller-Serie "The Night Manager": "Verführung und Abstoßung"

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Des Willie/ Berlinale

Eigentlich ist sie bekannt für große Kinodramen - jetzt hat Regisseurin Susanne Bier ihre erste Thriller-Serie gedreht: "The Night Manager". Im Interview berichtet sie vom Reiz des Erzählens in Episoden.

Zur Person
  • DPA
    Susanne Bier, geboren 1960 in Kopenhagen, ist eine der profiliertesten Regisseurinnen weltweit, die sowohl dänische Low-Budget-Filme als auch Hollywood-Produktionen verantwortet hat. 2002 gelang ihr mit dem Dogma-Film "Für immer und ewig" der Durchbruch. Für "Nach der Hochzeit" wurde sie 2006 für den Auslands-Oscar nominiert, 2010 gewann sie schließlich den Academy Award für "In einer besseren Welt". Die BBC-Serie "The Night Manager" mit Hugh Laurie, Tom Hiddleston und Olivia Coleman nach dem gleichnamigen Roman von John le Carré ist ihre erste TV-Serie. Sie ist ab dem 28. März in Deutschland auf Amazon Prime verfügbar.

SPIEGEL ONLINE: Frau Bier, Sie sind vor allem durch Ihre großen emotionalen Kinodramen berühmt geworden. Wie passt da eine Spionage-Thriller-Serie rein?

Bier: Allgemein sind Geheimnisse eine der interessantesten Dinge, von denen du im Kino oder im Fernsehen erzählen kannst. Und wer könnte mehr Geheimnisse haben als Spione? Ich glaube, ich habe ein sehr gutes Gespür für die emotionale Wucht in meinen Filmen. Das mit dem Thriller-Genre zu kombinieren, fand ich reizvoll, weil es dem Stoff eine andere Tiefe verleiht.

SPIEGEL ONLINE: Wann sind Sie in die Produktion von "The Night Manager" eingestiegen?

Bier: Es gab eine sehr frühe Drehbuchfassung der ersten Folge, die man Hugh Laurie und Tom Hiddleston vorgelegt hatte. Als ich davon erfuhr, wollte ich sofort dabei sein - ich war schon immer sehr neidisch auf die Leute, die mit John le Carré arbeiten durften, und wollte längst schon mal was fürs Fernsehen gedreht haben. Die Buchvorlage von le Carré ist 23 Jahre alt, die mussten wir deutlich aktualisieren, damit sich die Geschichte zeitgemäß anfühlt. Ursprünglich spielt die Geschichte in der Karibik, uns erschien es dagegen passend, sie vor dem Hintergrund des arabischen Frühlings spielen zu lassen. Außerdem haben wir aus dem Geheimdienstkoordinator Leonard Burr eine Frau gemacht, gespielt von Olivia Coleman.

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BBC-Serie: "The Night Manager"

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie erzählerisch an der Geschichte interessiert?

Bier: Die Figur von Hugh Laurie, der Waffenhändler Richard Roper, wird in der Serie mehrfach als der schlimmste Mann der Welt bezeichnet - während Hugh Laurie der charmanteste Mann der Welt ist. Diese Spannung habe ich auch empfunden, als ich das Buch gelesen habe. Jonathan Pine, der Undercover-Agent, der auf Roper angesetzt wird und den Tom Hiddleston spielt, muss in diese Welt des Bösen eintauchen. Gleichzeitig wird er aber verführt, weil diese Welt so sexy und verschwenderisch ist. Man fragt sich die ganze Zeit, ob er von diesem Überfluss korrumpiert werden wird oder seiner Mission treu bleibt. Als Zuschauerin geht es einem genauso wie Pine: Man will Urlaub in Ropers Villa machen, mit ihm am Meer zu Abend essen, obwohl man weiß, was für ein Mensch er ist. Dieses Spiel aus Verführung und Abstoßung wollte ich in der Serie umsetzen.

SPIEGEL ONLINE: "The Night Manager" ist Ihre erste Fernsehserie. Die Premiere haben Sie allerdings im Februar im Rahmen der Berlinale gefeiert. Warum? Weil es keinen nennenswerten Unterschied mehr zwischen TV und Kino gibt?

Bier: Mir war es tatsächlich sehr wichtig, die Serie auf der Berlinale zu zeigen - eben weil sich die zwei Medien immer stärker verweben und vom Austausch stark profitieren. Besonders das Kino läuft zurzeit Gefahr, sich immer mehr in zwei Extreme aufzuteilen - entweder Riesen-Blockbuster oder Filme mit sehr speziellen Zielgruppen. Fernsehen schnappt sich gerade die Mitte des Publikums, die das polarisierte Kino nicht mehr erreicht. Mir geht es ja auch so: Ich bleibe manchmal lieber zu Hause und gucke fünf Folgen einer tollen Serie, als ins Kino zu gehen. Deshalb ist es besonders interessant zu beobachten, wie gerade neue Vertriebswege für Filme entstehen und wie Streamingdienste mit Spielfilmen umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie dann auch so weit gehen wie die Produzentin Christine Vachon? Sie hat gesagt, dass sich junge Kreative nicht mehr Filmemacher nennen sollten, sondern Geschichtenerzähler, weil es falsch wäre, sich nur aufs Kino zu konzentrieren und andere Vertriebswege auszuschließen.

Bier: Damit stimme ich absolut überein - und das gleich im mehrfachen Sinne. Zum einen sind Regisseure von vornherein Geschichtenerzähler. Das wurde die längste Zeit im TV-Bereich nicht anerkannt. Wer im Fernsehen Regie führt, galt bislang als jemand, der nur eine logistische Herausforderung stemmt. Im Kino dagegen galten Regisseure als auteurs, als große Künstler, die man nicht infrage stellen darf. Ich glaube, beide Ansätze sind destruktiv. "The Night Manager" zum Beispiel ist das Resultat einer großen gemeinschaftlichen Anstrengung. Es kam so viel kreativer Input aus den unterschiedlichsten Quellen, von John le Carré, von den Drehbuchautoren, von den Schauspielern. Die Chancen, dass etwas kreativ Befriedigendes herauskommt, ist meines Erachtens nach bei so einem Prozess viel größer. Das heißt aber nicht, dass es keine künstlerische Vision vom Endprodukt braucht - sie muss nur klar genug sein, damit jeder dazu beitragen kann.

SPIEGEL ONLINE: "The Night Manager" hat eine Laufzeit von rund sechs Stunden. Das entspricht ungefähr vier Spielfilmen. Was verändert sich für Sie als alleinige Regisseurin, wenn Sie so viel Stoff inszenieren müssen?

Bier: Die Menge der Details, auf die man achten muss, ist riesig. Man spielt gewissermaßen auf drei Schachbrettern gleichzeitig. Morgens dreht man Szene 18 aus Folge 2, mittags Szene 60 aus Folge 6 und nachmittags Szene 3 aus Folge 2. Man macht die ganze Zeit riesige Sprünge zwischen den verschiedenen Ebenen. Manchmal bemerkt man dann, dass man vor zwei Wochen etwas gedreht hat, dass großen Einfluss auf das hat, was man erst jetzt dreht. Das klingt wahrscheinlich sehr anstrengend, und ich habe tatsächlich während dieses Drehs so wenig wie noch nie geschlafen. Aber ich kann nur sagen, dass es mir Spaß gemacht hat und es die größte kreative Herausforderung meiner Karriere gewesen ist.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur die Spionage-Geschichte, auch das glamouröse Setting von "The Night Manager" erinnern an James-Bond-Filme. Stünden Sie als Regisseurin für den nächsten Bond bereit?

Bier: Jede Regisseurin und jeder Regisseur, der oder die für den nächsten Bond angefragt würde, würde Ja sagen - schließlich sind die Filme so ein großer Teil unserer kulturellen Veranlagung. Und ich würde natürlich auch Ja sagen!

Kurzkritik "The Night Manager"
  • Des Willie/ Berlinale
    In Kairo bricht sich der Protest gegen das Regime von Hosni Mubarak brutal Bahn. Doch im Luxushotel tut der britische Nachtportier Jonathan Pine (Tom Hiddleston) alles dafür, die Fassade von Ruhe und Ordnung zu bewahren. Als er von der Geliebten eines ägyptischen Gangsters in höchster Not Dokumente zugesteckt bekommt, die dem berühmten Waffenhändler Richard Roper (Hugh Laurie) Kriegsverbrechen nachweisen, kann er jedoch nicht länger unbeteiligt bleiben. Pine lässt sich von einer Unterabteilung des britischen Geheimdienstes MI6, angeführt von Angela Burr (Olivia Coleman), anwerben und wird undercover auf Roper angesetzt. Seine Mission ist jedoch doppelt gefährlich - denn in Ropers Geschäfte sind auch weite Teile von MI6 verwickelt.
Mit Hiddleston, Laurie und Coleman hat "The Night Manager" drei der charismatischsten Schauspieler Großbritanniens zu bieten. Ihr spannungsreiches Zusammenspiel, in dem auch immer wieder Momente von Humor möglich sind, macht den größten Reiz der sechsteiligen Miniserie aus, die David Farr auf der Grundlage von John le Carrés Roman geschrieben hat. Mit einem Budget von rund 25 Millionen Euro ausgestattet, spart die Serie nicht an spektakulären Sets und schlägt damit eher die gefällige Glamour-Route ein, als den düsteren Pfad, den zuletzt Tomas Alfredson in seiner Le-Carré-Adaption "Dame, König, As, Spion" eingeschlagen hat. Als Hochglanz-Produktion, die sich an ihrem tollen Ensemble und ihren Produktionswerten erfreut, macht "The Night Manager" allerdings viel Spaß. Nachdem die Serie in Großbritannien bereits sehr gute Quoten eingefahren hat, gilt eine zweite Staffel bereits als beschlossen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Oscar...
der gärtner 29.03.2016
So ein Quatsch "Tom Hiddleston hat für seine Rolle in "The Revenant" zuletzt viel Lob und eine Oscarnominierung erhalten." ! Nominiert wurde Tom Hardy, welcher auch real mitspielte in "The Revenant"! Tom Hiddleston hat in diesem Film keine Rolle inne gehabt.
2. Klasse Serie, mit viel Gefühl für Tempo
lukio 29.03.2016
Habe die ersten 3 Folgen gesehen und finde es angenehm das es nicht so übertrieben chaotisch und actionlastig ist (wie so manche deutschen Thriller / Krimis) sondern sich in stetem, ruhigen Schritt die Geschichte abgewickelt wird. Wie üblich macht das BBC qualitativ eine deutlicher hochwertigere Arbeit als die hiesigen ÖR, welchen in Sinnlosen "Möchtegern Breaking Bad" Serien, Telenovelas und Musikantenstadl ihr Geld verprassen.
3. Alle können es besser
Palisander 29.03.2016
als das heimische Fernsehen. Das ist ach der Grund warum ich persönlich so gegen den RFBeitrag bin. Ich halte nichts davon miese Qualität und Klüngelfilz auch noch mit meinem Geld zu fördern.
4. Wieso...
vulcan 29.03.2016
.....muss aus dem Geheimdienstdirektor der Buchvorlage eine Frau gemacht werden? Was soll der Quatsch? Gibt's da eine Quote oder wie? Dieses gewaltsame Hineinzwängen von weiblichen Rollen in Filme, wo sie nichts zu suchen haben, ist einfach zu dämlich. Kommt ja leider öfter vor. Bisheriger mir bekannter Höhepunkt dieser Unsitte - F. Potente in der (extrem schlechten) Neuverfilmung von 'Die Brücke'. Umgekehrt gibt es das m. W. nicht.
5. Gute Serie
obertroll 29.03.2016
leider nur ein ziemlich flaches Ende. Aber es soll ja noch eine 2. Staffel davon gemacht werden.
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