Frauenbilder in Venedig Zur Täterin werden

Zwei Regisseurinnen erzählen in Venedig von Gewalt gegen Frauen. Die eine fragt, warum junge Mädchen dem Mörder Charles Manson verfielen. Die andere inszeniert eine blutige Rache - und erntet sexistische Beschimpfungen.

Szene aus "Charlie Says"
Filmfest Venedig

Szene aus "Charlie Says"

Aus Venedig berichtet


Auf einem Filmfestival Szenenapplaus zu bekommen ist nicht einfach. Ausgerechnet der einzigen Regisseurin in diesem Venedig-Jahrgang gelang es aber, die Begeisterung des Fachpublikums zu provozieren. Am Ende von Jennifer Kents "The Nightingale" wird der machtzerfressene Lieutenant Hawkins (Sam Claflin), ein Menschenschinder und Vergewaltiger, umgebracht. So groß war die Erlösung vieler ZuschauerInnen, dass sie spontan klatschten. Jubeln über den gewaltsamen Tod eines Menschen, wenn auch in einer Filmhandlung?

Das Unbehagen war danach greifbar im Saal. Einige machten es noch schlimmer, als sie später trotzig-ironisch applaudierten, als auch der australische Ureinwohner Billy (Baykali Ganambarr), ein Sympathieträger des Films, angeschossen wird. Ein sehr interessanter Moment der Rezeption: So viel geht durcheinander, wenn Frauen Regie führen - und sich an übergriffigen Männerfiguren abarbeiten.

"The Nightingale" ist ein furioses, nicht vollständig überzeugendes Rachedrama über eine geächtete Frau (Aisling Franciosi), die im kolonialisierten Australien des 19. Jahrhunderts mit ihrem indigenen Sidekick ihre Peiniger jagt. Kent, die zuvor den Horror-Thriller "Babadook" drehte, streut exzessive Gewalt in ihren Film: Mehrmals wird Clare (Franciosi) vergewaltigt, ihr Baby wird ebenso ermordet wie ihr Ehemann. Später im Film wird ein kleiner Junge erschossen und eine Aboriginal-Frau erst missbraucht, dann fast beiläufig abgeknallt.

Jennifer Kent
REUTERS

Jennifer Kent

Frauen und Eingeborene, macht Kent klar, sind minderwertiges Leben für die britischen Kolonialherren, Menschen werden ausgebeutet wie das gewaltsam angeeignete Land. Doch Clare ist vor allem wütend. Und diese Wut entlädt sich, als sie einen der Soldaten, der sie vergewaltigt hat, wie im Rausch hinrichtet.

Danach setzt Trauer, Verzweiflung und vermutlich auch Scham über den Verlust von Humanität ein - und der zunächst gleichmütige Billy, der durch den gewaltsamen Tod seines Onkels ebenfalls ein Motiv erhält, mordet an ihrer Stelle weiter. Beide zerbrechen daran.

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Das alles ist nicht subtil, aber es ist über weite Strecken effektiv und verfügt über makabere Punch-Lines, die den historischen Kontext durchdringen und in die Konflikte der Gegenwart deuten. Kent bedient die Exzesse des zumeist männlich definierten Rache-Genres, Stichwort Torture Porn, und gibt sie einer Anti-Heldin an die Hand. Die "Nachtigall", die lüsterne Soldaten gegen ihren Willen mit ihren schönen Gesängen unterhalten musste, schreit jetzt schrill "Stirb!" ins schon deformierte Gesicht ihres Peinigers - "Lady Snowblood" auf Australisch.

Das passt gut in die Debatte über #MeToo und taugt als Schocker, kommt jedoch über die bloße Aneignung des Gewaltkinos kaum hinaus. Mit aller moralischen Grobheit, die das mit sich bringt. Aber das rechtfertigt nicht, warum ein Kritiker die abwesende Jennifer Kent bei einer der Vorführungen als "Hure" beschimpfte; so berichtet es das US-Magazin "IndieWire".

Laut Bericht reagierte Kent auf einer Pressekonferenz mit einer Milde und Überlegenheit, die ihrem Film leider nicht vergönnt ist: "Ich glaube, es ist von absoluter Wichtigkeit, mit Mitgefühl und Liebe auf Ignoranz zu reagieren." Aber dafür braucht es Respekt. Wie schwierig dieser als Frau zu erlangen ist, zeigt nicht nur ihr Film, sondern auch dieser Ausfall gegen Kent, die es vor allem mit Leinwandgewalt schaffte, in den Wettbewerb eingeladen zu werden - als einzige Regisseurin.

Szene aus "The Nightingale"
Transmission FIlms

Szene aus "The Nightingale"

Dabei gab es mit "Charlie Says" noch einen weiteren von einer Frau gedrehten Film im Festival, der ebenfalls von einem gewalttätigen Mann und seinen Opfern handelt - und "Nightingale" gut ergänzt hätte. Kurz bevor Quentin Tarantino 2019 mit seiner zu erwartenden Pulp-Orgie "Once Upon A Time In Hollywood" über dieses Thema hinwegwalzen wird, widmete sich Regisseurin Mary Harron ("American Psycho") drei Frauen, die zu Jüngerinnen des Sektenführers Charles Manson wurden. "Charlie Says" basiert auf Ed Sanders Buch "The Family", vor allem aber auf den Memoiren der Kriminologin Karlene Faith, die im Gefängnis von Santa Cruz für ein Studienprojekt mit Patricia Krenwinkel (alias Katie), Susan Atkins (Sadie) und Leslie Van Houten (Lulu) arbeitete.

Harrons Film schneidet zwischen Van Houtens Einführung in das Leben auf Mansons Spahn Ranch und den späteren Therapie-Sitzungen mit Faith (Merrit Wever) hin und her. Als Scharnier dienen die Gräueltaten vom 8. August 1969, als das Trio zusammen mit Tex Watson das Ehepaar La Bianca in ihrem Haus ermordete. Am nächsten Tag waren Atkins und Krenwinkel dabei, als Manson Sharon Tate und drei ihrer Freunde umbrachten.

Inhaltlich fügt "Charlie Says" dieser vielfach erzählten Geschichte wenig Neues hinzu. Und auch formal ist Harrons solide inszenierter Film nicht sonderlich aufregend. Gekonnt entzaubert sie den von Matt Smith mit hinreichender Dämonik gespielten Manson, der Liebe und Libertäres predigt, aber in Wahrheit ein eitler Tyrann und wahnhafter Apokalyptiker ist, der abweichende Meinungen mit Gewalt ahndet. Wie konnte es sein, dass viele junge Mädchen diesem Scharlatan verfielen? Zumal Ende der Sechziger, als Geschlechterrollen aufbrachen und feministische Theorien diskutiert wurden.

Mary Harron
Getty Images

Mary Harron

Dieser Frage widmet sich die Psychologin Faith im spannenderen Teil des Films. Van Houten (Hannah Murray) wird sich im Gefängnis bewusst, welcher Gehirnwäsche sie sich unterziehen ließ: Mehrmals ließ sie die Chance, die Farm und zu verlassen, verstreichen, stach schließlich im Haus der La Biancas frenetisch zu, obwohl sie nicht gezwungen wurde.

Anders als Kent bietet Mary Harron keine moralische Absolution ihrer Protagonistinnen an: Die Frauen werden nicht von der Verantwortung freigesprochen - und auch ihre Lebensgeschichten vor der Manson-Episode dienen nicht als Erklärfolie, sie werden schlicht nicht thematisiert.

Der Zuschauer ist gezwungen, Katie, Sadie und Lulu als selbstbestimmte Subjekte auch abseits von Mansons Manipulationen zu begreifen. Als Opfer, sicher, aber eben auch als Täterinnen. Dieser unbequeme, aber herausfordernde Blick auf eine komplexe Beziehungsstruktur aus Attraktion, Hingabe und Gewalt wird aus unerfindlichen Gründen nur in einer Festival-Nebenreihe gezeigt. Warum das so ist, bleibt ein Geheimnis der Leitung und ihrer Auswahlkommission.

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Hinterdemspiegel 08.09.2018
1. Na also!
Da haben Sie doch 2 Filme gefunden, die sich dadurch auszeichnen, dass eine Frau Regie führte. Und Sie wissen auch schon, wie Tarantino nächstes Jahr über ein Thema hinwegwalzen wird! Beeindruckend! Haben Filme eigentlich bimmer Themen? Wie ein Aufsatz? Schade für den Film als Kunstform , dass Sie (die Redaktion von SPON) Filmfestivals nur noch unter dem Gesichtspunkt eines feministischen Kulturkampfes sehen...
Mainemaynung 08.09.2018
2. Gegen Tarantino...
...spricht wohl überwiegend sein Geschlecht, oder? Wieder ein schöner Besinnungsaufsatz unseres Gleichstellungsbeauftragten zur Förderung der Frauen in der Filmwirtschaft.
m.b. 08.10.2018
3. Filmfan
Ich danke dem Spiegel für diesen Artikel. So weiss ich wenigsten, welche Filme ich mir NICHT anschauen muss. So kann ich mir das Geld sparen und habe erst noch den Vorteil, mich nicht erst hinterher ärgern zu müssen.
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