"The Others" Horrorkabinett im Kopf

Der spanische Regisseur Alejandro Amenábar hält eindrucksvoll Einzug in Hollywood. Mit seinem subtilen Gruselfilm "The Others" trieb er seine Hauptdarstellerin Nicole Kidman zu Höchstleistungen an und schuf einen Genreklassiker, der ohne grelle Effekte auskommt und auf die Phantasie des Zuschauers setzt.

Von Manfred Müller


Zur Abschottung verdammt: Grace (N. Kidman) und ihre Kinder
SENATOR

Zur Abschottung verdammt: Grace (N. Kidman) und ihre Kinder

Viele stilbildende Meisterwerke des Horrorfilms sind nicht den eigentlichen Spezialisten des Fachs zu verdanken. Es waren die Arbeiten von Regisseuren, die man gemeinhin nicht mit einem bestimmten Genre in Verbindung bringt. Jean Renoirs "Das Testament des Dokter Cordelier", Roman Polanskis "Rosemarys Baby", Hitchcocks "Die Vögel" oder Kubricks "Shining" sind nicht stellvertretend für das Œuvre ihrer Urheber. Auch der Brite Jack Clayton ist der Nachwelt mehr für seinen Flop mit "The Great Gatsby" bekannt als für seinen Horrorfilm "The Innocents" ("Schloss des Schreckens"), obwohl die Henry-James-Adaption in der Ausbildung klassischer Suspense bis heute Maßstäbe setzt.

Alejandro Amenábars "The Others" hat viel gemein mit Claytons Gruselschocker von 1961, sowohl in seinem beklemmenden Motiv morbider englischer Großbürgerlichkeit als auch in der unerbittlichen Perfektion des atmosphärischen Spannungsaufbaus. Schon der Schauplatz ist von wohlig schauriger Ausstrahlung. Ein herrschaftliches Anwesen auf der Insel Jersey, ein veritables Schloss, das im obligatorischen Nebel und dem malerisch bunten Herbstlaub seiner weitläufigen Parkanlage förmlich zu versinken droht. Ein romantisches Idyll, von dem seine Bewohner allerdings wenig Notiz nehmen. 1945, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, lebt hier die junge Grace (Nicole Kidman) mit ihren Kindern Anne und Nicholas. Die beiden leiden an einer tödlichen Sonnenallergie und dürfen keinerlei Tageslicht ausgesetzt sein. So verbringt die Familie ihr Leben gefangen hinter feuchten Mauern und schweren Vorhängen.

Auf Graces strikte Anordnung muss jede Tür im Haus verschlossen werden, bevor man eine nächste öffnet, und sei es nur, um ein Zimmer zu durchqueren; ein Prozedere, das in seiner zwanghaften Routine dem Zuschauer schon die Nerven raubt, bevor der eigentliche Grusel aufzieht.

Obligatorischer Nebel: Schauplatz der Gruselstory
SENATOR

Obligatorischer Nebel: Schauplatz der Gruselstory

Mit neu eingestellten Dienstboten führt der Film in die gespenstischen Gepflogenheiten des Haushalts ein, dem knorrigen alten Gärtner Mr. Tuttle (Eric Sykes), der Hauswirtschafterin Mrs. Mills (Fionnula Flanagan) und der stummen Lydia (Elaine Cassidy), einer verhuschten Kindfrau mit schreckensgeweiteten Augen, der ein unaussprechliches Erlebnis die Sprache verschlagen hat.

Nach wenigen Szenen ist klar, dass Amenábar nicht auf Schockeffekte, sondern auf subtile Mittel setzt. Ausgefeilte Atmosphäre dominiert visuelle Technik. Der Spanier, auch für Drehbuch und Musik verantwortlich, bringt das klassische Arsenal des Gruselkinos in Stellung. Lange passiert nichts eigentlich Dramatisches - abgesehen von knarrenden Dielen, sich öffnenden Türen, hallenden Schritte und flackerndem Kerzenlicht. Allein die eigene Phantasie sorgt für Grusel und Gänsehaut.

Frei von grellen Effekten, allein mit auskomponierten Bildern und präzise entwickelten szenischen Abläufen weiß Amenábar die Spannung ins Unerträgliche zu steigern. Ein Klassizist des Lichtspiels, der auch die Schauspieler zu nuancierter Darstellungen führt. Nicole Kidman, die hier eine wahrhaft brillante Leistung zeigt, verbindet die leicht blasierte Anmut von Grace Kelly mit dem resoluten Gestus einer Bette Davis, unterlegt die strikte Beherrschtheit ihrer englischen Lady mit latenter Nervosität, ohne dabei gleich signifikant neurotisch zu wirken.

Auch das Spiel der Kinder wirkt natürlich und zugleich pointiert verhaltensauffällig. Ängstlich und sensibel der kleine James Bentley, von aufsässiger Phantasie hingegen Alakina Mann als ältere Schwester, die den Bruder mit Horrorgeschichten traktiert und mit unsichtbaren Hausgenossen Umgang pflegt. Zögernd, aber eindringlich bestätigt Amenábar unseren Verdacht, dass bald übersinnliche Heimsuchungen ins Haus stehen.

Übersinnliche Heimsuchungen: Graces Kinder spüren das drohende Unheil
SENATOR

Übersinnliche Heimsuchungen: Graces Kinder spüren das drohende Unheil

Der noch nicht 30-jährige Regisseur hat sich mit seinem letzten, erst zweiten Spielfilm für diese amerikanische Co-Produktion empfohlen. Die Science-Fiction-Romanze "Abre los ojos" ("Open Your Eyes") von 1997 war ein durchschlagender Erfolg und bewies ausgeprägten Stilwillen. Tom Cruise sicherte sich die Rechte für ein Remake, das unter dem Titel "Vanilla Sky" ebenfalls in diesem Monat in die Kinos kommt. Cruise vermittelte auch das Geld für Amenábars englischsprachiges Debüt und behielt als ausführender Produzent ein waches Auge auf dem Projekt.

Doch trotz der neuen US-Connection verharrt der gebürtige Chilene in Sujet und Bildsprache fest in europäischer Kinotradition, ohne sich gängigen Trends zu unterwerfen. Ein Vergleich mit M. Night Shyamalans "The Sixth Sense" mag auf Grund der überraschenden Schlusspointe nahe liegen, wird aber der Originalität der Geschichte und dem Stil ihrer Umsetzung nicht annähernd gerecht. Amenábar ist ein eigenständiger epischer Filmerzähler und seine Begabung sicher zu umfassend, um auf Dauer hinter Genregrenzen Platz zu finden. Vielleicht wird er so bald keinen Horrorfilm mehr drehen. Aber allein dieser dürfte Schule machen.

"The Others". USA/Spanien 2001. Regie: Alejandro Amenábar; Drehbuch: Alejandro Amenábar; Darsteller: Nicole Kidman, Christopher Eccleston, Fionnula Flanagan, Elaine Cassidy, Eric Sykes, Alakina Mann, James Bentley; Produktion: Miramax/Studio Canal/Canal+; Verleih: Senator; Länge: 101 Minuten; Start: 10. Januar 2002



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.